Um 7 Uhr geht bei der Post gar nichts

Um 7 Uhr geht bei der Post gar nichts

Die Post öffnet ihre Schalter spät und gönnt sich bis zu 4 Stunden Mittagspause. Die Stiftung für Konsumentenschutz läuft auf.

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von Beni Frenkel am 15.4.2021, 09:00 Uhr
Schalter gehen erst um 9 Uhr auf Bild: Beni Frenkel
Schalter gehen erst um 9 Uhr auf Bild: Beni Frenkel
Die Warteschlange erstreckt sich bis zur Strasse. Dutzende Menschen stehen ungeduldig vor der geschlossenen Tür. Es ist ein Werktag und es ist kurz vor 9 Uhr. Die Menschen wollen nicht den neuesten Turnschuh von Roger Federer kaufen, sondern nur ein Paket in der Postfiliale Zürich Enge aufgeben oder wichtige Postgeschäfte erledigen, die man nicht von zu Hause erledigen kann.
Bis Ende 2020 machte die gut frequentierte Filiale im Zürcher Kreis 2 um 7:30 Uhr auf. Die verkürzte Öffnungszeit «basiere auf Kundenbedürfnissen», wie die Post auf Anfrage schreibt.
Weiter geht es zur Sihlpost. Die grösste Poststelle Zürichs, gleich neben dem Hauptbahnhof, öffnete früher ihre riesigen Türen von Montag bis Samstag bereits um 6:30 Uhr. Auch hier spart die Post, beziehungsweise beugt sich jetzt den «Kundenbedürfnissen». Neu macht sie werktags erst um 8 Uhr auf. Am Samstag um 10 Uhr.
878 eigenbetriebene Postfilialen gibt es noch in der Schweiz. «Stand Ende März 2021», präzisiert die Post, denn jeden Monat werden es weniger. Von diesen Filialen macht keine einzige bereits um 7 Uhr auf, wie eine Recherche des «Nebelspalters» zeigt.
Eigentlich müsste die Post ihr Angebot ausweiten: 150'000 Kleinpakete wurden 2020 verschickt – pro Tag. Die Post jubiliert in ihrem Jahresbericht und schreibt zu Recht von einem «Paketboom». Die Menge der zugestellten Pakete klettert jedes Jahr auf ein neues Rekordhoch. 2020 wurden nochmals 23 Prozent mehr Pakete als im Vorjahr verschickt.
Um die Bedürfnisse ihrer Kunden zu erfüllen, gönnt sich der Staatsbetrieb in vielen Filialen eine ausgedehnte Mittagspause. In Pfäffikon (SZ) dauert die Siesta 1,5 Stunden, in Erlenbach (ZH) 2 Stunden. In Leuggern (AG) sogar 4 Stunden.
Die Stiftung für Konsumentenschutz ist genervt: «Privat- und Geschäftskunden leiden unter den eingeschränkten Öffnungszeiten.» Eigentlich müsste die Post von Gesetzes wegen die Bedürfnisse einer möglichst breiten Bevölkerung abdecken, schreibt sie auf Anfrage. Für das was die Post abliefert, verteilen die Konsumentenschützer die Note «ungenügend».
Dass viele in der Schweiz schon vor 8 Uhr das Haus verlassen, zeigen die Öffnungszeiten der Bäckereien und des Detailhandels. Zum Beispiel die Feinbäckerei Hauger AG in Flüelen (UR). Nebst Uristierli, Fruchttörtli und Quarkkugeln gibt es im Laden auch Briefmarken und eine Paketannahme. Die Bäckerei öffnet um 6:30 Uhr. Noch früher macht der Volg in Hätzigen (GL) auf. Bereits ab 6 Uhr morgens können hier Kunden ihre Pakete verschicken. Hoffentlich entsprechen die Öffnungszeiten den Kundenbedürfnissen.
Aktuell, so die Post, öffnen über 600 Partnerfilialen, also Volg, Denner oder Bäckereien, bereits um 7 Uhr oder früher. Das Angebot ist allerdings auf wenige Dienstleistungen beschränkt. Die Kassiererin im Denner und der Verkäufer in der Bäckerei können Briefmarken verkaufen und ein Paket rausstellen. Mehr nicht. Selbst das Briefmarken-Angebot ist auf 85 Rappen und 1 Franken-Wertzeichen beschränkt.
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