Politik fordert Standards für PCR-Tests

Politik fordert Standards für PCR-Tests

Alain Berset will keine Transparenz darüber herstellen, wie genau die Fallzahlen erhoben werden. Die Präsidentin der Gesundheitskommission findet das eine «Ausrede».

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von Dominik Feusi am 16.6.2021, 04:00 Uhr
Bei mehr als 30 Zyklen findet der PCR-Test Virenfragmente, die ungefährlich sind. (Bild: shutterstock)
Bei mehr als 30 Zyklen findet der PCR-Test Virenfragmente, die ungefährlich sind. (Bild: shutterstock)
Der PCR-Test, mit dem Proben von Speichel oder Nasenschleimhaut auf Covid-19 untersucht werden, ist ein hochsensitiver Test. Besonders wenn er mit zahlreichen Wiederholungen, sogenannten Zyklen, durchgeführt wird. Er findet selbst Bruchstücke von Viren. Aber er ist nicht in der Lage festzustellen, ob das, was er findet, andere Personen krank machen kann oder nicht.

Zu Hohe Fallzahlen

Studien zeigen: Bei mehr als 35 Zyklen können bis zu neun von zehn positiv Getesteten gar nicht mehr ansteckend sein. In der Schweiz werden aber typischerweise 40 Zyklen gemacht. Virologen im In- und Ausland sprechen sich deshalb für eine Obergrenze der Zyklen bei rund 30 aus, um Fälle auszuschliessen, die zwar positiv getestet werden, aber gar nicht mehr ansteckend sind. Der Wirteverband Gastrosuisse verlangte deshalb vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) Transparenz über die Messung und die Einführung von Standards. Das BAG lehnte dies ab (Lesen Sie hier unsere Recherche).
Die Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel Näf (Mitte), Präsidentin der Gesundheitskommission des Nationalrates, wollte in der Fragestunde von Bundesrat Alain Berset wissen, warum man die Anzahl Zyklen nicht bekannt gebe und nicht wie im benachbarten Ausland eine Obergrenze festlege. Alain Berset liess schriftlich ausrichten, dass man die Anzahl Zyklen schlicht nicht kenne und sie deshalb nicht angeben könne. Und für eine Obergrenze verwies er auf die Labore. Das BAG diskutiere die Fragestellung jedoch regelmässig mit Experten.

«Schnellstens einfordern»

Ruth Humbel ist mit der Antwort nicht zufrieden. «Das BAG sagt, weil man die Werte nicht habe, könne man sie nicht liefern» sagt Humbel, «das tönt für mich nach einer Ausrede.» Wenn das BAG die Werte nicht habe, dann sollte es diese schnellstens einfordern und Vorgaben erlassen, wie getestet wird. Jede andere Untersuchung im Gesundheitswesen sei normiert, damit man genau wisse, was man messe. «Auch die Task Force sollte über einen solchen Wert nicht nur reden, sondern ihn wissenschaftlich herleiten.»
Humbel möchte auch, dass es eine Limite gibt. «Diese oberen Grenzwerte gibt es zum Beispiel in Deutschland und in Österreich.» Man könne den Wert ja vorsichtig festlegen, also dort, wo die Wahrscheinlichkeit wirklich sehr tief sei, dass jemand nicht mehr ansteckend ist. «Aber gar keinen Wert festlegen, ist keine Lösung.»

«Wenn sie die Werte nicht haben, dann sollten sie diese bei den Labors einfordern.»

Casimir Platzer, Präsident Gastrosuisse


Ähnlich ungehalten reagiert Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer: «Das BAG argumentiert nach dem Motto `was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss` - und das bei einer Epidemie.» Platzer findet das unglaublich: «Wenn sie die Werte nicht haben, dann sollten sie diese bei den Labors einfordern.» Es gehe doch darum, dass man wisse, was Sache sei. «Nur so können wir mit dieser Epidemie umgehen.»

Labors stehen in der Pflicht

Platzer fragt sich, wieso andere Länder einen Grenzwert angeben können, aber die Schweiz nicht. «Auch die Labors stehen in der Pflicht, hier Klarheit zu schaffen», findet er. Die Gesundheitskommission sollte sich der Frage annehmen und eine Anhörung durchführen, um herauszufinden, wieso wir das nicht schaffen. «Mehr als ein Jahr seit dem Ausbruch der Epidemie und gerade im Hinblick auf den nächsten Winter müssen wir doch genau wissen, wie viele wirklich ansteckende Fälle es gibt.»

«Das ist doch ein Indiz, dass viel mehr Leute positiv getestet werden, als tatsächlich krank werden oder krank machen.»

Casimir Platzer, Präsident Gastrosuisse


Platzer fällt auf, dass die Todesfälle viel deutlicher zurückgegangen sind als die positiv Getesteten. «Wir haben nur noch wenige an oder mit Corona Verstorbene, aber immer noch gut 200 Positive.» Das sei doch ein Indiz, dass viel mehr Leute positiv getestet würden, als tatsächlich krank würden oder krank machten.
«Das BAG sagt uns, dies sei wegen der fortschreitenden Impfung. Das wäre keine gute Nachricht, weil dann die Impfung zwar Todesfälle verhindert, aber Ansteckungen nur in geringem Mass eindämmt.»
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