Political Correctness: Deutsche Professoren fühlen sich eingeschränkt

Political Correctness: Deutsche Professoren fühlen sich eingeschränkt

Eine Umfrage mit über 1000 Hochschullehrern in Deutschland zeigt: Das Klima an Universitäten verändert sich. Das zeigt sich zum Beispiel auch beim Gendern.

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von Sebastian Briellmann am 6.12.2021, 05:00 Uhr
Illustration: Jean Génie
Illustration: Jean Génie
Deutsche Hochschullehrer machen sich Sorgen wegen der Political Correctness. Eine Umfrage über «das geistige Klima an den Universitäten» des Instituts für Demoskopie Allensbach, das von der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Deutschen Hochschulverband in Auftrag gegeben wurde, zeigt: Über 1000 befragte Professoren sehen die reine Lehre immer mehr als gefährdet an.
Ein Fünftel ist der Meinung, dass «die Political Correctness verhindert, dass man bestimmten Forschungsfragen nachgehen kann». Sogar 40 Prozent «fühlen sich in ihrer Lehre durch formelle oder informelle Vorgaben zur Political Correctness» eingeschränkt. Beide Werte sind höher als in der letzten Umfrage, die erst ein Jahr her ist. Besonders ausgeprägt ist diese Ansicht in den Geistes- und Sozialwissenschaftlern, wo über die Hälfte der Befragten sich eingeschränkt fühlen (zuvor: ein Drittel).

Es geht um Deutungshoheit

Die Political Correctness ist auf dem Vormarsch. Zumindest medial. Wer in der Mediendatenbank nach dem Begriff sucht, findet alleine für dieses Jahr rund 1500 Einträge. Es geht dabei meistens um (angebliche) Zensur, um Deutungshoheit – und die politische Bedeutung. Rechts wirft links vor, wichtige Debatten mit der Moralkeule «Political Correctness» wegzudrücken. Die Gegenseite wehrt sich und sagt, dass es politische Korrektheit, neuerdings oft auch Cancel-Culture genannt, gar nicht gebe. Und wenn Spurenelemente zu finden seien, dann vielleicht in den USA, aber nicht hier, bei uns im deutschsprachigen Raum.

Über die Hälfte der Umfrageteilnehmer hat überdies das Gefühl, dass bei bestimmten Themen von der Universitätsleitung oder den Studenten Widerstand zu erwarten wäre. Das klingt verständlich, wenn es darum geht, «das Grundgesetz abzulehnen» oder «Rassenforschung» zu betreiben. Was sagt es jedoch aus, dass 75 Prozent der Hochschullehrer sich vor Widerstand fürchten, wenn sie einen Rechtspopulisten zu einer Debatte einladen wollten? Bei Linkspopulisten fürchten sich nur ein Viertel.
Beim Thema, «was an einer Universität erlaubt sein sollte und was nicht», sind die Erkenntnisse beim Thema «Gendern» besonders interessant. Hier kommen insgesamt 80 Prozent (84 Prozent der befragten Männer, 67 Prozent der befragten Frauen) zum Schluss, dass es in Ordnung ist, sich «der gendergerechten Sprache zu verweigern», also zum Beispiel von Studenten statt Studierenden sprechen.

Inklusion nicht nur positiv

Wenn man bedenkt, wie feurig über dieses Thema gestritten wird – und die gendergerechte Sprache immer mehr zur Pflicht erklärt wird und nicht mehr nur Option bleibt –, dann stellt sich die Frage: Wie viel Raum sollte man den Debatten um gendergerechte Sprache geben, wenn viele Hochschullehrer, und selbst eine Mehrheit der Frauen, zur Erkenntnis gelangen, dass eine Verweigerung in Ordnung ist? Und sich zumindest auch mal vorzustellen, dass die (von gewissen Kreisen sicherlich gut gemeinte) Inklusion eben nicht nur positive Aspekte haben könnte.
Zur Vollständigkeit der Umfrage gehören auch zwei weitere Erkenntnisse: Die befragten Hochschullehrer vertreten freiheitliche, liberale Vorstellungen von ihrer Arbeit. Durchgehend entsteht der Eindruck, dass es so wenige Denkverbote als möglich geben sollte.
Das zeigt sich, zweitens, an den Antworten auf die Frage, was «Zweck der Wissenschaft» sei und «was zu den Aufgaben der Wissenschaft» gehöre: 92 Prozent Professoren wollen «Neues entdecken», 89 Prozent «Wissen weitergeben» und 81 Prozent «Wissenschaftliche Erkenntnisse dokumentieren». Als erfreulich darf sicherlich auch der Schluss der Rangliste gedeutet werden: Nur 18 Prozent der Befragten wollen «moralische Massstäbe» setzen.
Das sind durchaus positive Anliegen, die aber durch die Political Correctness gefährdet sein könnten. Denn stark politisch konnotierte Motive wie «Probleme lösen, Missstände beheben» oder «Öffentliche Debatten anstossen» finden bereits bei rund der Hälfte der Befragten positives Gehör.

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