Somms Memo

Polen will von Deutschland Reparationen: Noch stellt sich Berlin taub. Ein Hörgerät würde vielleicht nützen.

image 13. September 2022, 10:00
Warschau im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Ruinen.
Warschau im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Ruinen.
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Die Fakten: Polen verlangt Reparationen für alle Schäden, die ihm Deutschland im Zweiten Weltkrieg zugefügt hat. Insgesamt 1300 Milliarden Euro.

Warum das wichtig ist: Noch nehmen nur wenige Deutsche die polnischen Forderungen ernst: zu spät, zu überzogen, zu surreal. Sie könnten sich täuschen.


Allein die Zahl wirkt wie Irrsinn:
  • 1300 000 000 000 Euro oder 1,3 Billionen Euro
  • Eine Billion ist im deutschen Sprachgebrauch eine Eins mit 12 Nullen oder 1000 Milliarden
  • Das entspricht mehr als einem Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts eines Jahres. Dieses betrug 2021 3,6 Billionen Euro

Mit anderen Worten, die Deutschen müssten vier Monate lang kostenlos für die Polen arbeiten, um diese Schuld abzutragen, – für Schäden, die von ihren Grosseltern und Urgrosseltern verursacht worden sind.
Die Nazis haben im September 1939 Polen überfallen und mehr als vier Jahre lang besetzt, wobei sie in einem Ausmass wüteten, wie es in der Weltgeschichte wohl noch nie vorgekommen ist. Die Bundesrepublik Deutschland ist Rechtsnachfolgerin des einstigen Deutschen Reiches, das für diese Politik verantwortlich war. Bisher hat sie an Polen keinerlei Entschädigung bezahlt. 1300 000 000 000 Euro. Was überrissen klingt, hat die polnische Regierung von Experten genau nachrechnen lassen. Und wer den Bericht studiert, dürfte kaum mehr am Ergebnis zweifeln.
Der Betrag ist plausibel, wenn nicht vernünftig, da die Polen das Grauen eher konservativ kalkulierten. Die Schadensbilanz setzt sich wie folgt zusammen:
  • Menschen: an die 5,2 Millionen Tote (darunter 3 Millionen Juden)
  • Materielle Schäden (zerstörte Häuser, Strassen, Industrie, Elektrizitätswerke etc.)
  • Kulturelles Erbe (Bilder, Gebäude, Bibliotheken)
  • Finanzielle Verluste (Goldreserven, Bankkonten, Versicherungspolicen, Versicherungsschäden etc.)

Wenn etwas am schwersten wiegt, dann natürlich die Toten, nicht bloss moralisch und emotional, sondern eben auch wirtschaftlich, obschon diese Verluste nie adäquat in Zahlen ausgedrückt werden können.
Die polnischen Forscher halten sich an gängige Berechnungen von Ökonomen, um den «Wert eines Lebens» zu bestimmen. Dabei stützen sie sich auf die gesamten Einkünfte, die ein Mensch in seinem Leben hätte erzielen können – wäre er nicht vorzeitig gestorben, besser: durch Deutsche ermordet worden.
  • So kommen sie auf einen Betrag von 178 000 Euro pro Kopf
  • Was eine grotesk tiefe Berechnung ist, wenn man bedenkt, dass die amerikanische Regierung den Wert eines einzelnen menschlichen Lebens auf zwischen 9 und 11 Millionen $ veranschlagt

Relativ betrachtet, tragen die Kosten für diese vielen Toten am meisten zu den 1,3 Billionen bei, nämlich 76 Prozent, der Rest besteht aus materiellen und finanziellen Schäden.
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Polen verlor allerdings nicht bloss Menschen und Häuser, sondern auch Land. Die Sowjetunion annektierte nach dem Krieg riesige Gebiete im Osten von Polen, was die kriegsmüden Alliierten hinnahmen, ohne sich viel zu überlegen, insgesamt:
  • 181 000 km2

Zwar erhielt Polen als Ausgleich die ehemaligen deutschen Ostprovinzen Schlesien, Pommern sowie die südliche Hälfte von Ostpreussen, total:
  • 105 000 km2

Aber das macht nur deutlich, dass Polen, das niemandem etwas zuleide getan hatte, mehr verlor als es gewann.
Gewiss, vor dem Krieg war insbesondere Schlesien ein ausserordentlich wertvolles Territorium, zumal sich in Oberschlesien ein wesentlicher Teil der deutschen Schwerindustrie befand, und Breslau ein grosses, blühendes Industrie-, Handels- und Wissenschaftszentrum darstellte, dem für ganz Deutschland Bedeutung zukam.
Doch das war vor dem Krieg.
Nach dem Krieg waren die deutschen Ostprovinzen verwüstet, verarmt und bald leer, zumal die Russen (und die Polen) auch noch die Menschen vertrieben, gut 9 Millionen Deutsche, die hier seit Jahrhunderten gelebt hatten. Polen übernahm mit anderen Worten
  • Ruinen

So gesehen trifft es nicht zu, was man in Deutschland neuerdings hört, dass das Land einen Teil seiner Schulden gegenüber Polen beglichen habe, indem es seine Ostgebiete abtrat.
Hinzu kommt: Reparationen und Gebietsabtretungen sind nicht das Gleiche.
  • Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 annektierte das erfolgreiche Deutsche Kaiserreich Elsass-Lothringen
  • und verlangte darüber hinaus (horrende) Reparationen von Frankreich

Reparationen sind Entschädigungen für erfolgte Verluste; sie werden fällig, auch wenn es zugleich zu Gebietsverschiebungen kommt.
1300 000 000 000 Euro.
In Berlin will man vorderhand von dem alles nichts wissen. Vielleicht lachen die Deutschen gar hinter vorgehaltener Hand. Zumal sie von der aktuellen konservativen Regierung in Polen, die jetzt diese Reparationen gefordert hat, ohnehin wenig halten.
  • Ein unbeliebter Querulant in der EU
  • Ein Kabinett von Deppen und Dumpfmümpfen, die auch nicht ewig an der Macht bleiben
  • Mit anderen Worten, man hofft in Berlin wohl, die Sache aussitzen zu können
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Wenn sich da die Deutschen nur nicht irren: Polen ist ein aufsteigendes Land in Europa. Wirtschaftlich, politisch und neuerdings auch militärisch – seit in der Ukraine Krieg herrscht, und Polen zu einem der wichtigsten Sponsoren der Ukrainer geworden ist.
  • Polen weiss sich zudem getragen von den USA, der faktischen Vormacht in Europa trotz alledem, wie gerade der Ukraine-Krieg von neuem klargestellt hat
  • Polen weist eine Bevölkerung von nahezu 40 Millionen auf, sie bewegt sich damit in der Liga von Spanien. Ein solches Land lässt sich nicht so leicht kujonieren wie Ungarn, der andere Irrläufer aus Brüsseler und Berliner Sicht
  • Geopolitisch betrachtet, spricht die Zukunft für Polen: Sollte das Unvorstellbare eintreffen, und die Ukraine Russland besiegen, dann dürfte die Nato nicht darum herumkommen, das opfermutige Land als Mitglied aufzunehmen, – was erfahrungsgemäss einen Beitritt zur EU beschleunigt

Womit Warschau und Kiew eine neue Achse der Macht in EU bildeten. Die Ukraine kommt ebenfalls auf eine Bevölkerung von 41 Millionen (2021).
Kurz, mit Polen ist zu rechnen. Und Deutschland wird die Fälligkeit einer gigantischen offenen Rechnung nicht so leicht auf den St. Nimmerleinstag verschieben können.
Oder um es mit Kurt Tucholsky zu sagen, einem deutschen Schriftsteller und Juden, der die Deutschen besser kannte als die sich selbst:
«Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.»

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag Markus Somm

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