Placebo-Effekt: Mehr als nur Einbildung

Placebo-Effekt: Mehr als nur Einbildung

Beruht die Wirkung von Scheinmedikamenten nur auf subjektiver Empfindung? Eine neue Studie belegt, dass Placebos gegen Schmerzen die Aktivität bestimmter Gehirnareale verändern können. Auch andere physiologische Reaktionen auf Scheinbehandlungen sind nachweisbar.

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von Alex Reichmuth am 20.8.2021, 04:00 Uhr
Bild: Clemens Ottawa
Bild: Clemens Ottawa
Der amerikanische Chirurg Henry Beecher machte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine verblüffende Erfahrung. Er sollte einen schwer verwundeten Soldaten operieren, doch ihm war das Morphin für die Betäubung ausgegangen. In der Not spritzte er dem Soldaten eine Kochsalzlösung statt Morphin. Beecher konnte ihn danach operieren und die Wunde zunähen, ohne dass der Soldat grosse Schmerzen verspürte. Nach Kriegsende befasste sich Beecher näher mit dem Phänomen und wurde zu einem Pionier der Placebo-Forschung.

Rote Scheintabletten wirken gegen Schmerzen

Heute ist der Placebo-Effekt, also die Wirkung von Scheinmedikamenten, gut belegt: Wer an die positive Wirkung einer medizinischen Behandlung glaubt, dem geht es oft tatsächlich besser – auch wenn die verabreichten Tabletten und Pillen gar keine Wirkstoffe enthalten. Erstaunliche Details sind in Sachen Placebo schon bekannt geworden: Zwei Scheintabletten wirken besser als eine. Eine vermeintlich teure Pille wirkt besser als eine vermeintlich billige. Rote Placebo-Tabletten haben vor allem gegen Schmerzen Erfolg, grüne gegen Angstzustände, und blaue befördern besonders einen guten Schlaf. Auch Symbole wie ein Arztkittel verbessern die Wirkung medizinischer Behandlungen.

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Je nach Farbe der Placebo-Tabletten ist auch deren Wirkung unterschiedlich. Bild: Shutterstock

Doch noch immer hat der Placebo-Effekt ein Image-Problem. Er wird oft als blosse Einbildung abgetan, die weiter keine Bedeutung hat. Placebo steht oft für fehlende Wirksamkeit – im Sinne von: «Medikament XY wirkt nicht besser als ein Placebo».
In den letzten Jahren aber verdichteten sich in der medizinischen Forschung die Hinweise, dass die Placebo-Wirkung mehr ist als nur subjektives Empfinden und mit nachweisbaren physiologischen Veränderungen einhergeht. Im Fachblatt «Nature Communications» ist nun eine Übersichtsstudie erschienen, die belegt, dass der Einsatz von Placebos gegen Schmerzen die Aktivität in Gehirnregionen verändert, die für die Schmerzwahrnehmung entscheidend sind.

Belege mittels Gehirn-Scans

Die Forscher der Klinik für Neurologie am deutschen Universitätsklinikum Essen und des Dartmouth College in New Hampshire, USA, zogen für ihre Metaanalyse die Daten von 20 Einzelstudien mit insgesamt 603 Schmerzpatienten heran. Von diesen Patienten lagen die Gehirn-Scans nach der Behandlung mit Placebo vor, die mittels Magnetresonanztomografie gewonnen worden waren. Es handelt sich um die bislang umfassendste Analyse dieser Art.

«Unsere Resultate zeigen, dass die Teilnehmer, die wegen den Placebo-Medikamenten die grösste Verminderung der Schmerzen erfuhren, auch die grösste Aktivitätsabnahme in Gehirnarealen hatten, die für die Schmerzerfahrung massgebend sind.»

Neurowissenschaftler Tor Wager

Aufgrund dieser Scan-Bilder liess sich beweisen, dass die Placebo-Behandlungen die Aktivität in denjenigen Arealen des Gehirns vermindert, die beim Aufbau der Schmerzerfahrung beteiligt sind. «Unsere Resultate zeigen, dass die Teilnehmer, die wegen den Placebo-Medikamenten die grösste Verminderung der Schmerzen erfuhren, auch die grösste Aktivitätsabnahme in Gehirnarealen hatten, die für die Schmerzerfahrung massgebend sind», sagte der amerikanische Neurowissenschaftler und Co-Autor Tor Wager.
In der Übersichtsstudie konnten auch neue Hirnregionen identifiziert werden, die zur Schmerzlinderung von Placebos beitragen. So zeigte sich insbesondere, dass das Kleinhirn eine grössere Rolle spielt als vermutet. «Wir konnten nachweisen», bilanzierte die deutsche Co-Autorin und Neurologin Ulrike Bengel, «dass der Placebo-Effekt nicht allein auf eine Unterdrückung von Schmerzimpulsen zurückzuführen ist, sondern durch neuronale Netzwerke der kognitiven und emotionalen Schmerzverarbeitung verstärkt werden muss».

Ausschüttung körpereigener Opioide

Bereits früher gab es Hinweise, dass Placebos handfeste körperliche Veränderungen auslösen können. So legt die Forschung nahe, dass die Wirkung von Scheinmedikamenten gegen Schmerzen mit der vermehrten Ausschüttung von schmerzlindernden körpereigenen Opioide einhergehen muss. Denn spritzt man den Patienten sogenannte Opioid-Antagonisten, die die entsprechenden Rezeptoren an den Nervenzellen blockieren, verschwindet die lindernde Wirkung von Placebos.

Mittels Scheinmedikamenten gelang es, die motorischen Fähigkeiten von Parkinson-Patienten zu verbessern.


«Man kann den Placebo-Effekt beim heutigen Stand der Forschung nicht mehr als etwas bloss Subjektives abtun», sagte Neurologin Bengel zum deutschen Wissenschaftsmagazin «Spektrum». Dass dem so ist, davon zeugt die Wirkung von Placebos bei handfesten Erkrankungen, die nicht wie Schmerzen oder Depressionen vor allem auf persönlicher Erfahrung beruhen.
So gelang es, mittels Scheinmedikamenten die motorischen Fähigkeiten von Parkinson-Patienten zu verbessern. Hier zeigten Gehirn-Scans mithilfe von radioaktiv markierter Moleküle, dass die Placebos das Hirn vermehrt den Botenstoff Dopamin ausschütten lassen. Die typischen Bewegungsstörungen bei Parkinson sind wesentlich durch einen Mangel an Dopamin bedingt.

Zufrieden mit den Schein-Operationen am Knie

Legendär ist eine amerikanische Studie zur Wirkung von Schein-Operationen bei Kniearthrose. Von 180 Patienten wurde ein Teil wirklich am Gelenkknorpel behandelt. Bei einem anderen Teil aber setzten die Ärzte zwar die Hautschnitte, die bei minimal invasiven Eingriffen üblich sind, behandelten das Knie aber nur zum Schein. Dennoch waren die Patienten mit dem Placebo-Eingriff auch zwei Jahre später genauso zufrieden mit dem Ergebnis, wie diejenigen, die wirklich behandelt worden waren.

Berggänger litten nach einer Scheinbehandlung mit Sauerstoff weniger an Höhensymptomen.


Das vielleicht verblüffendste Ergebnis, was nachweisbare physiologische Folgen von Placebo-Behandlungen angeht, stammt vom italienischen Forscher Fabrizio Benedetti. Dieser hat mit Messungen in einer Station auf dem Gletscherfeld des Plateau Rosa gezeigt, dass Berggänger nachweislich weniger an Höhensymptomen leiden, wenn ihnen zuvor zum Schein Sauerstoff verabreicht wird. Benedetti konnte belegen, dass der Schein-Sauerstoff reale biologische Effekte erzeugt. Der Sauerstoffspiegel im Blut blieb zwar derselbe, aber der Spiegel an Botenstoffen des Gehirns, die zur Erweiterung von Blutgefässen führen, erhöhte sich. Bei erweiterten Blutgefässen kann der Kreislauf mehr Sauerstoff durch den Körper pumpen.

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