Sehnsuchtsland Italien. Schön und schrecklich. Warum wir uns für das Belpaese die Realität zurechtbiegen

Sehnsuchtsland Italien. Schön und schrecklich. Warum wir uns für das Belpaese die Realität zurechtbiegen

Die Italien-Sehnsucht versperrt den Blick auf viele Realitäten unseres südlichen Nachbarlandes. Seit der Grand Tour englischer Kavaliere und Goethes «Mignon». Trotzdem möchten wir sie nicht missen.

image
von Gottlieb F. Höpli am 13.8.2021, 09:00 Uhr
Wein is gut, Mafia ist schlecht. Foto: Shutterstock
Wein is gut, Mafia ist schlecht. Foto: Shutterstock
Alle paar Jahre zur Ferienzeit veröffentlicht der «Spiegel» eine Titelgeschichte über Italien, garniert mit einem furchterregenden Cover. Am berühmtesten seinerzeit wohl der Teller Spaghetti, auf dem ein Revolver lag. Die Botschaft ist eindeutig zweideutig: Das Belpaese ist schön – und schrecklich. Das Essen, der Wein, das Meer, die Canzoni, der azurblaue Himmel auf der einen Seite. Die Mafia, die verwahrlosten Bauwerke, die hin und wieder spektakulär einstürzen auf der anderen. Die Tage- und Taschendiebe überall, von denen wir uns das Geld aus der Tasche ziehen lassen (freiwillig oder unfreiwillig)!
Es ist nicht zu bestreiten: Das Verhältnis der Menschen diesseits der Alpen zum Land, wo die Zitronen blühn, ist voller Emotionen. Mindestens so vielen, wie jeweils in Sanremo am mehrtägigen Festival della Canzone italiana erschallen (eben haben die Sanremo-Sieger ja den europäischen ESC-Titel errungen).

Wie im Katalog?

Es ist eine Sehnsucht, die sie immer wieder dahin zieht, wo das Essen unvergleichlich ist (oder auch mal lausig), der Wein uns beschwingt (oder Magenkneifen verursacht), und das Zimmer, durch das die Düfte der Fritteuse hineinwabern, Blick aufs Meer hat. Oder zumindest im Katalog versprach. Vom nächtelangen Krach nicht zu reden. Was tuts: Schon im November erinnern wir uns nur noch an den Sehnsuchtansteil der Eindrücke und planen den nächsten Aufenthalt an der Adria.
Sehnsucht braucht der Mensch zum Leben, gerade dann, wenn es draussen grau und nass wird. Wenn es zu Weihnachten Bindfäden regnet. Was tuts, dass es dann auch in Italien kalt und nass sein kann, wie ich aus winterlichen Aufenthalten in «meinem» mittelitalienischen Städtchen bestätigen kann, wo ich seit einem Vierteljahrhundert immer wieder mal hause. Wo im Hinterland des Monte Catria durchaus auch einmal ein halber Meter Schnee liegen kann. Worauf weder die Autofahrer noch die Strasseninspektorate vorbereitet sind.
Ach Italien! Du birgst mit deiner mehrtausendjährigen Geschichte so viel Schönheit, dass wir nie alles davon werden sehen können! Die Hälfte aller Weltkulturerbe-Stätten liegen ja hier, mit Recht. Da kann in einem nördlichen Gemüt schon einmal der Gedanke aufkommen, die Italiener hätten so viel Schönheit in ihrem Leben gar nicht verdient. Ob nördliche Staatshaushalte allerdings bereit wären, die Pflege all der – manchmal ja tatsächlich arg vernachlässigten – Monumente zu übernehmen, müssten sie dann allerdings auch erst beweisen.

Riesige Finanzmittel

Aber die Italiener kriegen ja von der EU riesige Finanzmittel, ähnlich wie die Griechen, wird da mancher Nordländer einwenden. Doch wer über die Verschwendung von EU-Mitteln klagt (die tatsächlich passiert), sollte sich immerhin vor Augen halten, dass Italien seit dem Brexit der drittgrösste Nettozahler der EU ist und jährlich über vier Milliarden Euro mehr nach Brüssel schickt, als es erhält. Und die Stimmen über den verschuldeten Staatshaushalt sind seit Corona ja ebenfalls leiser geworden.
Erstaunlich jedenfalls, dass das italienische Bruttosozialprodukt Pil gegen Ende der Pandemie im europäischen Vergleich zu den am schnellsten wachsenden gehört. Das verwundert jenen nicht, der mit offenen Augen durch die Landschaften und Städte Oberitaliens kurvt – da wirkt alles wohlbestellt, ist das Wirtschaftsleben wieder in vollem Gange.
Übrigens: Auch Ihr Kolumnist hat ein unbestreitbar emotionales, aber auch ein besonderes Verhältnis zu Italien. Ein Vorfahr aus dem Höpli’schen Familienclan vom Tuttwilerberg hat sein Glück in Italien gemacht. Im Jahr 1871 erwarb der junge Thurgauer Buchhändler Ulrico Hoepli in Mailand eine kleine Buchhandlung mit Buchbinderei und schuf daraus bald einen national, ja weltweit bedeutenden, bis heute erfolgreichen Verlag, der jährlich rund 300 Bücher (Sach-, Schulbücher vor allem) produziert, aber auch berühmte Klassikerausgaben von Vergil bis Dante herausgab.
Und mit seinen «Manuali» einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der italienischen Kultur und Volkswirtschaft der letzten 150 Jahre geleistet hat. Dazu kann man der inzwischen fünften Verlegergeneration Hoepli (immer noch mit Schweizer Pass) nur gratulieren!

Mehr von diesem Autor

image

Der Mensch ist gut, nur die Arbeit ist schlecht

Ähnliche Themen

image

Der «Blick» enthüllt: Alain Berset wurde vom Ausland bedroht