Pflicht ist das eine, die Häme das andere

Pflicht ist das eine, die Häme das andere

Das ist neu in unserem durchaus geschichtsträchtigen Land: Menschen überziehen andere mit Häme, wenn diesen Rechte entzogen werden. Das ist keine Qualität. Es macht Angst. Wie soll eine derart zweigeteilte Gesellschaft die Herausforderungen der Zukunft stemmen?

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von Stefan Millius am 13.9.2021, 15:56 Uhr
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XY findet es nicht besonders lustig. «Kein Restaurant, kein Zoobesuch mit den Kindern, nichts mehr, und das für mehrere Monate!» Die Antworten auf den Beitrag in den sozialen Medien lassen nicht lange auf sich warten: «Ich gehe heute Abend ein fettes Steak essen», «Selbst schuld, du hättest dich ja impfen können», «Das ist das Ergebnis, wenn man egoistisch ist.»

Die Spalter warnen vor der Spaltung

Solche Dialoge kann man aktuell reihenweise nachlesen. Bundesrätin Karin Keller-Sutter ruft dazu auf, sich als Gesellschaft nicht spalten zu lassen, während die Tochter einer Beizerfamilie ihren Teil zur Spaltung selbst aktiv beigetragen hat. Die seit Montag geltende Zertifikatspflicht birgt keineswegs die Gefahr einer Spaltung, sie ist die Spaltung. Wer eine Bevölkerung nahezu im Masstab 50:50 in Gut und Böse unterteilt, spaltet, basta.
Aber was die Politik tut, ist nur das eine. Viel dramatischer ist es, was sich die Menschen unter sich antun. Ein QR-Code auf dem Handy verleiht die Macht, sich über andere zu setzen, sich auserwählt zu fühlen und dem Gegenüber, das den QR-Code nicht hat, mit Häme zu übergiessen. Das ist neu für die Schweiz. Das ist gefährlich für die Schweiz.

Die Lust am Leid anderer

Einst war es selbstverständlich, sich für diejenigen einzusetzen, die unter die Räder kommen. Ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein war die Grundlage für das Zusammenleben in der Schweiz. Nun gilt: Nach oben bücken, nach unten trampeln. Nichts gegen die Leute, die eingeknickt sind angesichts der massiven Einschränkungen für Ungeimpfte, jeder ist sich selbst der Nächste. Aber zeitgleich eine Art Wohlgefühl empfinden, wenn es anderen schlechter geht? Leuten, die nichts Böses im Sinn haben, sondern nur ihr Recht auf den eigenen Körper in Anspruch nehmen und naiverweise glauben, Grundrechte hiessen so, weil sie eben Grundrechte sind, also an keinerlei Vorgaben geknüpft?
Weite Teile der Schweiz zeigen aktuell eine ziemlich hässliche Fratze. Es reicht vielen nicht, einfach unbehelligt ins Restaurant oder in den Freizeitpark gehen zu können. Sie müssen gleichzeitig Häme giessen über die, die das nicht mehr können. Das erinnert ein bisschen an den Sporttag in der Schule, als dem Schlusslicht beim 100-Meter-Lauf nur Spott entgegengebracht wurde. Aber wir sprechen hier nicht von Kindern, sondern von erwachsenen Leuten.

Mehrheitsfähiges Bashing

Natürlich, Politik und Medien haben Vorarbeit geleistet. Es sei die «Pandemie der Ungeimpften» wird allenthalben verbreitet, die Massnahmen gebe es nur noch aufgrund der Leute, die nicht brav anstehen im Impfzentrum. Dabei sind die Massnahmen nur dem Willen der Politik zuzuschreiben, nicht dem Virus. Dies übrigens entgegen den Aussagen des Bundesrates, es ziehe Normalität in unser Leben, sobald sich alle Impfwilligen den Schuss setzen liessen.
Systematisch werden Leute, die keine Notwendigkeit für eine Impfung sehen oder in einer Schaden-Nutzen-Abrechnung zu einem negativen Resultat gekommen sind, von der Regierung und den ihnen zugewandten Medien zu Schurken gemacht. Das macht es dem einfachen Mann von der Strasse denkbar einfach, nun auf diese Leute einzuprügeln. Es scheint ja mehrheitsfähig. Lynchjustiz ist nur möglich, wenn sie von offizieller Seite erlaubt wird.
Auf der Strecke bleibt die Empathie. Die Wahrnehmung, dass nicht jeder die Situation gleich einschätzt und deshalb anders handelt. Eine Gesellschaft, die aus Triumphatoren und Unterlegenen besteht, hat keinen Bestand. Weil jede Gesellschaft nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Ein Land, in dem die systematische Häme gegenüber bis zu 40 Prozent der Menschen kultiviert wird, ist nicht gestählt für künftige Herausforderungen. Die gegenseitige Zerfleischung ist ein schlechtes Signal für die Schweiz.

Wahre Stärke wäre die Akzeptanz

Es wäre so einfach. Geimpfte könnten sich vereint für die Rechte Ungeimpfter einsetzen. Selbstlos. Aus Prinzip. Weil alles andere nicht dem Selbstverstädnis unseres Landes entspricht. Wenn man ja aus seiner Sicht das «Richtige» getan hat, wie viel Überwindung kostet es dann, einem anderen seine Sicht der Dinge zuzugestehen und sich für ihn einzusetzen? Das wäre wahre Stärke. Und das würde unser Land auf lange Sicht stärken.
Stattdessen lassen wir uns zweiteilen. Als wären wir nicht sowieso schon ein Sonderfall, den nur eines trägt: Die innere Einigkeit.

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