PCR-Tests auf Corona: Das BAG verhindert Transparenz – die Folge sind zu hohe Fallzahlen

PCR-Tests auf Corona: Das BAG verhindert Transparenz – die Folge sind zu hohe Fallzahlen

Je intensiver eine Probe getestet wird, desto eher ist sie positiv, obwohl die Person gar nicht mehr ansteckend ist. Das lässt die Epidemie schlimmer aussehen als sie ist.

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von Dominik Feusi am 2.6.2021, 17:00 Uhr
PCR-Tests können zu erhöhten Fallzahlen führen. (Bild: shutterstock)
PCR-Tests können zu erhöhten Fallzahlen führen. (Bild: shutterstock)
Die Fallzahlen sind so tief wie schon lange nicht mehr. Am Mittwoch meldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 714 positiv Getestete. Das sind 28 Prozent weniger als vor einer Woche.
Was das BAG nicht meldet ist, wie lange die jeweiligen Proben untersucht worden sind, genauer, wieviele Zyklen mit der Probe gemacht wurden, um Bestandteile des Virus nachzuweisen. Der Grund: Das BAG weiss es nicht. Die Anzahl Zyklen wird im sogenannten «Ct-Wert» angegeben.

Gastrosuisse fordert Transparenz

Der Wirteverband Gastrosuisse wollte dies ändern. Anfang Mai forderte er das BAG schriftlich auf, die Ct-Werte der positiv Getesteten bekannt zu geben. Der Grund: Es ist wissenschaftlich belegt, dass positiv getestete Personen, deren Probe mehr als dreissig Mal konzentriert werden, nicht mehr ansteckend sind. Dies schreibt zum Beispiel auch Isabella Eckerle, deutsche Virologin, die das Zentrum für neu auftretende Viruskrankheiten der Universität Genf leitet, in einer Mail, die unter Experten kursiert und dem Nebelspalter vorliegt.

«Ganz grob kann man sagen, dass bei Ct-Werten über ca. 30 i.d.R. kein infektiöses Virus mehr zu finden ist.»

Isabella Eckerle, Virologin, Universität Genf


Der PCR-Test, so schreibt Eckerle, sei ein hochsensitiver Test, der auch noch geringe Mengen von Teilen des Erregers entdecke. Aber er könne nicht zwischen krank machendem Virus und toten «Virus-Resten» unterscheiden. Aufgrund von eigenen und weiteren Studien könne man aber sagen, «dass bei CT-Werten über ca. dreissig i.d.R. kein infektiöses Virus mehr zu finden ist.» Typischerweise, so Eckerle, enden die meisten PCR-Tests nach 40 Zyklen.

Für die Epidemie «nicht mehr relevant»

Eckerle schlägt deshalb vor, eine Obergrenze zu definieren «und Werte ab 30-35 als negatives bzw. nicht quarantäne-relevantes Ergebnis zu werten, da solche Individuen für die Transmission wahrscheinlich nicht mehr relevant sind.»
Darauf weist auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hin. In ihrer Anleitung zur Durchführung von PCR-Tests schreibt sie, schwach positive Resultate seien mit Sorgfalt zu interpretieren, da bei hohen CT-Werten falsche Signale vorgekommen seien. Die WHO verweist unter anderem auf eine Studie vom Mai 2020, bei der von sechzig positiven Proben mit mehr als 35 Zyklen nur fünf tatsächlich schwach krank wurden. Bei den typischen 40 Zyklen sind gemäss dieser Untersuchung weit über 90 Prozent der positiv Getesteten nicht infektiös.

Nur 72 Fälle

Besonders wenn die Pandemie zurückgehe, steige die Möglichkeit von falsch-positiven Tests, schreibt die WHO. Das BAG rechnet sie jedoch trotzdem zu den «Fällen», die es jeden Tag kommuniziert. Am Mittwoch wären es entsprechend statt 717 nur gerade 72 echte neue Fälle gewesen.
Im benachbarten Ausland sieht man das wie Eckerle. Das angesehene Robert Koch Institut des deutschen Gesundheitsministeriums schreibt vor, dass bei einem Ct-Wert von mehr als dreissig auf Isolierung von positiv Getesteten verzichtet werden kann, auch bei einem schweren Verlauf der Krankheit. Ebenso sehen es die österreichischen Gesundheitsbehörden.

Keine Todesfälle

Dass es viele zwar positive aber gar nicht mehr krank machende Fälle gibt, würde erklären, weshalb die Zahlen der Spitaleinweisungen und der Toten deutlich stärker zurückgeht als die Fallzahlen. In den letzten 24 Stunden starb niemand an oder mit Covid-19.
Und was sagt die wissenschaftliche Task Force zu diesen Erkenntnissen und Vorschlägen der WHO? Gegenüber Medinside (Link) liess Didier Trono, Virologe, Professor an der EPFL und Vorsitzender der Expertengruppe für Diagnostik und Tests der Task Force, im Februar ausrichten: «Diese beiden Punkte haben mehr mit dem BAG als mit der Task Force zu tun, denn sie sind eher rechtlich als wissenschaftlich.»

BAG befürchtet «Aufweichung des Nachweises»

Doch das BAG will weder Transparenz schaffen, mit wie vielen Zyklen in der Schweiz getestet wird, noch will es eine Obergrenze festlegen, wie das Isabella Eckerle vorschlägt. In der Antwort auf die Eingabe von Gastrosuisse schreibt BAG-Chefin Anne Lévy, die «Diagnostik basiert darauf, das Virus eindeutig zu identifizieren.» Das Definieren einer Grenze sei Sache der Zulassungs- und Aufsichtsbehörde Swissmedic. Ein solcher Grenzwert leiste aber keinen Beitrag zur Lösung der Pandemie. Jegliche «Aufweichung des eindeutigen Nachweises» sei nicht sinnvoll, da auch eine kleine Menge des Virus eine Infektion auslösen könne. Warum das BAG keine Transparenz schaffen will, darauf geht Lévy gar nicht ein.

«Es geht auch darum, das Vertrauen der Bevölkerung ins BAG aufrechtzuerhalten»

Ruth Humbel, Nationalrätin Mitte (AG)


Bei Swissmedic verweist man wiederum an die Labore. Es sei an ihnen, Obergrenzen festzulegen, dies vor allem, weil die unterschiedlichen Tests nicht miteinander verglichen werden könnten. Ob sich die Behörde irgendwann für eine Obergrenze eingesetzt hat, lässt Swissmedic offen. Das BAG verweist also an Swissmedic, diese an die Labore und die Task Force wieder ans BAG. Und auf sechs Fragen, zum Beispiel weshalb das BAG die Empefhlung der WHO und die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht berücksichtige, schreibt das BAG bloss zwei Sätze: «Jeder positive PCR Test kann potentiell Lebendvirus enthalten. Deshalb wird das BAG keinen Grenzwert festlegen.»

Berset muss Stellung beziehen

Im Parlament ist man mit dem BAG nicht zufrieden. Die Aargauer Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel hat eine Frage an den Bundesrat eingereicht. Sie will von Bundesrat Alain Berset wissen, ob er bereit sei, Transparenz zu schaffen und eine Obergrenze festzulegen, wie das Isabella Eckerle vorschlägt. Humbel will eine möglichst klare Datengrundlage, um die Pandemie wirksam zu bekämpfen. «Und es geht auch darum, das Vertrauen der Bevölkerung ins BAG aufrechtzuerhalten», findet die Präsidentin der Gesundheitskommission des Nationalrates.
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