Panikmacher unter sich

Panikmacher unter sich

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von Stefan Millius am 18.3.2021
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In Deutschland haben Regierung und Behörden im Jahr 2020 systematisch und heimlich Panik aufgebaut, um ihre Coronapolitik durchsetzen zu können. Nun versuchen sie es mit Transparenz – und machen es nur noch schlimmer.

Eine Landesregierung arbeitet mit Wissenschaftlern zusammen. Deren Forschung soll nicht ergebnisoffen arbeiten, sondern die Resultate liefern, die der Regierung in die Hände spielen. Das ist verkürzt 2020 in Deutschland geschehen. Das Bundesinnenministerium und das Robert-Koch-Institut arbeiteten monatelang Hand in Hand. Das Ergebnis waren hunderte von Seiten E-Mail-Verkehr. Klassifiziert als geheim, aber 200 Seiten gelangten zur «Welt am Sonntag», die den Skandal enthüllte.
Die Auszüge belegen: Um den Ärger über Lockdowns oder Ausgangssperren klein zu halten, lieferte die Wissenschaft gewissermassen auf Bestellung der Regierung Szenarien über den künftigen Verlauf von Corona. Es galt, die Pandemie, Originalzitat, «als so dramatisch wie möglich» darzustellen.

Forscher mit Auftrag

Die Beteiligten reagierten schnell – und bemühten sich, die Enthüllung als harmlos bis banal darzustellen. Fast umgehend publizierte das Robert-Koch-Institut (RKI) Interessierten auf Anfrage das Dokument «Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen», einen Teil des «Leaks», um Transparenz zu signalisieren. Inzwischen kursiert es:
  • Corona Kontrolle.PDF
Das Bundesministerium für Inneres teilte mit, man begrüsse «die Offenlegung ausdrücklich». Denn die aktuelle Berichterstattung sei «teilweise missverständlich».
Das 17-seitige Papier stammt aus der Feder einer «Gruppe von Wissenschaftlern», die lediglich «auf Anregung» des Bundesinnenministeriums aktiv geworden seien, wie es heisst. Ausserdem seien es nur Empfehlungen. Diese sind aber erstaunlich genug. Die Zielsetzung der Forschergruppe: Man müsse eine «Schockwirkung erzielen», um die Menschen für harte Massnahmen zu gewinnen. Gleichzeitig gelte es, die Auswirkungen einer Durchseuchung möglichst drastisch aufzuzeigen, indem verängstigende Szenarien gestreut werden wie diese:

«Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause.»

Überall dort, wo die Schocktherapie nicht mehr wirkt, empfiehlt die Forschergruppe, sofort eine neue Schiene fahren. Gut geeignet scheinen dafür Kinder, sie wollte man gezielt für eine Panikmache nützen. Zwar sind Kinder in aller Regelung von Erkrankungen weniger stark betroffen. Sie können sich aber ebenfalls anstecken und das Virus weitergeben. Deshalb müsse diese Botschaft vermittelt werden:

«Wenn sie dann ihre Eltern anstecken und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie zum Beispiel vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.»

Ob das Szenario je so eingetroffen ist oder nicht: Es spielt keine Rolle. Das Papier zeigt deutlich den politischen Einfluss auf die Arbeit der Wissenschaft. Entscheidend ist nicht wie sonst in der Wissenschaft, wie realistisch ein Szenario ist, sondern dass es sich drastisch anhörtl.
Zum Beispiel auch beim Thema «Folgeschäden». Die Forschergruppe empfiehlt hier folgende Erzählung: Selbst anscheinend Geheilte könnten nach einem milden Verlauf «anscheinend jederzeit Rückfälle erleben, die dann ganz plötzlich tödlich enden, (…), weil das Virus unbemerkt den Weg in die Lunge oder das Herz gefunden hat.» Sobald die Bevölkerung daran glaubt, ist das Ziel erreicht:

«Dies mögen Einzelfälle sein, werden aber ständig wie ein Damoklesschwert über denjenigen schweben, die nicht einmal infiziert waren.»

Den tiefsten Einblick in die Welt der Kooperation zwischen einer Regierung und «unabhängigen» Forschern gibt der Schlussabsatz des Papiers. Dort heisst es, es gehe nicht nur darum, die Krise mit nicht allzu grossem Schaden zu überstehen. Das gemeinsame Vorgehen solle auch «zukunftsweisend sein für eine neue Beziehung zwischen Gesellschaft und Staat.»
Wissenschaftler, die im Auftrag einer Landesregierung ihre Erkenntnisse drastisch aufpeppen wie in einer Abstimmungskampagne, um so das Verhältnis zwischen Menschen und der Regierung zu verändern: Das hat erst Corona möglich gemacht.
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