Panik-Prognosen bestimmen unsere Corona-Politik. Aber die Modellrechnungen treffen nicht ein...

Panik-Prognosen bestimmen unsere Corona-Politik. Aber die Modellrechnungen treffen nicht ein...

Der Bundesrat richtet seine Politik seit einem halben Jahr nach den Berechnungen der Taskforce aus. Diese verunsichert mit Schreckensszenarien.

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von Sebastian Briellmann am 5.5.2021, 14:58 Uhr
Panik, überall: Die Taskforce verunsichert die Menschen mit ihren Schreckensszenarien. Foto: Shutterstock
Panik, überall: Die Taskforce verunsichert die Menschen mit ihren Schreckensszenarien. Foto: Shutterstock
Wahlweise Mark Twain, Karl Valentin und Winston Churchill wird ein schönes Zitat zugeschrieben: «Prognosen sind äusserst schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.» Blickt man auf die Pandemie, stellt man fest: Modelle, Hochrechnungen – Prognosen eben – sind massgebend für die Corona-Strategie. Auch in der Schweiz. Die vom Bundesrat eingesetzte Taskforce macht mit solchen Prognosen besonders stark auf sich aufmerksam. Ein Überblick der letzten Monate zeigt, wie unpräzise solche Voraussagungen sind.

Dezember: Die Schweiz, eine «Hochrisikozone»?

Das Jahr 2020 endet mit einem Schreckensszenario. Die Corona-Taskforce präsentiert am 29. Dezember eine Modellrechnung, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der Inhalt: Sollte sich der mutierte Virus aus England ausbreiten, könnte die Zahl der Fälle in die Höhe schiessen, im April drohen über 20’000 Neuansteckungen pro Tag. Höchste Vorsicht sei geboten. Dabei gilt diese zu diesem Zeitpunkt längst: Auch auf Druck der Taskforce schliesst der Bundesrat am 18. Dezember die Restaurants – obschon nur wenige Ansteckungen nachgewiesen werden können. Das BAG kommt im August auf einen Wert von 1,6 Prozent aller Ansteckungen. Die Medien fordern zudem eine Schliessung der Skigebiete.
Die Taskforce legt zwar Wert auf die Feststellung, dass es sich dabei nicht um eine Prognose handle – dennoch verteidigt Taskforce-Leiter Martin Ackermann die Veröffentlichung. Noch im Februar sagt er, angesprochen auf Sinn und Unsinn von solchen Szenarien, der NZZ: «Es ist eine der Aufgaben der Wissenschaft, bekannte Parameter in einem Modell zu verwenden und daraus mögliche Szenarien für die Zukunft zu entwickeln. Nur so ist ein vorausschauendes Handeln möglich.»
Die Schweiz ist für Ackermann eine «Hochrisikozone», das mutierte Virus biete keinerlei «Sicherheitsmarge». Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) befürchtet vor dem Jahreswechsel eine Zunahme der Fallzahlen im Januar.

Januar: Umstrittene Kosten-Nutzen-Rechnung

Der Bundesrat verschärft am 13. Januar den Lockdown mit Verweis auf die Gefahr von mutierten Viren: Restaurants, Kulturbetriebe, Sportanlagen und Freizeiteinrichtungen sollen bis mindestens Ende Februar geschlossen bleiben. Private Treffen werden auf maximal fünf Personen beschränkt. Die Taskforce begrüsst die Verschärfungen – auch aus wirtschaftlicher Sicht: Übersterblichkeit führe wegen verlorenen Lebensjahren zu hohen Kosten; je nach Szenario zwischen 1,7 und 8,2 Milliarden Franken pro Monat – während ein Lockdown nur zwischen 1,4 und 1,8 Milliarden koste. (Lesen Sie hier unseren Artikel zur Kosten-Nutzen-Rechnung: Harte Kritik an der Taskforce.)
Ackermann verweist zudem auf die explodierenden Fallzahlen in Grossbritannien und Irland. «Man muss jetzt von einer Verdoppelung jede Woche ausgehen.» Die Taskforce stützt sich dabei auf eine Studie aus dem Vereinigten Königreich, die beim britischen Mutant eine höhere Übertragbarkeit und deshalb eine um 50 bis 100 Prozent höhere Reproduktionszahl (R-Wert) gegeben sieht.
Die nackten Zahlen zeigen jedoch in die andere Richtung: Bereits zu Beginn des Jahres sinken die Fallzahlen im Sieben-Tage-Schnitt. Und sie tun dies kontinuierlich bis Ende Monat. Dasselbe gilt für Spitaleintritte und Todesfälle.

Februar: «Mutanten-Tsunami»

Dass sich die Voraussagen immer wieder als falsch erwiesen haben, wurde offensichtlich nicht berücksichtigt. Zum Beispiel geht es um die 50 Prozent höheren Übertragungsrate des britischen Virus, mit dem die Modellierer argumentieren. Frank Scheffold, Professor am Physik-Departement der Universität Freiburg, sagte in einem Interview mit der «Welt»: «Unter Wissenschaftler ist das umstritten. Ich denke, dass mit dieser Annahme etwas nicht stimmt.» Und in dieser Woche schrieb er in einem Gastbeitrag in der NZZ, dass eine Analyse der Pandemieverläufe in Irland und Portugal schon früh auf Probleme mit dem Mutanten-Szenario hingedeutet hätten.
Dennoch warnte unter anderem die Schweizer Taskforce Anfang Februar «vor einem Mutanten-Tsunami», wie Scheffold schreibt, «der mit den bisherigen Massnahmen nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen sei.» Dieses Worst-Case-Szenario und die darauf basierenden Prognosen sei in den Medien und den sozialen Netzwerken unkritisch verbreitet worden.
Und die Taskforce? Auf erneute Prognosen angesprochen, sagte Ackermann, dass man keine Zahlen mehr bekannt gebe. Warum dem so ist, sagte er nicht.

März: «Weniger Tempo beim Öffnen»

Der Bundesrat beschliesst auf 1. März trotzdem leichte Lockerungen – und kündet an: Wenn es die epidemiologische Lage erlaubt, könnte am 22. März der nächste Öffnungsschritt folgen. Wegen der leicht steigenden Zahlen und des höheren R-Werts sieht er am 19. März jedoch davon ab. Taskforce-Präsident Martin Ackermann wünscht sich am 24. März: «Weniger Tempo beim Öffnen, aber mehr Tempo beim Impfen».
Es stimmt: Das britische Virus wurde im März dominant – deswegen stiegen die Fallzahlen und der nominale R-Wert an. Scheffold schreibt jedoch in der NZZ: «Gleichzeitig wurde aber auch die Anzahl der Tests stark hochgefahren. So stieg die Zahl der täglich durchgeführten Tests in der Schweiz von 24’000 Mitte Februar auf 40’000 Ende März. Im Gegensatz zum nominalen R-Wert hat sich der auf die Anzahl durchgeführter Tests bezogene R-Wert im März kaum verändert.»
Dennoch ändert der Bundesrat seine Strategie: Orientiert er sich zu Beginn des Monats noch an Öffnungskriterien, wird Ende Monat wieder über Verschärfungen gesprochen. In diese Richtung gehen auch die Aussagen der Taskforce-Mitglieder.

April: Die Panik der Lockdown-Befürworter

Im April sinken die Fallzahlen wieder auf das Niveau vom Februar. Auch der nominale R-Wert nähert sich wieder dem neutralen Wert (1). Auch Scheffold schreibt in der NZZ: «Die Mutanten-Welle ist also trotz Lockerungen ausgeblieben.»
Der R-Wert ist auch bei der Taskforce mal wichtiger, mal weniger wichtig. So, wie es gerade passt? Immer wieder wird betont, dass die Reproduktionszahl nur Hinweise liefere, keinesfalls präzis sei. Geht es um Verschärfungen, wird sie aber gerne als Erstes herbeigezogen. Bereits Ende Dezember hat der «Tages-Anzeiger» herausgefunden, dass der R-Wert regelmässig nachkorrigiert werden muss. Zuletzt am Montag – von 0,96 auf 1,10.
Ackermann spricht am 7. April weiter von Verschärfungen, warnt vor einer «Überlastung der Spitäler» und weist darauf hin, dass der «Ostereffekt» erst in zwei Wochen erkennbar sein wird. Auch das BAG ist der Meinung, dass die aktuellen Zahlen «mit Vorsicht» zu interpretieren seien. Darum werden Durchhalteparolen an die Bevölkerung gerichtet. Ackermann sagt: «Das Ziel ist nah: Nur noch drei Monate, bis die Impfung greift.» Im Februar sagte er noch: «Es braucht noch ein bisschen Geduld.»
Scheffold sieht das anders. Er schreibt: «Ein Absinken des Durchschnittsalters der Patienten ist eine logische Konsequenz der nach Alter gestaffelten Impfkampagne und kein Zeichen eines Anstiegs der Hospitalisierungen unter den Jüngeren.» Er gibt auch den Hinweis, dass die Wirkung von scharfen Massnahmen umstritten, die Kollateralschäden jedoch bekannt seien. Trotz panischen Warnungen der Lockdown-Befürworter würden auch an Orten, wo die Massnahmen allesamt aufgeben worden sind (zum Beispiel Texas), die Fallzahlen seitdem weiter sinken, und das gesellschaftliche Leben habe sich weitestgehend normalisiert.
Diesem Szenario würde die Taskforce wohl kaum zustimmen. Aber man muss auch sagen: Bewahrheitet haben sich ihre Prognosen bis anhin nicht.
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