Organspende: Nutzen der Widerspruchslösung nicht belegt

Organspende: Nutzen der Widerspruchslösung nicht belegt

Regierung und Parlament wollen, dass künftig alle Menschen potenzielle Organspender sind, die sich nicht explizit dagegen aussprechen. Doch Belege, dass diese Widerspruchslösung zu mehr Spenderorganen führt, gibt es nicht. Der Bundesrat suggeriert trotzdem das Gegenteil.

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von Alex Reichmuth am 10.12.2021, 05:02 Uhr
Karikatur: Jürg Kühni
Karikatur: Jürg Kühni
In der Schweiz warten rund 1500 Personen auf ein neues Organ. Sie sind darauf angewiesen, von verstorbenen Menschen eine Niere, eine Leber, ein Herz oder eine Lunge zu bekommen. Ansonsten droht ihnen früher oder später der Tod.
Doch es gibt zu wenig Spenderorgane. Mit jährlich rund 18 gespendeten Organen pro Million Einwohner hat die Schweiz eine im europäischen Vergleich tiefe Spenderate. Letztes Jahr sind darum 72 Personen auf der Warteliste gestorben.

Die Angehörigen behalten ihre Mitsprache

Der Bundesrat und das Parlament wollen das ändern und haben einen Systemwechsel beschlossen. Bis heute gilt beim Organspenden die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung: Verstorbenen Personen dürfen nur dann Organe entnommen werden, wenn diese zu ihren Lebzeiten einer Entnahme zugestimmt haben. Typischerweise ist dieser Entscheid in einem Spenderausweis festgehalten. Liegt keine Willensäusserung vor, entscheiden die Angehörigen.

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Eine gespendete Niere wird für den Transport vorbereitet. Bild: Keystone

Neu soll die erweiterte Widerspruchslösung gelten. Alle Personen gelten als potentielle Organspender – ausser, sie entscheiden sich explizit dagegen. Die Angehörigen haben aber im Todesfall ein Vetorecht gegen eine Organentnahme, wenn der Wille des Verstorbenen nicht bekannt ist. Die Hoffnung ist, dass dieser Systemwechsel zu mehr lebensrettenden Spenderorganen führt.

Referendum gegen die Widerspruchslösung ergriffen

Das Parlament hat im vergangenen Herbst seinen Segen zur Einführung der erweiterten Widerspruchslösung gegeben – auf Antrag des Bundesrates. Es handelt sich um einen indirekten Gegenvorschlag zur hängigen Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten», die eine enge Widerspruchslösung ohne Vetorecht der Angehörigen fordert (siehe hier). Möglicherweise ziehen die Initianten ihr Begehren zurück.
Es könnte aber so oder so eine Volksabstimmung geben: Gegen die vorgesehene Widerspruchslösung hat ein Komitee das Referendum ergriffen. Es dürfe nicht sein, dass das Recht auf Unversehrtheit des Körpers eingefordert werden muss, sagt das Komitee. Das Referendum wird unter anderem von der EDU unterstützt. Damit es zustande kommt, sind bis am 20. Januar nächsten Jahres 50’000 Unterschriften nötig (siehe hier).

Nationale Ethikkommission ist dagegen

Eine zentrale Frage wurde bis jetzt in der Öffentlichkeit aber kaum diskutiert: Führt die Einführung der Widerspruchslösung tatsächlich zu mehr Spenderorganen? Erreicht der Systemwechsel wirklich das angestrebte Ziel?

«Da Unklarheiten bestehen, ob durch die Widerspruchslösung die Spenderzahlen in der Schweiz steigen, gleichbleiben oder gar fallen könnten, sieht die Kommission keinen Anlass, die Rechtsgrundlage in dieser Hinsicht zu ändern.»

Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, 2012

Die Widerspruchslösung steht schon einige Jahre zur Debatte. 2012 hat sich die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin dagegen ausgesprochen. Unter anderem zweifelte sie am Nutzen der Widerspruchslösung. In einem Bericht schrieb die Kommission: «Da Unklarheiten bestehen, ob durch die Widerspruchslösung die Spenderzahlen in der Schweiz steigen, gleichbleiben oder gar fallen könnten, sieht die Kommission keinen Anlass, die Rechtsgrundlage in dieser Hinsicht zu ändern.» (siehe hier)

314 relevante Studien ausgewertet

Auch das Bundesamt für Gesundheit bestätigte 2013, dass die Nützlichkeit nicht erwiesen sei: «Ob die Widerspruchslösung zu einer Erhöhung der Spenderate führt, kann auch bei einem Vergleich der Länder nicht klar gezeigt werden.» In einigen europäischen Ländern habe die Einführung der Widerspruchslösung zwar zu einer höheren Spenderate geführt, in anderen aber sei diese konstant geblieben oder sogar gefallen (siehe hier). Der Bundesrat lehnte die Widerspruchslösung damals noch ab.
2018 ging das Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich im Auftrag des Bundes minutiös der Frage nach, wie verschiedene Arten der Willensbekundung die Zahl der Spenderorgane beeinflussen. Ein Team um den Bioethiker Markus Christen wertete 314 relevante wissenschaftliche Studien zu diesem Thema aus dem Zeitraum von 2007 bis 2017 aus (siehe hier).

«Willensäusserungsmodell nicht entscheidend»

Die Analyse ergab, «dass klare Evidenz für eine direkte kausale Wirkung des Willensäusserungsmodells auf die Spenderate sowie eine gesicherte Abschätzung des Ausmasses des Effekts weiterhin fehlt». Immerhin: «Die Hinweise, dass ein Widerspruchsmodell die Spenderate positiv beeinflussen könnte, haben sich (...) verdichtet.» Diese Hinweise waren aber nur schwach, denn der Bericht hielt fest: «Die Effekte eines Opt-out-Modells auf die Spenderate können nach wie vor nicht schlüssig bewertet werden.» (Mit Opt-out-Modell ist die Widerspruchslösung gemeint.)

«Mit Blick auf die Entwicklung der Spenderate über die Zeit scheint das Willensäussserungsmodell nicht entscheidend zu sein.»

Politikberatungs-Büro Vatter, 2019

Zu einem ähnlichen Resultat kam 2019 ein Ländervergleich der Berner Politikberatung Vatter, der ebenfalls vom Bund in Auftrag gegeben worden war. Einbezogen worden waren Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Spanien, Grossbritannien und Wales (als Teil von Grossbritannien). Fazit des Vergleichs: «Mit Blick auf die Entwicklung der Spenderate über die Zeit scheint das Willensäussserungsmodell nicht entscheidend zu sein.» (siehe hier)

International grosse Unterschiede bei der Organspenderate

Auch international gibt es keine Belege, dass die Widerspruchslösung zu mehr Spenderorganen führt. 2019 erschien im Fachblatt «Kidney International» ein Vergleich von britischen Forschern zur Organspenderate in 35 Ländern der OECD, darunter die Schweiz. In 17 dieser Länder galt die Widerspruchslösung, in 18 die Zustimmungslösung.
Es zeigten sich grosse Unterschiede bei den Organspenderaten: Während die Schweiz mit jährlich 13,1 verstorbenen Spendern pro Million Einwohner verzeichnet war, kam Japan nur auf 0,8, Island hingegen auf 26,9. In allen drei Ländern galt aber die Zustimmungslösung. Auch bei den Ländern mit Widerspruchslösung gab es grosse Differenzen: Luxembourg zum Beispiel kam auf 5,1 verstorbene Spender, das Nachbarland Belgien dagegen auf 30,7 (siehe hier). Offensichtlich gibt es starke Einflüsse auf die Spenderate, die nichts mit dem Modell der Willensäusserung zu tun haben.

Differenz ist statistisch nicht signifikant

Die Auswertung der britischen Forscher ergab, dass die Spenderate in Ländern mit Widerspruchslösung mit durchschnittlich 20,3 zwar höher ist als in Ländern mit Zustimmungslösung (15,4), dass die Differenz aber statistisch nicht signifikant ist. Das heisst, die Differenz kann rein zufällig zustande gekommen sein.

«In Ländern mit Widerspruchslösung ist die Organspenderate durchschnittlich höher als in Ländern mit Zustimmungslösung.»

Bundesrat, 2020

Selbst Befürworter der Widerspruchslösung müssen eingestehen, dass deren Nutzen fraglich ist. So sagte Intensivmediziner Renato Lenherr, Leiter des Netzwerks «Donar Care Association», gegenüber der «Sonntagszeitung», es sei schwer zu sagen, ob wegen der Widerspruchslösung mehr Organe gespendet werden. Es sehe in der wissenschaftlichen Literatur aber so aus, «dass eine Widerspruchslösung zu etwas mehr Organen führen dürfte». Überzeugung klingt anders.
Der Bundesrat, der nun für die Widerspruchslösung ist, hat den Stand der Forschung jedoch mehrmals verzerrt wiedergegeben. «In Ländern mit Widerspruchslösung ist die Organspenderate durchschnittlich höher als in Ländern mit Zustimmungslösung», behauptete er 2020 in seiner Botschaft an das Parlament. Die Hinweise, dass die Widerspruchslösung die Spenderate positiv beeinflussen könnten, hätten sich verdichtet. Immerhin schob die Regierung nach: «Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Willensäusserungsmodell und der Spenderate kann jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden.» (siehe hier)

«Weiterhin keine klare Evidenz»

In der Antwort auf einen parlamentarischen Vorstoss von Nationalrätin Verena Herzog (SVP) schrieb der Bundesrat 2019: «Entgegen früheren Resultaten haben sich in den letzten Jahren die Hinweise verstärkt, dass die Widerspruchslösung einen positiven Effekt hat: Neben organisatorischen und strukturellen Verbesserungen im Spital schient deren Einführung einen weiteren Faktor darzustellen, welcher zu einer Erhöhung der Spenderate beitragen kann.» (siehe hier). Dagegen hält der erwähnte Bioethiker Markus Christen von der Uni Zürich auf Anfrage klipp und klar fest: «Es gibt weiterhin keine klare Evidenz dafür, dass die Einführung einer Widerspruchslösung die Spenderzahlen signifikant erhöht.»
In der Fachliteratur werden andere Massnahmen genannt, die geeigneter sein könnten, die Zahl der gespendeten Organe zu erhöhen. Dazu zählt die Bezeichnung von Spezialisten in den Spitälern, die Fälle von möglichen Organspendern erkennen und deren Angehörige professionell ansprechen. Denn die Angehörigen haben unabhängig vom gewählten Modell meist das letzte Wort.

Regelmässig zur Willensbekundung auffordern

Hier setzten auch Ann-Kathrin Crede und Matteo Mattmann vom Beratungsunternehmen Swiss Economics an. In einem Beitrag in der «Neuen Zürcher Zeitung» orteten sie das Problem der tiefen Organspenderate in der Schweiz darin, dass die meisten Menschen zu Lebzeiten ihren Willen nicht bekunden. Die Angehörigen würden dann in Unkenntnis dieses Willens eine Organentnahme meistens ablehnen – unabhängig davon, ob die Zustimmungs- oder die Widerspruchslösung gelte.

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Ein Organspendeausweis nimmt den Angehörigen den Entscheid für oder gegen eine Spende ab. Bild: Keystone

Gemäss Umfragen ist ein beachtlicher Teil der Bevölkerung grundsätzlich bereit, Organe zu spenden. Es müsse deshalb darauf hingearbeitet werden, dass mehr Menschen ihren Willen festhielten, schrieben Crede und Mattmann. Um das zu erreichen, sollten die Menschen regelmässig aufgefordert werden, sich zum Organspenden zu äussern. Dieser Meinung ist auch die Nationale Ethikkommission, die nach wie vor gegen die Widerspruchslösung ist.

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