Omikron: Kaum Einfluss auf Spitalbelegung

Omikron: Kaum Einfluss auf Spitalbelegung

Die Sars-Cov-2-Variante Omikron wird von Experten und Regierungen als neue Bedrohung beschrieben, die uns ins neue Jahr begleiten werde. Zahlen aus Grossbritannien zeigen aber ein anderes Bild. Die Zahl der Hospitalisationen hat erstmals keinen Zusammenhang mehr mit derjenigen der Ansteckungszahlen.

image
von Stefan Millius am 21.12.2021, 18:00 Uhr
Illustration: Givo
Illustration: Givo
Das griechische Alphabet diktiert rund um den Globus seit Monaten die Schutzmassnahmen gegen Corona. Aktuell ist es die Virusvariante Omikron, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Einschränkungen rechtfertigen soll. Es heisst, sie verbreite sich sehr viel schneller als die vorangegangene Delta-Variante. Entsprechend kursiert wieder die Angst vor überfüllten Intensivstationen.
Doch die entscheidende Frage ist: Wie gefährlich ist Omikron? Von den ersten Erfahrungsberichten, wonach der Verlauf bei dieser Variante sehr viel milder sein könnte, wird heute kaum mehr gesprochen. Die Virologin Isabella Eckerle widerspricht dieser These auf Twitter sogar deutlich:
Warum es sich nur um ein «Irrlicht» handeln soll und nicht um ein mögliches Szenario, führt Eckerle allerdings nicht aus. Es ist offensichtlich einfach so, Beweisführung unnötig.

Weihnachtsfeier als «Kronzeugin»

Eckerle ist damit in guter Gesellschaft. Als Beleg für die Gefährlichkeit von Omikron soll derzeit auch ein Vorfall in Norwegen liefern. Dort kam es an einer Weihnachtsfeier zu einem Coronaausbruch unter doppelt Geimpften. Der deutsche Virologe Christian Drosten stürzte sich – ebenfalls auf Twitter – auf die Gelegenheit:
Es müsste Drosten eigentlich selbst aufgefallen sein: Er verrenkt sich in seinem eigenen Tweet in seinen eigenen Gedankengängen. Der Virologe räumt ein, dass keiner der Infizierten Spitalpflege nötig hatte, aber dennoch sieht es für ihn gleichzeitig «nicht nach einer milderen Erkrankung» aus. Ein Nachweis für diese Aussage fehlt auch hier.
Dafür zeigt ein Report über die Ereignisse in Norwegen minutiös auf, wie die Folgen wirklich aussahen. Die meisten der Betroffenen klagten nach Erkrankung über Husten, eine verstopfte Nase, Müdigkeit und Halsschmerzen. Diese Symptome hielten im Schnitt zwei bis vier Tage an. Als es die Meldung über die Weihnachtsfeier in die Medien schaffte, war Corona also für die meisten der angesteckten Gäste bereits wieder Geschichte. Man kann argumentieren, dass in vielen Fällen die Impfung entscheidend war für die milden Verläufe. Aber auch dann fehlt der Nachweis für die besondere Gefährlichkeit von Omikron, die derzeit suggeriert wird.

Mehr Fälle, aber nicht mehr Hospitalisationen

Die Anzeichen verdichten sich sogar eher zum Gegenteil. Nic Freeman, Dozent für Statistik an der Universität von Sheffield, veröffentlichte diese Woche eine Analyse, die dafür spricht, dass die neue Variante deutlich harmloser verläuft als frühere. Seine Grafik (siehe unten) zeigt, dass es in der aktuellen Phase des Geschehens im untersuchten Gebiet, dem Grossraum London, keinen Zusammenhang zwischen der Zahl der positiv Getesteten und den Spitaleintritten gibt. Das ist eine Premiere: Bisher waren diese Werte stets aneinander gekoppelt: Je mehr festgestellte Ansteckungen, desto mehr Leute im Spital.
Die blaue Linie zeigt die Zahl der Hospitalisationen gemäss früheren Modellprognosen aufgrund der rapportierten positiven Tests, die grüne die effektiven Spitaleintritte.
image
Grafik: Nic Freeman, University of Sheffield
Diese Erkenntnisse beeindrucken die Politik allerdings nicht, im Gegenteil. Der neue «Corona-Expertenrat» der deutschen Bundesregierung sieht aufgrund von Omikron dringenden Handlungsbedarf in zusätzlichen Kontaktbeschränkungen. Gegenüber der «Tagesschau» der ARD war es wieder Isabella Eckerle, die mit grossen Worten auffuhr: Die Omikron-Welle werde «einer Naturkatastrophe ähneln».
Auch andere Medien bemühen sich darum, die schiere Möglichkeit einer harmloseren Variante gar nicht erst aufkommen zu lassen. SRF macht folgende Rechnung: Wenn die neue Variante wirklich ansteckender sei, werde es automatisch auch zu mehr schwereren Fällen kommen, einfach durch den reinen Anstieg der Fallzahlen. Dabei wird kurzerhand die nach wie vor denkbare Option ausgenommen, dass Omikron generell schlicht weniger dramatisch sein könnte.

Prognosen statt aktueller Daten

Auch das Bundesamt für Gesundheit handhabt das so. Bei der jüngsten Medienkonferenz vom Dienstag war Omikron eines der Hauptthemen. Die Aussagen beschränkten sich aber auf den Grad der Verbreitung. Was die Gefährdung durch schwere Verläufe angeht, blieb alles vage. Alle drei bis vier Tage würde sich die Zahl der Omikronfälle verdoppeln, hiess es. Man müsse sich deshalb «auf eine Vielzahl neuer Erkrankter einstellen». Auch Patrick Mathys vom BAG räumte zwar ein, man wisse noch nicht, wie sich Omikron bei Geimpften verhalte, fügte aber an, man gehe davon aus, dass die Variante weitere Todesfälle fordern werde. Warum das zwingend so sein muss: Darüber schwieg sich Mathys aus.
Die Prognosen vieler Medien und des Bundesamts für Gesundheit korrespondieren nicht mit den aktuellen Zahlen aus Grossbritannien. Diese zeigen klar: Mehr Ansteckungen führen bei der neuen Variante nicht automatisch zu einer Überlastung des Gesundheitssystems. Offensichtlich kann aber einfach nicht sein, was nicht sein darf. Dabei besteht mehr Grund zur Hoffnung als je zuvor. Entwickelt sich Omikron tatsächlich in den nächsten Wochen zur «dominanten Variante», füllt aber gleichzeitig nicht die Spitäler, wären das gute Nachrichten zum Jahresende.

Mehr von diesem Autor

image

Tabakwerbeverbot: Auch «Ersatzprodukte» wären betroffen

Stefan Millius18.1.2022comments

Ähnliche Themen