Omikron: Heilsbringer oder gefährlicher Erreger?

Omikron: Heilsbringer oder gefährlicher Erreger?

Es sind erst wenig Daten zur neuen Covid-Mutation vorhanden. Mehrere Wissenschaftler schätzen sie bislang als harmlos ein. In der Schweiz möchte man abwarten.

image
von Serkan Abrecht am 29.11.2021, 19:00 Uhr
Maskenpflicht lediglich eine Forderung: Tanja Stadler, Präsidentin der Taskforce (Mitte).  Bild: Keystone-SDA
Maskenpflicht lediglich eine Forderung: Tanja Stadler, Präsidentin der Taskforce (Mitte). Bild: Keystone-SDA
Viel Neues konnten die Expertinnen und Experten der verschiedenen Fachgruppen, Taskforce, des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und der Kantonsärzte, nicht präsentieren. Sie sprechen unisono weiter von einer ernsten epidemiologischen Lage. Die Todeszahlen, die Hospitalisationen, die Fallzahlen: alle würden sie ansteigen, sagt Anne Lévy, Direktorin des BAG. Und mit der neuen Covid-Mutation aus Südafrika, genannt Omikron, könnten die Entwicklung der Pandemie sich verschlimmern.
«Es geht jetzt vor allem darum, die Ausbreitung dieser Variante zu verlangsamen», sagt Lévy. Verhindern könne man sie nicht. Ein möglicher Verdachtsfall wird momentan vom BAG geprüft. Auch Tanja Stadler, Leiterin der wissenschaftlichen Covid-Taskforce, warnt: Südafrikanische Experten hätten nachweisen können, dass die neue Variante deutlich ansteckender als die bisherigen sei.

«Kein Grund zur Panik»

Diese Aussage stimmt. Stadler lässt jedoch aus, dass ebendiese Experten bei der neuen Mutation ein weit milderen Krankheitsverlauf feststellen, als beispielsweise bei der momentan dominierenden Delta-Variante. «Derzeit gibt es keinen Grund zur Panik, da wir keine schwer kranken Patienten sehen», sagte Angelique Coetzee, Vorsitzende des südafrikanischen Ärzteverbandes zum «Telegraph».

image
Beruhigende Worte: Angelique Coetzee. Bild: SAMedical

Sie war die erste Ärztin, die die neue Corona-Mutation meldete. Bekannt ist momentan, dass das häufigste Symptom mit der Omikron-Mutation eine «verstärkte Müdigkeit» ist. Experten des öffentlichen Gesundheitswesens weltweit sagen jedoch, dass es viel zu früh sei, um auf der Grundlage der ersten anekdotischen Daten von Coetzee eindeutige Aussagen über den Schweregrad von Omikron zu treffen. So auch die Schweiz: «Es ist viel, viel, viel zu früh, um die Gefährlichkeit dieser Mutation beurteilen zu können», sagt Stadler.

Paradox positiv

Aber Coetzee ist nicht einzige, die die Lage weniger schlimm einschätzt. So wird die neue Mutante auch in Israel vermehrt nachgewiesen. Dror Mevorach, Leiter der Abteilung für Coronaviren am Hadassah Universitätskrankenhaus, sagte aber zur israelischen Tageszeitung «Haaretz»: die vorläufigen Berichte über den klinischen Zustand der mit der neuen Variante infizierten Menschen seien ermutigend.
«Wenn es so weitergeht, könnte es sich um eine relativ milde Krankheit im Vergleich zur Delta-Variante handeln, und wenn sie sich durchsetzt, wird sie paradoxerweise zu niedrigeren Infektionsraten führen – und es wird einfacher sein, sie weltweit zu bekämpfen.»

Weitere Verschärfungen möglich

Für eine solche Einschätzung ist es gemäss Tanja Stadler zu früh. Sie sagte in der «NZZ am Sonntag»: «Aus meiner Sicht braucht es nun vor allem überall in Innenräumen Masken.» Gleichzeitig sagte sie im selben Interview: «Massnahme A bringt nicht zwingend Effekt B.» Auf diesen Widerspruch angesprochen, antwortet sie, dass es mehrere Studien gäbe, die die Wirksamkeit der Masken bestätigen würden.
Auch hält sie fest, dass es keine Forderung, sondern lediglich eine Empfehlung sei. Der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte, hält eine Maskenpflicht in Innenräumen ebenfalls für «sinnvoll». Und obwohl sich alle einig sind, dass noch zu wenig zur Mutation Omikron bekannt ist, sagt Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung, dass es wohl zu Verschärfungen der Massnahmen kommen könne.

Mehr von diesem Autor

image

Die Schweiz hat eine der härtesten Isolation-Regeln

Serkan Abrecht31.12.2021comments

Ähnliche Themen