Omikron: «Die Gefährlichkeit der Variante wird überschätzt»

Omikron: «Die Gefährlichkeit der Variante wird überschätzt»

Zum letzten Mal in diesem Jahr sagten uns die Experten des Bundes, wie dramatisch die Lage ist. Omikron breitet sich aus, schwere Verläufe werden befürchtet, die Spitäler werden sich laut Prognosen wieder füllen. Ein Mediziner stellt das alles in Frage.

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von Stefan Millius am 28.12.2021, 18:00 Uhr
Task-Force-Präsidentin Tanja Stadler. (Bild: YouTube)
Task-Force-Präsidentin Tanja Stadler. (Bild: YouTube)
Es war das mittlerweile vertraute Trio, das sich via Livestream an die ganze Schweiz richtete. Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung beim Bundesamt für Gesundheit, Tanja Stadler, Präsidentin der «Swiss National Covid-19 Science Task Force», und Rudolf Hauri, oberster Kantonsarzt. Sie erklärten uns am Dienstag, wie es um die Schweiz in Sachen Corona bestellt ist. In Diplomen ausgedeutscht: ein Umweltnaturwissenschaftler, eine Mathematikerin und ein staatlich besoldeter Mediziner.
Was sie zu sagen hatten, lässt sich einfach zusammenfassen. Die Corona-Variante Omikron breitet sich schnell aus und wird zur dominanten Variante. Wie schwer sie die Menschen erkranken lässt, ist unklar, aber das sei völlig egal, Tatsache sei, dass sie ansteckender ist, daraus müssen zwingend mehr Spitaleinweisungen folgen. In Schach halten könne man die Gefahr durch die bewährten Instrumente: Impfen, testen, Maske tragen, Kontakte reduzieren. Eine dritte Impfung sei unbedingt nötig.
Wer eine Stunde Zeit hat, kann sich das alles wörtlich vermitteln lassen:
Es war einmal mehr ein «Konjunktiv-Livestream». Sämtliche Aussagen basierten auf Annahmen, es gab zu so gut wie keinen Informationen handfeste Ergebnisse aus Studien.
Im Gespräch mit dem «Nebelspalter» geht Stephan Rietiker die wesentlichen Erkenntnisse der Bundesexperten durch. Der Arzt und Unternehmer mit 30 Jahren Erfahrung in der Healthcare-Industrie ist Gründer von «InsideCorona», einer Plattform, die die Coronamassnahmen des Bundes kritisch hinterfragt.
Stephan Rietiker, Omikron überzieht das Land. Macht Ihnen das ebenso Sorgen wie den Experten des Bundes?
Nein. Die Gefährlichkeit der Variante wird überbewertet. Dazu kommt, dass man den Entwicklungsprozess eines Virus ohnehin nicht kontrollieren kann. Wollte man das tun, müsste man die ganze Bevölkerung einsperren und durch die Armee versorgen lassen. Was man hingegen aufgrund bisheriger Erfahrungen verlässlich sagen kann: Die bekannten Impfstoffe wirken bei Omikron schlicht und einfach kaum.
Der Bund sagt: Tatsache ist, dass sich Omikron rasanter verbreitet, das sei eine alarmierende Nachricht. Stimmen Sie dem zu?
Es ist richtig, Omikron ist ansteckender, und dafür gibt es mikrobiologische Gründe. Omikron ist in den oberen Luftwegen angesiedelt, die Deltavariante wirkte sich auf tiefere Regionen aus. Das heisst, dass die Übertragung einfacher ist und sich die Symptome schneller zeigen. Es gibt aber einen Trugschluss bei der Sache. Eine höhere Verbreitung eines Virus hat nichts zu tun mit seiner Gefährlichkeit. Klinische Studien belegen, dass diese Variante wesentlich milder verläuft als die früheren. Das zeigt sich bis jetzt eindeutig, was nicht heisst, dass es nicht zu vereinzelten schweren Verläufen kommen kann. Wir haben es mit wesentlich mehr Ansteckungsfällen zu tun, aber es kommt zu weniger Einweisungen auf die Intensivstation. Dennoch wird suggeriert, Omikron sei gefährlicher. Damit lenkt man von der Tatsache ab, dass die Zahl von 1500 Intensivplätzen auf 800 reduziert wurde.
Um wieder die Experten des Bundes zu zitieren: Diese wollen nichts zur Gefährdung sagen, halten aber daran fest, dass allein eine höhere Anzahl Angesteckter in sich eine Gefahr birgt.
Das ist eine reine Behauptung, die man statistisch analysieren müsste. Bleiben wir doch einfach bei dem, was wir wirklich wissen: Wir haben wesentlich höhere Infektionszahlen, dazu kommt eine riesige Dunkelziffer von Leuten, die infiziert wurden, ohne dass wir es wissen. Aber wir haben weniger Patienten im Spital. Was jetzt betrieben wird, ist ein reines Szenario der Angstmacherei. Ganz nebenbei: Die Task Force des Bundes hat bisher noch nie eine korrekte Modellrechnung präsentiert, sie ist immer weit daneben gelegen.
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Stephan Rietiker. (Bild: pd)
Das BAG hält daran fest: Die bestehende Impfung schützt zwar weniger gut vor Omikron, auch was die schweren Verläufe angeht, sie habe aber kurzfristig dennoch einen guten Effekt, und wer lediglich doppelt geimpft ist, dem droht eine schwerere Erkrankung. Ist diese Darstellung aus Ihrer Sicht haltbar?
Mir ist keine Studie bekannt, die diese Aussage stützt. Das ist alles Prinzip Hoffnung und ein Ausdruck der Politisierung der Medizin. Wer solche Dinge sagt, bewegt sich im luftleeren Raum. Studien zeigen vielmehr, dass eine Genesung einen besseren Schutz bietet als die Impfung. Der Booster wirkt unter Umständen nicht einmal bei Omikron, weil sich bestehende Antikörper der Immunitätsantwort entziehen.
Das klingt nach einem Ruf nach Durchseuchung…
Seien wir ehrlich: Der Versuch einer Eindämmung des Virus hat versagt, das ist ein Unding, eine absolute Sackgasse. Ich habe immer gesagt: Risikogruppen sollten geimpft werden. Aber bei Kindern beispielsweise ist eine Genesung definitiv der bessere Weg. Omikron könnte für die breite Gesellschaft zu einem Segen werden aufgrund der milden Symptome.
Die Experten des Bundes sind sich einig: Wenn alle Schutzmassnahmen eingehalten werden, besiegen wir den Virus. Es gab auch einen weiteren Appell für die Maske. Man solle am besten sogar eine FFP2-Maske tragen, wenn man mit Leuten im Auto unterwegs ist, die man nicht näher kennt.
Man soll mir bitte die Studie zeigen, welche die Wirksamkeit der Schutzmaske zeigt. Ich habe diese Massnahme nie bekämpft, offenbar hilft sie ja vielen Leuten, sich sicherer zu fühlen. Aber generell wird die Maske als Lösung völlig überbewertet. Wir wissen auch, dass eine FFP2-Maske kaum mehr bringt als eine herkömmliche. Auf der anderen Seite zeigt sich inzwischen, dass es bei Kindern, die Maske tragen, häufiger zu Erkältungskrankheiten kommt, die bis zur Hospitalisation führt, weil sie keine Abwehrkräfte mehr aufgebaut haben.
Omikron ist der neue Angstmacher des Bundes. Ihnen scheint die Variante also keine Angst zu machen?
Wenn ich vor etwas Angst habe, dann vor dem falschen Aktionismus von Behörden. Nehmen Sie zum Beispiel die Quarantäne. Viele Experten haben bereits geraten, diese auf die Zeit der Symptome zu beschränken, die in der Regel drei bis fünf Tage anhalten, danach ist die Gefahr vorbei. Damit wären schon viele der aktuellen Befürchtungen erledigt. Stattdessen wird übertrieben, indem man eine falsche Eindämmungsstrategie fördert. Auf diese Weise treibt man die Pandemie vor sich hin, statt sie zu bewältigen.
Was auch gesagt wurde: Wer heute noch nicht geimpft ist, wird sich infizieren. Ist wenigstens das Grund zur Sorge?
Nein. Letztlich wird jeder einzelne von uns infiziert werden, niemand kann sich dem entziehen. Das gilt auch für Geimpfte, sie werden durch Varianten des Virus angesteckt, weil der Impfstoff nicht breit genug angelegt ist. Mich beruhigt diese Aussicht eher, als dass sie mich verängstigen würde.
Eine Journalistin hat im Rahmen der jüngsten Medienkonferenz die Frage aufgeworfen, ob man nun nicht zusätzliche Kontaktbeschränkungen verordnen müsste. Wie ist eine solche Aussage zu werten?
Offenbar funktioniert das Narrativ des Bundes gut, mehr kann man dazu nicht sagen. Wir sehen das ja alle auch im privaten Umfeld, die Angst geht um. Und es wird lange gehen, bis die Menschen diese Angst wieder ablegen können. Aber entscheidend ist weniger, was gesagt wurde an dieser Medienkonferenz, wichtiger ist, was kein Thema war.
Und zwar?
Es ist kein Wort gefallen über neue Therapien gegen das Coronavirus, und da liegt für mich der eigentliche Skandal. Es gibt viele Möglichkeiten, den Auswirkungen auch ohne Impfung zu begegnen und Hospitalisationen in hohem Mass zu verhindern. So etwa mit Cocktails aus monoklonalen Antikörpern und einer Pille von Pfizer zur Behandlung der Symptome, die in den USA und der EU bereits zugelassen ist, Swissmedic lässt sich hingegen Zeit. Es wäre damit möglich, gerade jüngere Betroffene sehr effektiv zu behandeln und die Symptome signifikant zu senken mit antiviralen Medikamenten. Sogar aus der Komplementärmedizin, die nicht mein Gebiet ist, gibt es erfolgsversprechende Berichte. Da könnte man viel erreichen, aber offenbar ist das nicht erwünscht.

«Ruhe vor dem Sturm»

Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf (Mitte) warnte zusammen mit den Verantwortlichen des Kantons und der Spitäler an einer eigens einberufenen Medienkonferenz vor der Omikron Welle. Sie werde ganz sicher kommen und zu mehr Fällen uns Hospitalisierungen führen, «egal ob geimpft oder geboostert». Es komme schon jetzt zum Verschieben von Wahleingriffen. Eine Triage in Einzelfällen könnte vielleicht nötig sein, sei aber nur «ultima ratio». Der Impfstoff, so Christoph Henzen, Chefarzt Innere Medizin am Luzerner Kantonsspital, wirke nur zu 35 Prozent. Er rechne mit einem Ausfall von Mitarbeitern in der kommenden Welle, die jetzige Situation sei die «Ruhe vor dem Sturm». Omikron werde die ganze Gesellschaft «durchseuchen». Guido Graf forderte zusätzliche schweizweite Massnahmen. In Luzern gilt ab dem 29.12. ein Besuchsverbot im Luzerner Kantonsspital und in der Hirslanden Klinik St. Anna. (fi.)

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