Ode an das Bier

Ode an das Bier

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von Stefan Millius am 30.4.2021, 12:24 Uhr
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  • Schweiz
  • Gesellschaft

Ein offizieller Feiertag ist es nicht. Aber der heutige 30. April kann dennoch gar nicht genug hoch geschätzt werden. Er ist der offizielle «Tag des Schweizer Bieres». Anlass für eine Würdigung des Nationalgetränks, das zwar an Wertschätzung zugelegt hat – aber noch lange nicht genügend.

Wie entspannen Sie sich nach einem harten Tag? Werden Prominente das in seichten Postillen gefragt, lautet die Antwort fast immer sinngemäss: «Bei einem guten Gespräch mit einem feinen Glas Rotwein.» Sagen die Leute eigentlich die Wahrheit? Legen sie nicht eher die Füsse auf den Couchtisch, in der Hand eine Flasche Bier? Sagen kann man das schlecht. Wein: Das klingt nach Lebenskultur, nach gehobenem Stil, nach Bildung. Bier hingegen erinnert an Jogginghosen, Trash-TV und gesalzene Erdnüssli.

Genuss versus Promille?

Zugegeben: Es ist besser geworden mit der Wahrnehmung. Bier boomt, und man muss es im Restaurant nicht mehr hinter einer Zeitung verstecken. Es gibt heute Bierverkostungen, Bier-Dinners selbst in «besseren» Restaurants (das richtige Bier zu jedem Gang, Weintrinker kennen das) , man kann sich zum Bier-Sommelier ausbilden lassen. Verglichen mit vor zehn Jahren hat das Bier seinen Proletenstatus überwunden. Aber noch immer gilt tendenziell: Dem Weintrinker nimmt man ab, dass er den Genuss will, der Biertrinker steht im Verdacht, die Promille zu suchen.
Wäre dem so, müsste man sich Gedanken machen, warum das Bier bei uns so im Vormarsch ist. Es gibt nirgends auf der Welt mehr registrierte Brauereien pro Kopf als in de Schweiz – über 1200. Tendenz: Schwer zunehmend.
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Quelle: Schweizer Brauerei-Verband
Unterm Strich ergeben sich so über 5000 verschiedene Biersorten, unter denen man wählen kann, ausländische nicht mitgezählt. Nicht einberechnet sind hier die Leute, die zuhause oder mit Freunden im Partykeller ein eigenes Bier brauen.

Vagina-Bier: Ernsthaft?

Und wer von der Vielfalt der Weinwelt schwärmt: Bitte tief durchatmen. Bei Wein geht der Versuch, besonders originell zu sein, schnell auf Kosten des Produkts. Demgegenüber kann man bei Bier viel stärker experimentieren. Natürlich darf man diskutieren, ob es ein Kastanienbier oder ein Reisbier braucht oder eines, das auf Früchte setzt. Und nicht mal sprechen muss man über die Idee einer polnischen Brauerei, das ihr Bier mit Milchsäurebakterien aus der Vagina von Unterwäschemodels versetzte. Aber alles in allem ist die Welt der Biere eine, die sich bis zum jüngsten Tag weiterentwickeln lässt. Und zwar nicht in Nuancen, sondern richtig derb. Sorry, ihr Weintrauben.
Und die Experimente finden Anklang. Der Konsum von «normalem» Bier ist auf Kosten der Spezialitäten rückläufig:
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Quelle: Schweizer Brauerei-Verband
Und nun für alle Nachhaltigkeitsfanatiker: Auch ihr solltet Bier trinken. Hemmungslos. Denn was bei der Produktion anfällt, ist nicht einfach für die Tonne. Bierhefe, Würze, Malztreber: Da steckt Potenzial drin. Daraus kann man Brot machen, Chips, Pizzateig, Essig und vieles mehr. Vermutlich am konsequentesten macht das die Brauerei Locher mit ihrem «Appenzeller Bier». Dort ist sogar eine Fischzucht in Planung, in der die Nebenprodukte aus dem Sudhaus als Futter dienen und auf Antibiotika verzichtet werden kann. Und schliesslich: Treber lässt sich sogar in Biogasanlagen fermentieren für die Produktion von Strom. Spätestens jetzt müsste jeder noch so Grüne seinen toskanischen Wein loswerden und den Keller mit Bier füllen.
Aber eigentlich muss man gar nicht missionieren für den Gerstensaft. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
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Quelle: Bundesamt für Statistik, Schweizerische Gesundheitsbefragung
Und da sind die letzten paar Jahre, in denen die Bierkultur weiter zugelegt hat, noch nicht einmal drin. In your face, Weintrinker!
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