O Thurgau oder: Wenn auf den Inseln der Seligen Bananen wachsen

O Thurgau oder: Wenn auf den Inseln der Seligen Bananen wachsen

Ist die Wahlfälschung vom März 2020 durch den Frauenfelder Stadtschreiber ein Beweis für die Verderbtheit der thurgauischen «Bananenrepublik», wie der Tages-Anzeiger den Thurgau nennt? Nein, eher eine Geschichte vom langsamen Aufwachen auf einer Insel der Seligen.

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von Gottlieb F. Höpli am 9.7.2021, 09:00 Uhr
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Der Thurgau hat ein Problem, zumindest medial gesehen: Er kommt in den Medien fast nur vor, wenn es über pikante Geschichten und Skandälchen zu berichten gibt. Wie über den renitenten Pferdehalter, der den Thurgauer Behörden jahrelang auf der Nase herumtanzte. Oder den südafrikanischen Milliardär, der sich hier eine Corona-Impfung erkaufte, während der Kanton bei den Impfzielen schweizweit hinterherhinkte. Da mochte sogar die seriöse NZZ über «Thurgaunereien» spotten.
Und nun also die Wahlfälschung von 2020, die allzu lange vom Frauenfelder Stadtschreiber, aber auch von den Behörden des Kantons verwedelt wurde und diese Woche mit einem Schuldspruch endete, der wohl noch nicht einmal das Ende der Geschichte markiert. «Mostindien» auf dem Weg zur «Bananenrepublik», lautete das Fazit des TA-Karikaturisten schon vor dem Urteilsspruch des Gerichts. Ist es das?
Betrachtet man den immer noch ländlichen Kanton ohne urbanes Zentrum mit seiner mehrheitlich bäuerlich-konservativen Bevölkerung, so ist eher von einem «Time-lag» zu reden, einer zeitverzögerten Entwicklung. Der Mentalität, und damit auch der Institutionen. Vom politischen Aufwachen auf einer Insel der Seligen, wo das Vertrauen der Bürger in ihre Repräsentanten noch immer gross ist – so gross, dass oft von Vertrauensseligkeit gesprochen werden muss, wie kritische Geister wie der Weinfelder Journalist und Autor Markus Schär immer wieder monieren.
Was dazu führt, dass politische Verfahren und Entscheide sich noch oft eher auf wenig überprüfbare Formalien und mehr auf auch mal bloss mündlich präparierte Beschlüsse abstützen – der «Kanton der kurzen Wege», wie ihn regierende Thurgauer Politiker gerne mal nennen, wird dann eben auch zum «Kanton der Abkürzungen». Wo Dinge gehen, die in den urbanen Zentren des Landes nicht mehr gehen. Nicht gegen, sondern durchaus mit dem Willen einer Mehrheit der Regierten. Aber eben nur einer Mehrheit.
Doch unter den kritischen Augen der schweizerischen Öffentlichkeit «geht es» eben immer weniger. Die Medien aus Zürich sind nicht an der ländlichen Polit-Idylle interessiert, sondern an den Bruchlinien zwischen der Vergangenheit und der komplizierteren Gegenwart. Da erscheinen die Absprachen zwischen Politikern und Interessierten, die sich fast alle von der Kantonsschulverbindung oder vom Militär her kennen, schnell einmal als kuschlige Kungelei.
Man könnte das Vertrauen des Stimmvolks in die Vertreter, die es in seine Institutionen gewählt hat, ja auch positiv sehen: Solange die Dinge sind, wie sie sollen, und laufen, wie sie müssen, macht man im Thurgau kein (Most-)Fass auf. Man verlässt sich auf den Stimmenzähler, den man vom «Schäfli»-Jass am Samstagabend kennt, und auf den höheren Beamten, der zwar in Zürich oder Bern studiert hat, aber zu den Wenigen gehört, die in den Kanton zurückgekehrt sind.
Doch die ländliche Insel der (Vertrauens-)Seligen ist auch nicht mehr, was sie einst war. Man ist auch im Thurgau immer seltener unter sich. Und sieht sich – oft widerwillig – gezwungen, die modernen, quasi «akademischen» Formen der Transparenz und Überprüfbarkeit von Verfahren und Entscheiden zu übernehmen. Weil sonst der Spott über die nächste Thurgaunerei droht.
Und sollte dereinst das E-Voting in einem der ach so urbanen Zentren des Landes zu einem noch viel grösseren Wahl-Debakel führen als die 200 Stimmzettel von Frauenfeld, wird der Spott vom «Schäfli»-Stammtisch trotzdem nicht über die Thurgauer Kantonsgrenze hinaus zu vernehmen sein.

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