Nordrhein-Westfalen: Booster schon nach vier Wochen

Nordrhein-Westfalen: Booster schon nach vier Wochen

In der Schweiz und in Deutschland gibt es die Auffrischimpfung erst fünf oder sechs Monate nach dem zweiten Stich. Doch das deutsche Bundesland prescht jetzt vor und erlaubt den Booster bereits nach vier Wochen. Fachleute sind entsetzt.

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von Alex Reichmuth am 15.12.2021, 18:00 Uhr
Booster-Impfung: Nach welcher Wartefrist macht sie Sinn? Bild: Keystone
Booster-Impfung: Nach welcher Wartefrist macht sie Sinn? Bild: Keystone
Wie lange soll und muss man mit dem Booster nach der zweiten Covid-Impfung warten, damit der Schutz ideal ist? Darüber streiten die Politik und die Fachwelt in diesen Tagen intensiv. In der Schweiz gilt derzeit grundsätzlich eine Wartefrist von sechs Monaten.
Es hat sich aber gezeigt, dass der Impfschutz nach einem halben Jahr bereits merklich abgenommen hat und es gegen Ende dieser Frist häufig zu Impfdurchbrüchen kommt. Die kantonalen Gesundheitsbehörden erlauben den Ärzten darum, die Auffrischimpfung auf Wunsch von Impfwilligen schon nach fünf Monaten zu verabreichen. Vor allem mit Blick auf die hochansteckende Omikron-Variante mehren sich die Stimmen, den Booster noch früher zuzulassen.

«Personen nicht zurückweisen und ebenfalls impfen»

Die Europäische Arzneimittelbehörde (Ema) kam vor wenigen Tagen zum Schluss, dass der Booster schon drei Monate nach der Zweitimpfung wirksam sei. Zwar empfiehlt die Ema die Auffrischimpfung offiziell noch immer erst nach sechs Monaten. Aber ein kürzerer Abstand sei möglich, wenn dies «unter dem Gesichtspunkt der öffentlichen Gesundheit wünschenswert ist», sagte Marco Cavaleri, Chef der Ema-Impfstrategie.
Auch in Deutschland gilt, je nach Bundesland, eine Wartefrist von fünf oder sechs Monaten. Doch ein Bundesland prescht jetzt vor und erlaubt die Auffrischung schon vier Wochen nach der Zweitimpfung: Nordrhein-Westfalen.
Zwar gilt auch in diesem Bundesland weiterhin eine offizielle Empfehlung von fünf Monaten. Doch im neuen Erlass steht: «Personen, bei denen die Grundimmunisierung weniger als fünf Monate zurückliegt, sind jedoch nicht zurückzuweisen und ebenfalls zu impfen – sofern ein Mindestabstand von vier Wochen erreicht ist.»

«Entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage»

Der Erlass Nordrhein-Westfalens orientiert sich an einer aktuellen Empfehlung der Ständigen Impfkommission Deutschlands (Stiko). Gemäss dieser kann eine Auffrischimpfung bei schwer immundefizienten Personen bereits vier Wochen nach der zweiten Dosis verabreicht werden.

Durch einen falschen Bezug auf die spezielle Stiko-Impfempfehlung für schwer immunsupprimierte Patienten sei «eine ultimative Verwirrung» ausgelöst worden.

Christian Bogdan, Mitglied der Ständigen Impfkommission

Fachleute verwerfen aber die Hände ob des Impfentscheids des Bundeslands. Dieser «entbehrt leider jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und ist ein typisches Beispiel dafür, wie man durch Aktionismus und fachlich nicht abgesicherte Regelungen die Verunsicherung in der Gesellschaft unnötigerweise erhöht», ärgerte sich Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission. Durch einen falschen Bezug auf die spezielle Stiko-Impfempfehlung für schwer immunsupprimierte Patienten sei «eine ultimative Verwirrung» ausgelöst worden.

«Aus immunologischer Sicht zu früh»

Auch Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, lehnt den Entscheid Nordrhein-Westfalens als unsachgemäss ab: «Aus immunologischer Sicht sind vier Wochen Abstand (...) zu früh.» Das Immunsystem kümmere sich zu diesem Zeitpunkt um die «Reifung», bei der die Antikörper noch einmal verbessert werden. «Wenn man diesen Vorgang zu früh durch eine dritte Impfung mit der Verabreichung des Antigens beschäftigt, stört das den Reifungsprozess eher, als dass es ihn unterstützt.»
Dieser Meinung schloss sich auch Carsten Watzl an, Professor für Immunologie an der Universität Dortmund. Schon nach vier Wochen zu boostern, sei «nicht zielführend». Aus immunologischer Sicht seien vier Monate das Minimum. Die Entscheidung von Nordrhein-Westfalen sei vermutlich aus Angst vor Omikron gefallen.

Ansturm auf Impfzentren und Arztpraxen befürchtet

Der neue Bundesgesundheitsminister, der Arzt Karl Lauterbach (SPD), äusserte sich ebenfalls kritisch zum Entscheid. Ihm ist vor allem eine einheitliche Linie wichtig, ab wann es die Auffrischung gibt. «Es ist sicherlich problematisch, wenn jedes Bundesland beim Booster-Abstand demnächst andere Wege gehen würde. Hier brauchen wir evidenzbasierte, aber auch einheitliche Empfehlungen.»

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Karl Lauterbach (SPD), deutscher Gesundheitsminister. Bild: Keystone

Jedenfalls richten sich die Impfstellen und Arztpraxen in Nordrhein-Westfalen auf einen Ansturm von Impfwilligen ein. Denn viele der 18 Millionen Einwohner können sich den Booster wegen der Verkürzung der Wartefrist nun sofort holen. Bereits hagelt es Vorwürfe der politischen Opposition im Bundesland: Er fürchte «Vordrängler» und «Ellenbogen», schimpfte SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty. Die Grünen sprachen von einem «Kommunikations-Chaos».

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