Nochmals: Die Sache mit den Intellektuellen

Nochmals: Die Sache mit den Intellektuellen

«Wie kommen Sie dazu, Lukas Bärfuss als Intellektuellen zu bezeichnen», fragte mich in der lebhaften Diskussion meiner Kolumne von letzter Woche ein prominenter Diskussionsteilnehmer. Die Antwort: Ich übernahm nur eine Wertung der Medien. Das heisst nicht, dass es für mich keine Intellektuellen gibt

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von Gottlieb F. Höpli am 1.1.2022, 11:00 Uhr
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Es war an einem Treffen der Liberalen Weltunion, der Vereinigung liberaler Parteien aus der ganzen Welt. Am Rednerpult referierte der prominente deutsche Professor und Buchautor Ralf Dahrendorf, damals Leiter der London School of Economics. Schräg hinter mir sass der ebenso prominente deutsche FDP-Vorsitzende und zeitweilige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, mit dem ich immer gerne ein paar Worte wechselte. Die Atmosphäre war, wie fast immer bei diesen Treffen, informell-familiär. «Spannend», flüsterte ich Lambsdorff bei einem Gedankenblitz des Redners zu. «Ach was, der erzählt doch jedes Jahr etwas Anderes», knurrte dieser zurück. Für ihn, den marktliberalen Fels in der deutschen Wirtschaftspolitik, war Dahrendorf ein typischer Intellektueller. Und das war nicht als Lob gedacht.
Ein Intellektueller – damit sind viele, offensichtlich auch viele Nebelspalter-Leser einverstanden – ist ein womöglich intelligentes, aber unzuverlässiges Wesen. Das keinen festen Standpunkt hat, die jeweilige Position aber gerne in die Öffentlichkeit trägt. Einer, auf den man nicht bauen kann, ein Wolkenschieber. Der besser nicht Minister wird, vielleicht nicht einmal Beamter. Braucht es den überhaupt?
Nun, die grundlegenden Werke der Philosophie, der Ökonomie, der Staatskunst, der Geschichte, der Kultur und der Gesellschaft wären nicht entstanden, wenn da jeweils nicht ein unruhiger Kopf darüber nachgedacht hätte, ob die bisherigen Annahmen und Lehren über den untersuchten Gegenstand auch richtig waren oder durch die stets weiterschreitende Entwicklung der Dinge überholt seien. Ob sie nun Hume oder Rousseau, Karl Marx oder Karl Popper, Habermas oder Dahrendorf hiessen – sie zweifelten alle an den bisherigen Erklärungen der Dinge und setzten zu neuen Erklärungen an. Und machten sich dadurch selten beliebt. Heute würde man sie Intellektuelle nennen.
Übrigens: «Intellectuels» wurden im aufkommenden Medienzeitalter erstmals die Unterstützer der Position Zolas in der Dreyfus-Affäre genannt – Emile Zola hatte bekanntlich gegen die Ent-Ehrung des jüdischen Hauptmanns Dreyfus öffentlichkeitswirksam protestiert und sich damit im französischen Establishment Clémenceaus erbitterte Feinde gemacht.
Intellektuelle stellen oft bestehende Denkgebäude, Ordnungen und damit auch Mächte infrage, handle es sich nun um die Kirche, die Monarchie, eine Diktatur wie den Sowjet-Kommunismus oder auch nur um überholte Sitten und Gebräuche einer Gesellschaft. Sie tun es aber nicht mit der Waffe in der Hand und nicht mit der Guillotine, und auch nicht mit Hetzreden und Pöbeleien, sonst wären sie Revolutionäre oder Agitatoren. Sie tun es mit Argumenten, und sie wissen, dass sie nie das end- und alleingültige Argument haben. Sie haben mit dem Zweifel begonnen und sind deshalb offen für Zweifel anderer an ihren Thesen. Allein daran soll man die Bedeutung eines Intellektuellen ermessen. Nicht an seiner Lautstärke, nicht an der Zitationshäufigkeit und nicht am Urteil einer Jury aus einer Handvoll Feuilletonredaktoren. Intellektuelle werden nicht und von niemandem ernannt. Sie ermächtigen sich selbst. Das birgt Gefahren in sich, über die allein man eine weitere kleine Abhandlung schreiben müsste. Sie könnte betitelt werden «Der Einzelne und das grosse Ganze» oder «Hegel und die Folgen». Vielleicht sollte ich….
Damit ist immer noch nichts über den historischen Wert oder Unwert eines Intellektuellen ausgesagt. Dieser erweist sich oft erst im nachhinein. Überzeugtheit von der eigenen Bedeutung, Lautstärke und öffentliche Bekanntheit sagen noch nichts über den geistigen Rang aus. Die Beschimpfungen oder auch bloss Dummheiten eines Lukas Bärfuss etwa, welche Medien so gerne verbreiten, werden enden wie ein Silvesterfeuerwerk: Sie flirren und glitzern eine kurze Zeit, stinken noch etwas länger, und verschwinden dann – wie nicht gewesen.

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