Nico: Genie der Boshaftigkeit

Nico: Genie der Boshaftigkeit

Vor zehn Jahren starb Nico, ein liebenswürdiger, unversöhnlicher, präziser Karikaturist. Mit einem Strich machte er Mächtige zu Brei, mit einer Bildlegende gab er ihnen den Rest. Eine Würdigung des grandiosen Satirikers.

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von Markus Somm am 24.9.2021, 14:00 Uhr
Karikaturist: Nico
Karikaturist: Nico
Wenn wir beim Tages-Anzeiger Abenddienst hatten, und das traf früher jeden Journalisten, dann assen wir in der Regel in der Kantine der Zeitung, kein besonders gemütlicher Ort, sondern eher an den Charme eines bulgarischen Hallenbades erinnernd. Meistens blieben wir nicht sehr lange, da wir ja noch zu tun hatten. Manchmal aber sass Nico am Tisch, und dann ging es sehr viel länger. Sicher lag es daran, dass Nico beliebt war, da unterhaltend oder sarkastisch, wie wir das von einem Karikaturisten erwarten durften, vielleicht hielt uns Nico auch mit Absicht von der Arbeit ab, weil ihm immer noch nichts eingefallen war, was er zu Papier bringen konnte – und je länger er mit uns plauderte, desto brutaler wuchs der Druck, endlich zu zeichnen, was er wohl brauchte, um kreativ zu werden.
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Karikatur aus dem Tagesanzeiger
Beliebt und kreativ. Denn Nico, das blieb mir, war ein Star, durchaus vor Selbstbewusstsein strotzend, und doch sehr nahbar. Ich war damals ein kleiner Volontär. Und als ich den grossen Nico (er war auch physisch ein grosser Mann) das erste Mal in der Kantine traf, ging ich nicht davon aus, dass er überhaupt mit mir sprechen würde. Stattdessen setzte er sich an unsere Runde und nahm mich auf, als kennte er mich seit Urzeiten. Nico, der Demokrat. Obwohl er einer der besten (und bestbezahlten) Leute beim Tagi war, trat er nie so auf. Ob Verleger oder Telefonistin: Er behandelte sie alle gleich – oder zugegeben: fast gleich.

Nie zu spät, nie zu früh

Damit mag zusammenhängen, dass ihm niemand böse sein konnte, wenn er hin und wieder erst in der letzten Sekunde, bevor die Zeitung in den Druck ging, seine Karikatur für die Front lieferte. Zwar war es oft ein Zittern, und ich habe manch einen Blattmacher erlebt, der etwas bleich auf Nico wartete, und doch kam die Zeichnung immer. Nico, der einstige Deutsche jüdischer Herkunft, war zuverlässig wie ein deutscher Automotor. Und kreativ auf eine Art, wie ich das nie mehr erlebt habe.
Und wie. Von 1968 bis 2005, 37 Jahre lang, zeichnete er für den Tages-Anzeiger, sechs Tage die Woche. Keine Front erschien ohne Nicos bildlichen Kommentar, so gut wie niemals fiel er aus, es sei denn, er war schwer erkrankt, was ebenso selten vorkam. In dieser Zeit entstanden gut 35 000 Karikaturen. Ein episches Werk. Jeden Tag suchte Nico nach einer Idee für eine Zeichnung, jeden Tag nach einer Ungerechtigkeit oder Schlamperei, einem Missstand oder einem Skandal, worüber er sich aufregte, was sich indessen nur in der Karikatur ausdrückte, im Umgang mit realen Menschen blieb er mild. Wenn er einen Witz machte, dann nur auf den Stockzähnen lächelnd, wenn er sich ärgerte, dann nur wie ein melancholischer Weintrinker, dessen Wein ein, zwei Grad zu warm war, was er dann höflich dem Kellner mitteilte. Nico – das war ein Phänomen – konnte Gift der höchsten Giftklasse verspritzen, wenn er zeichnete, obwohl er ein netter Mensch war.
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Karikatur aus dem Tagesanzeiger
Am schlimmsten traf es jeweils den Papst oder andere Würdenträger der katholischen Kirche, die er mit Inbrunst verhöhnte, oft unter der Gürtellinie oder besser: unter dem Talar. Für die Führung des Tages-Anzeigers war das wohl nicht immer einfach, denn im Gegensatz zur protestantischen NZZ zählte der Tagi viele Katholiken in der Zürcher Diaspora zu seinen Lesern, Abbestellungen, zornige Telefonate, bodenlose Enttäuschung. Peter Hartmeier, langjähriger Chefredaktor des Tagi, erinnert sich, wie er die erbosten Abonnenten anrief, um ihnen zu erklären, was Humor bedeutete. Meistens, so erzählt er, konnte er eine Kündigung abwenden. Hätte Nico angerufen, der Katholikenfresser, wäre wohl eher die Leitung zusammengebrochen, als dass ein Abonnent ans Telefon gegangen wäre. Ganz selten wurde Nico zensiert, aber wenn, dann betraf es in der Regel anti-katholische Karikaturen, es ging um erigierte Penisse von Bischöfen oder Bilder vom Papst, die als ziemlich unvorteilhaft zu bezeichnen waren.
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Karikatur aus dem Tagesanzeiger

Die Rache ist mein

Was machte Nico zu einem der grössten Karikaturisten der schweizerischen Mediengeschichte? Vermutlich genau diese Boshaftigkeit. Nico zeichnete nicht bloss wie ein Gott, er bestrafte seine Gegner auch wie ein alttestamentarischer Gott: er versenkte sie im Roten Meer, er liess sie zu Salzsäulen erstarren, er zerstörte mit Trompeten ihre Mauern von Jericho. Wer überlebte, lachte bestens, wer sich ärgerte, war selber schuld. Wenn aber eines Nico unsterblich machte, dann wohl sein Stil: Nicos Zeichnungen waren unverkennbar. Auch ohne, dass man seine Unterschrift gesehen hätte, wusste man, dass er der Urheber war. Sein «Strich» war so vertraut, als hätte es ihn immer gegeben. Sicher half, dass er jeden Tag die Frontseite einer der auflagestärksten Zeitungen des Landes prägte, selbst wer den Tagi nicht abonniert hatte, wusste um Nico. Nico überall. Dass der ansonsten eher strenge Tagi Nico damit zur täglichen Humorration so gut wie aller Schweizer gemacht hatte, gehört zu den unbestreitbaren Verdiensten dieser Zeitung. Man schrieb Mediengeschichte. Man teilte mit Nico eine ungewöhnliche Karriere.

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Karikatur aus dem Tagesanzeiger

Vom Nebi entdeckt

Angefangen hatte diese Karriere aber nicht beim Tagi, sondern beim Nebelspalter, was ich hier als Chefredaktor dieses Blattes mit einem gewissen Stolz erwähne: Als jungen Mann hatte es Nico aus Deutschland in die Schweiz verschlagen. In Hannover, wo er aufgewachsen war, hatte er eine Lehre als Tiefdruckfarbretoucheur absolviert, doch als er in die Bundeswehr eingezogen werden sollte, verliess er das Land. In Luzern kam er als Retoucheur bei den Luzerner Neusten Nachrichten unter, bald wurde Klaus Peter Cadsky, so hiess er mit bürgerlichem Namen, vom Nebelspalter entdeckt, nachdem er im deutschen Stern eine Karikatur veröffentlicht hatte. Kaum entdeckt, war er freier Mitarbeiter, noch rascher verantwortlicher Bildredaktor – so flexibel waren damals die Verleger – 1968 schliesslich holte ihn der Tagi nach Zürich.
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Karikatur aus dem Nebelspalter
Nico hatte sich zuvor mit der Führung des Nebi überworfen. Anlass war der Vietnamkrieg, den Nico, ein Linker, natürlich ablehnte, während sich die bürgerliche Chefetage auf der Seite Amerikas sah. Im Wissen, wie heikel dieses Thema war, zeigte Nico am Nachmittag dem Verleger eine harmlose Zeichnung zum Krieg, um am Abend eine andere, viel schärfere drucken zu lassen. Niemand lachte. Die Hunde bellten. Nico zog weiter.
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Karikatur aus dem Nebelspalter
Fast vierzig Jahre später zerstritt sich Nico wieder mit seinem Arbeitgeber, der ihn doch so gut gehalten hatte. Weil der Tagi sparen musste und einige Stellen strich, wähnte sich Nico, der Bestverdienende, in der kapitalistischen Hölle – und gab seine Stelle unter Protest auf. Gekündigt hatte er schon oft, doch stets war es den Verlegern oder den Chefredaktoren des Tagi gelungen, ihn umzustimmen. Dieses Mal nicht. 2005 wechselte er zum Blick, wo er nie mehr so recht glücklich wurde. 2011, vor zehn Jahren, starb er an einem Herzinfarkt. Ein Liebling der Götter des Witzes, ein Genie der Boshaftigkeit, ein liebenswürdiger Mensch. Seine Zeichnungen bewegen uns noch heute.
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Karikatur aus dem Nebelspalter

Gedenkausstellung «Nico» Cadsky in der Galerie Mauritiushof, Hauptstrasse 41 in Bad Zurzach. Bis zum 26. September 2021. Öffnungszeiten: Mi bis Sa, 14 bis 17 Uhr, So 11 bis 17 Uhr.

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