NICHT VERÖFFENTLICHEN

image 7. September 2022, 07:00
Imre Haklar erkannte die Stromkrise schon vor 44 Jahren (Bild aus dem Nebelspalter Nr. 2/1978)
Imre Haklar erkannte die Stromkrise schon vor 44 Jahren (Bild aus dem Nebelspalter Nr. 2/1978)
Auf dem Sofa sitzend, mit der Fernbedienung in der Hand, starre ich auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers. Ausser dem leisen, monotonen Brummen des Notstromaggregats des Nachbars, den ich letzten Sommer noch belächelt habe, ist es ohrenbetäubend still. Als ich aufstehen will, um mir noch mehr kalten Kakao zu holen, stolpere ich über die Weihnachtsbeleuchtung, die ohne Lichterfunkeln am Tannenbaum hängt. In der Finsternis versuche ich dem Kabelsalat zu entkommen und verschütte dabei etwas «Schoggimilch» auf meine selbstgestrickten Wollsocken. Leise fluche ich vor mich hin und betrachte nachdenklich den überschmückten und in Kabel gewickelte Baum.

Heiss vor heiss

Noch mehr als der erloschene Weihnachtsbaum und die kalte Stube beeinträchtigt mich die Internetlosigkeit. So traurig dies klingt, doch ein Millennial ohne Internet ist wie ein Schuh ohne Sohle. Die Zeit, in der ich mich vorher ins Tiefen des Internets flüchten konnte, verbringe ich nun mit häkeln oder Toilettenpapiertürme bauen.
Das fehlende Online-Dating ist zur natürlichen Verhütung geworden. Aus diesem Grund lässts sich auch Simonetta Sommarugas Rat zum gemeinsamen Duschen nicht befolgen. Wobei sich meine Prioritäten bei der Männerwahl ohnehin verschoben haben. Von «Körperstatur» zu «Körpertemperatur» – Hauptsache heiss! Die neue Überlebensstrategie lautet; Lieber eine heisse Flasche im Bett als eine kalte Bettflasche.

Von Mumienspielen und hitzigen Diskussionen

Als sich mein Blick zu meinen verkleckerten Wollsocken senkt, springen mir die schnee-weissen «Hakle Kacklappen» entgegen, die unter dem Tannenbaum liegen. Statt Geschenken, gibt es dieses Jahr für alle vierlagiges supersoft Deluxe Toilettenpapier. Unsere WG hatte noch ein paar Rollen «vöörig» von der Corona-Krise. Im Gegensatz zum Bundesrat waren wir auf die Pandemie vorbereitet.
Über diese Anschaffung bin ich im Nachhinein sehr froh, da WC-Papier vielseitig eingesetzt werden kann. Neben dem üblichen Gebrauch im Fall eines «Rüggepfnüsels» kann das Toilettenpapier für Mumienspiele oder als Kissenfüllung dienen. Zu guter Letzt bringt es die Mitbewohner zum Schweigen, falls eine Diskussion über die Schuld der Energiekrise wieder ausartet – dafür muss man die Rollen nur tief genug in deren Mund stecken. Harte Zeiten erfordern harte Massnahmen.

Es herrscht Anarchie

Zugegebenermassen hielt sich die Begeisterung meiner Mitbewohner in Grenzen, als ich eines Abends aus den unzähligen Rollen einen Turm gebastelt habe, mich ganz oben drauf setzte und ihnen verkündete, dass sie von jetzt an meine Untertanen seien. Die Welt ist im Umbruch und wenn es keinen allmächtigen Souverän gibt, der für Ordnung sorgt, herrscht Anarchie. Ich habe mich also erbarmt und mich gleich selbst als Souverän eingesetzt.
Meine absolute Herrschaft war von kurzer Dauer, doch der von mir eingeführte «Füürli-Mittwoch» blieb auch nach meinem Sturz erhalten. Einmal in der Woche wird am Abend bei uns ein Feuer entfacht und wir kochen, feiern und essen gemeinsam. Es ist der einzige Abend, in dem es warm in der Stube ist. Vergangenen Mittwoch mussten wir mit Schrecken feststellen, dass unsere Früchteschale nicht feuerfest war! Seitdem steht der Füürli-Mittwoch auf der Kippe, und leider auch die Verlängerung des Mietvertrages. Was bleibt, ist das schwarze Brandloch im Parkettboden.

Regierung tappt im Dunkeln

Müde laufe ich in die Küche, hoffend, auf dem dreckigen Geschirr möge sich nicht zu viel Schimmel gesammelt haben. Ich greife zum Kurbel-Radio und fange an zu drehen, wie als Kind an diesen Spieldosen. Leider erklingt nicht die Mondschein-Sonata, sondern ein Reporter, der über die missliche Lage berichtet: «Wieder ein Blackout in Bern, die Regierung tappt im Dunkeln», knistert die Stimme aus dem Radio. Schmunzelnd nehme ich ein Bleistift zur Hand und schreibe den eben gehörten Satz auf die Liste mit den schlechtesten Wortspielen zur Energiekrise.
«Werden die Tage kühler sein, mach’s dir Wärmer mit 'nem Wein!»
Zu meiner Unterhaltung habe ich ein Trinkspiel daraus gemacht. Für jedes Wortspiel muss ich eine Flasche Wein trinken. Fazit: Bin seit zwei Wochen dauerbesoffen. «Werden die Tage kühler sein, mach’s dir Wärmer mit 'nem Wein!», rufe ich in die Stille hinaus und nehme einen Schluck aus der Weinflasche. Mit dem letzten Rest Kaviar schleiche ich durchs Wohnzimmer, darauf bedacht, nicht auf die verkohlten Stellen im Parkett zu treten oder mich im Kabelsalat der Weihnachtsbeleuchtung zu verheddern und setze mich wieder vor den schwarzen Bildschirm. Es ist still. Nur der Generator brummt. Dennoch habe ich ein Lächeln im Gesicht. Mit Kaviar und Wein bewaffnet denke ich mir: Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens mit Stil, prost!

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