Neues Suchtverhalten

Neues Suchtverhalten

Für die meisten Menschen lauert die Gefahr einer Sucht heute weder in Alkohol, Nikotin noch Kokain. Eine viel stärkere Verführungskraft geht von den Medien aus. Das Gute daran ist: diese Sucht schadet weder Lunge, Leber noch Hirn. Aber sie raubt uns wertvolle Zeit und Energie.

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von Mathias Binswanger am 4.7.2021, 09:04 Uhr
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Die älteste und heute schon nostalgisch anmutende Sucht dieser Art ist die Fernsehsucht. Mit dieser kenne ich mich aus, weil ich zeitenweise selbst von ihr befallen war. Bis vor ungefähr 20 Jahren gehörte ich zu den Menschen, die fast täglich fernsahen. Aber dann begann es mich zu ärgern, dass das Fernsehen mir meine Lebenszeit aufzufressen begann. Oft sah ich bis spät nachts fern und war dann am nächsten Abend entsprechend müde. Und was tut man, wenn man sich am Abend müde fühlt? Man schaut wieder Fernsehen, weil einem die Energie fehlt, um etwas Kreativeres zu tun. Das Ergebnis war ein Teufelskreis: chronische Übermüdung wegen zu viel Fernsehkonsum und aus diesem Grund noch mehr Fernsehkonsum. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, blieb nur eine Möglichkeit: die totale Fernsehabstinenz. Also verbot ich mir von einem Tag auf den andern, weiterhin fern zu sehen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dies eine der besten Entscheidungen meines Lebens war, und ich habe sie bis heute noch kein einziges Mal bereut. Ja, ich vermisse das Fernsehen nicht im geringsten.
Mittlerweile lauern die Versuchungen allerdings mehr im Internet als im traditionellen Fernsehen. Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram oder TikTok haben nochmals eine ganz neue Dimension virtuellen Suchtverhaltens geschaffen. Es geht darum, sich immer schneller und öfter virtuell in Szene zu setzen. Man kann immer noch etwas Tolleres über sich posten, eine weitere Meinung zum Geschehen abgeben oder sich bei «faszinierenden» Alltagstätigkeiten fotografieren und filmen. Die Jagd nach «Likes», «Followers» oder «Retweets» ist für viele Menschen de facto zum Lebensinhalt geworden. Fleissig werden rund um den Globus täglich Inhalte gepostet, um so etwas Aufmerksamkeit zu erhaschen. Doch da viele andere dies auch tun, muss man ständig noch mehr posten, nur um den Status quo zu halten.
Während jüngere und intellektuell weniger ambitionierte Menschen vor allem Instagram, TikTok oder Facebook verfallen, werden Intellektuelle und Pseudointellektuelle vor allem durch Twitter verführt. PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und Medienschaffende glauben mit täglichen Tweets präsent sein zu müssen, indem sie tweeten, retweeten, kommentieren und dann den Kommentar des Kommentars kommentieren. Denn die Aufmerksamkeit reicht nur für kurze Zeit. Danach ist ein Tweet bereits alt und muss durch einen neuen ergänzt werden, der hoffentlich noch mehr Aufmerksamkeit, Empörung, Mitgefühl oder Bewunderung erzielt.
Diese Sucht führt dazu, dass das reale Leben zunehmend durch ein virtuelles ersetzt wird. Statt Menschen zu treffen, sitzt man zuhause und vertwittert, verchattet und verpostet seine Zeit. Die Pandemie mit ihren Lockdowns hat diesem Verhalten noch weiteren Vorschub geleistet. So gleitet man zunehmend in eine virtuelle Pseudowelt ab, die physisch auf dasselbe herauslauft wie früher der Fernsehkonsum: man sitzt vor einem Bildschirm und starrt in diesen Hinein. Nur die Finger sind heute aktiver als früher beim Fernsehkonsum.
Tätigkeiten, die sich ausschliesslich am Bildschirm abspielen, besitzen aber auf die Dauer kein hohes Glückspotential. Dass Menschen dermassen viel Zeit mit sozialen Medien verbringen, ist letztlich ein Indikator für die geringe Attraktivität ihres analogen Lebens. Würde sich dieses faszinierend, interessant oder sogar aufregend präsentieren, wären die Opportunitätskosten des exzessiven Konsums von sozialen Medien viel zu hoch. Oder in einer auch für Nicht-Ökonomen verständlichen Sprache formuliert: man hätte Besseres zu tun. Das sollte man sich hin und wieder bewusst machen, damit das virtuelle Leben auf sozialen Medien nicht überbordet.
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