Studie aus den USA zeigt auf: Lockdowns nützen nichts

Studie aus den USA zeigt auf: Lockdowns nützen nichts

Ob Lockdown oder nicht: Die Pandemie verläuft in den meisten Ländern gleich. Auch der viel kritisierte schwedische Weg schneidet nicht schlechter ab.

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von Sebastian Briellmann am 20.3.2021, 12:00 Uhr
Maske tragen, Abstand halten: Eine Studie zeigt, dass Eigenverantwortung mehr bringt als rigorose staatliche Massnahmen. Foto: Shutterstock
Maske tragen, Abstand halten: Eine Studie zeigt, dass Eigenverantwortung mehr bringt als rigorose staatliche Massnahmen. Foto: Shutterstock
In einer umfassenden Studie zweifelt Philippe Lemoine, Doktorand der renommierten Cornell-Universität, den Nutzen von Lockdowns an. Für seine Arbeit hat er über 100 Länder und Regionen untersucht. Die Bilanz: Exponentiell hat sich das Virus nirgends ausgebreitet – unabhängig davon, ob ein Lockdown verfügt wurde oder nicht. Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis einer aussergewöhnlich detailgenauen Studie.
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Foto: Screenshot Center for Science in the Public Interest
Die Studie sorgte in den USA letzte Woche für viel Aufmerksamkeit, nachdem Lemoine seine Erkenntnisse im «Wall Street Journal» beschrieben hat. Er schreibt: Von «Glätten der Kurve», damit die Spitäler nicht überlastet werden, könne keine Rede mehr sein.
Lemoine, zu Beginn selber ein Befürworter von rigorosen Eingriffen, sagt nicht, dass Einschränkungen keine Wirkung hätten, aber eben nur eine minimale. Er legt dies anhand des «Schwedischen Wegs» dar: Anfangs als Katastrophe angesehen, unterscheidet sich die Pro-Kopf-Sterblichkeit heute im skandinavischen Land nicht von jener der gesamten EU.

EU und Schweden liegen gleichauf

Schauen wir Schweden genauer an. Der Weg, schnell als verantwortungslos verteufelt, war folgender: Die Menschen treffen sich weniger, halten Abstand, tragen Maske. Grossveranstaltungen wie Konzerte und Fussballspiele gab es keine. Dafür blieben die Schulen, die Geschäfte und die Restaurants offen.
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Foto: Screenshot Center for Science in the Public Interest
Lemoine kommt zum Schluss: Wenn nur Lockdowns und andere strenge Einschränkungen verhinderten, dass sich Menschen mit dem Virus anstecken, müssten die Todeszahlen in Schweden drei- bis fünfzehnmal höher sein. Dennoch sei es immer noch die gängige Meinung: Lockdowns seien der einzige Weg, dies zu verhindern. Obschon auch bereits diverse andere Studien, die in hoch geachteten Fachzeitschriften wie «The Lancet» veröffentlicht worden sind, dies angezweifelt haben.
Dass Schweden im Vergleich zum Frühling ebenfalls härtere Restriktionen erlassen hat, lässt Lemoine nicht als Gegenargument gelten. Spanien oder Frankreich haben zum Beispiel mehr Tote pro eine Million Einwohner zu beklagen als die Skandinavier. Trotz harten Lockdowns. Die Menschen sassen zuhause. Es gab Ausgangssperren. Die Strassen waren ausgestorben. Doch ihre Bilanz ist sogar leicht schlechter als jene der Schweden, wie die Grafik zeigt.
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Foto: Screenshot Center for Science in the Public Interest
Ein interessantes Detail: Finnland ist das Land mit der geringsten Pro-Kopf-Sterblichkeit – obschon seit Monaten sogar noch lockerere Massnahmen als in Schweden gelten.

Lockdown: Je früher, desto besser?

Lockdown-Befürworter argumentieren gerne auch mit der Bevölkerungsdichte. Gerade bei Schweden. Man könne das wenig dicht besiedelte Land nicht mit Spanien oder Frankreich vergleichen.
Aber auch hier gibt es für Lemoine keinen Zusammenhang. Serbien sei von der Dichte vergleichbar mit Frankreich, hat jedoch nicht nur deutlich weniger Tote pro Million Einwohner, sondern auch gesamthaft viel weniger restriktive Massnahmen erlassen – auch wenn die Zahlen zuletzt im Balkan-Land gestiegen sind und ein fünftägiger Lockdown bis Montag beschlossen worden ist.
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Foto: Screenshot Center for Science in the Public Interest
Zur Erklärung: Lemoine rechnet hier mit einer gewichteten Bevölkerungsdichte, da sich Menschen auch in grossen Ländern normalerweise auf kleinem Territorium konzentrieren.
Pro-Lockdown-Befürworter bestehen auch gerne auf folgenden Punkt: Je früher Lockdowns erlassen werden, desto besser. Lemoine widerlegt auch diesen Punkt, am Beispiel von Peru. Das südamerikanische Land ging nur neun Tage nach dem ersten Corona-Fall in den Lockdown – und die Regeln waren, mit Ausnahme von China, nach mehrfachen Verschärfungen die strengsten der Welt. Männer und Frauen durften nicht zum gleichen Zeitpunkt nach draussen. Am Sonntag durfte gar niemand mehr. Das Militär patrouillierte auf den Strassen. Geschäfte hatten nur noch bis 15 Uhr offen.
Die Folge: Die Fälle stiegen trotzdem an – und das Land hat laut Lemoine die höchste bekannte Übersterblichkeitsrate der Welt.
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Foto: Screenshot Center for Science in the Public Interest
Lemoine kommt in seiner Studie zu einem weiteren interessanten Befund. Die Inzidenz, also die Häufigkeit neu auftretender Fälle, sinkt häufig bereits vor den Lockdowns. Aufgrund der Verzögerungen bei den Meldungen sowie der Inkubationszeit bedeute dies, dass ein Lockdown nicht für den Rückgang der Inzidenz verantwortlich sein könne. Oder diese auch ohne Sperrung rückläufig gewesen wäre. Als Beispiel dient Frankreich, wie die untenstehende Grafik aufzeigt.
Die Übersicht zeigt die Situation während der zweiten Welle. Man kann bei der gelben Markierung sehen, dass die Steigung zum Zeitpunkt des Lockdown-Beginns anfangs November bereits aufgehört hat.
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Foto: Screenshot Center for Science in the Public Interest
Da die Inkubationszeit im Durchschnitt fast eine Woche dauert und die Menschen auch nicht unmittelbar nach dem Einsetzen von Symptomen getestet werden, ist für Lemoine klar: Der Rückgang ist keinesfalls auf den Lockdown zurückzuführen.

Das Verhalten der Menschen

Lemoine lässt auch nicht gelten, dass die Ausgangssperren (grüne und pinke Markierung) für den Rückgang verantwortlich sind. Das sei völlig unklar. Es gebe Regionen, wo die Inzidenz bereits vor dem Lockdown zu sinken begann – auch ohne Ausgangssperre. Man müsse auch berücksichtigen, wie sich die Menschen verhalten.
Es gibt auch Studien für die Schweiz, die auf diesen Punkt hinweisen – etwa eine von der ETH Zürich vom März letzten Jahres. Das Ergebnis zeigt, dass eigenverantwortliches Handeln (Abstand, Händewaschen, Kontaktminimierung) sehr effektiv ist und zu einem Rückgang der Inzidenz führt. Das exponentielle Wachstum wurde mit diesen Massnahmen bereits gestoppt. Medial unter Druck gekommen für dieses Resultat, musste die Autorin Tanja Stadler zurückkrebsen.
Lemoine, der in seiner Arbeit noch detaillierter auf viele andere Ungereimtheiten eingeht, hält mit Kritik dagegen nicht zurück. Im «Wall Street Journal» schreibt er, dass keine einzige Regierung detailliert analysiert habe, wie wirksam Lockdowns eigentlich seien. Etwas, das sonst bereits bei Entscheidungen von geringerer Bedeutung geschehe. Er sagt: «Wenn meine Argumente falsch und Lockdowns kostengünstig sind, sollte ein Regierungsdokument das nachweisen können.»
Da dies nicht der Fall sei, vermutet Lemoine: «Vielleicht wissen die Beamten, was ein solches Dokument zeigen würde.»
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