Nein-Komitee auf Hausbesuch: Viel guter Wille, aber «zu spät»

Nein-Komitee auf Hausbesuch: Viel guter Wille, aber «zu spät»

Mit «Haustürbesuchen» will das Referendumskomitee zum Covidgesetz in den letzten Tagen noch Stimmen gewinnen. Freiwillige sollen bei rund 100’000 Schweizern klingeln. Wir waren in Andelfingen bei der Tour dabei. Und ein Politprofi sagt, ob diese Aktion etwas bringt.

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von Stefan Millius am 25.11.2021, 05:00 Uhr
Illustration: Jürg Kühni
Illustration: Jürg Kühni
Nein, er wolle nicht, dass man ihn auf den Bildern erkenne, sagt Christian, und Manuela nickt. Es gehe um die Sache, nicht um Personen, so der Handwerk-Allrounder aus dem Kanton Zürich. Kein voller Name, kein erkennbares Gesicht, das sei die Bedingung, damit wir sie begleiten können auf ihrer Tour. Kein Problem für mich. Der ebenfalls anwesende Fotograf und der Kameramann einer Bildagentur finden es weniger lustig; es erschwert ihre Aufgabe. Aber auch sie fügen sich.
Es ist 17 Uhr und hat bereits eingedunkelt. Vor uns liegt ein schmuckes Einfamilienhausquartier in Andelfingen im Zürcher Weinland. Hier werden gleich Menschen nach Feierabend unerwarteten Besuch erhalten.
Im Fachjargon «Canvassing»
Christian und Manuela gehören zu einem Trupp von Freiwilligen, die das Referendumskomitee «Covidgesetz Nein» nach einer kurzen Schulung in den letzten Tagen vor der Abstimmung auf die Reise schickt. Bewaffnet sind sie mit einem Abstimmungsflyer und einem Türfallenhänger, wie man ihn aus Hotels kennt – für die Türen, die geschlossen bleiben. Eine beschriftete gelbe Leuchtweste weist die beiden aus als Nein-Vertreter.
«Canvassing» nennt es sich in der Fachsprache, wenn Aktivisten nicht einfach an einem Stand Informationsmaterial verteilen, sondern von Haus zu Haus ziehen und Überzeugungsarbeit leisten. In buchstäblich letzter Minute wollen sie so noch Nein-Stimmen generieren.
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Mark Balsiger* ist Medientrainer und Politikberater. Er kann dem «Canvassing» generell einiges abgewinnen – allerdings müssten die Voraussetzungen stimmen:
«Werbung ist flüchtig, die Flut an Werbebotschaften gross. In der Schweiz wird nebst den USA weltweit am intensivsten um Kunden und Wählerinnen geworben. Den Schweizer Parteien gelingt das offline und online mit bescheidenem Erfolg, weil sie nur sehr bescheidene Ressourcen haben. Tür-zu-Tür-Kampagnen setzen auf den Austausch mit den Menschen, sind aber zeitintensiv. In den USA arbeiten dafür zigtausende von freiwilligen Helfern mit. Sie sind so gut vorbereitet, dass sie schon vor dem Klingeln genau wissen, wen sie vor sich haben. Das bedeutet: Es wurde eine systematische und professionelle Vorarbeit geleistet.»
Die Erfahrung zeigt laut Balsiger: Für den Erfolg müsse man den Markt der Stimmberechtigten nicht nur nach soziodemografischen Merkmalen auswerten, sondern auch nach Siedlungsart. In ultralinken Zürcher Stadtkreisen 4 und 5 beisse man mit einem Anliegen aus der nationalkonservativen Ecke auf Granit.
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Wie sieht das an diesem Abend hier in Andelfingen aus? Etwas weniger strukturiert. Der Aktion liegt keine systematische Planung zugrunde. Den Ort habe man eher zufällig ausgewählt, er wohne selbst in der Gegend, so Christian. «Wir waren vorher in Ossingen, ganz in der Nähe, jetzt sind wir eben hier.» Die lokale Situation vorab abgeklärt habe man nicht, man gehe einfach von Tür zu Tür und versuche es. Bei früheren Touren habe man festgestellt, dass viele Leute bereits abgestimmt haben, «die meisten eigentlich». Zum Teil habe man sich beschimpfen lassen müssen, oft habe es aber auch gute Gespräche mit Unentschlossenen gegeben. Christian und die Studentin Manuela klingen motiviert.
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Vielleicht ist Andelfingen aber gar keine schlechte Wahl. Jedenfalls geografisch betrachtet. Mark Balsiger sagt zum «Canvassing» in der Schweiz:
«Bei uns werden Diskretion, Privatsphäre und Ruhe sehr hoch gewichtet. Ich gehe davon aus, dass im urbanen Raum einer unbekannten Person die Türe kaum noch geöffnet wird. Auf dem Land dürfte es anders sein. Aber: Wer sich schon eine Meinung gebildet hat, diese unter Umständen sogar mit Leidenschaft vertritt, reagiert zweifellos irritiert, wenn nicht gar ablehnend oder verärgert, wenn ein Unbekannter vor der Türe steht und eine konträre Meinung verkaufen will.»
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Wir kommen beim ersten Haus an. Das Journalistentrio bleibt diskret im Hintergrund. Ein Quintett vor der Haustür wäre eher abschreckend. Die Tür bleibt aber ohnehin zu, Manuela bringt den Türhänger an. Im benachbarten Zweifamilienhaus ist die Reaktion geteilt: Die erste Dame macht klar, dass sie die Meinung der Aktivisten nicht teilt, die zweite erklärt, sie habe bereits Nein gestimmt. Eine Stimme gebracht hat es nicht, aber immerhin ein aufbauendes Gefühl.
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Christian und Manuela an einer Haustür – mit einem Kameramann im Rücken. (Bild: sm)
In diesem Stil geht es weiter. Die meisten haben ihre Stimme bereits abgegeben. Christian und Manuela sind aber ohnehin nicht auf der Suche nach dem schnellen Erfolg. Sie nehmen sich für jeden einzelnen Fall viel Zeit. Eine Hausbewohnerin ist mitteilsam, obschon sie gleich zu Beginn festgehalten hat, dass sie bereits brieflich Ja zum Gesetz gesagt hat. Sie sei beruflich in der Pflege und unterstütze die Vorlage.
Diskussion trotz Ablehnung
Ginge es um Effizienz, müssten die beiden Freiwilligen nun möglichst schnell weiterziehen, denn hier gibt es für sie nichts zu holen. Aber sie diskutieren unverdrossen einige Minuten lang mit der Dame. Christian sagt danach: «Ich hatte das Gefühl, da musste einiges raus bei ihr, und wir nehmen uns diese Zeit. Mich stört eben vor allem, dass der Diskurs in der heutigen Zeit fehlt, wir wollen ihn ermöglichen.» Selbst wenn kein Erfolgserlebnis resultiert.
An der einen oder anderen Tür erscheint niemand, obschon Licht im Haus brennt. Es wirkt, als hätte das Buschtelefon im Quartier als Vorwarnsystem funktioniert. Vorbeifahrende Autolenker beargwöhnen uns misstrauisch. Nach Einbruch der Dämmerung sind Fremde hier wohl tendenziell verdächtig. Vor allem, wenn sie Kameras dabei haben.
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Kann es für den Sonntag einen Unterschied machen, wenn wirklich noch rund 100'000 Hausbesuche stattfinden? Nein, sagt Mark Balsiger:
«Die Aktion kommt viel zu spät. Die Meinungen sind seit Monaten gemacht, Unentschlossene gibt es kaum noch. Machen wir eine Milchbüechli-Rechnung: Wenn ein Viertel der anvisierten 100'000 Besuche zu einer Interaktion mit potentiellen Wählerinnen und Wählern führt, ist das ein hoher Wert. Von diesen 25'000 Leuten kippen längst nicht alle ins Nein-Lager. Es gehen auch längst nicht alle abstimmen. Dieses Beispiel deutet an, wie bescheiden die Wirkung ist. Aber die Aktivisten holen sich so Knowhow für später.»
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Mark Balsiger, Politikberater und Medientrainer. (Bild: border-crossing.ch)
Damit spricht Balsiger den Lerneffekt für die in der Schweiz noch selten angewendete Disziplin an. In einzelnen Regionen, etwa in Teilen der Zentralschweiz oder im Baselbiet, haben laut ihm solche Tür-zu-Tür-Wahlkämpfe aber durchaus Tradition:
«Zu Zeiten der Milieu-Parteien war es für deren Supporter viel einfacher, ihre eigenen Leute zu lokalisieren. Die CVPler beackerten die Dörfer der Katholiken, die SPler gingen in den Arbeiterquartieren von Tür zu Tür – man blieb also unter sich und hatte entsprechend hohe Trefferquoten. Die FDP professionalisierte das Canvassing Ende 2018/Anfang 2019: Mithilfe eines grossen Datensatzes, den eine Meinungsforschungsfirma veredelte, wussten die beteiligten Parteimitglieder, in welchen Quartieren und Strassen die Leute wohnen, die der FDP gewogen sind. Unter dem Strich war der Effort der FDP beachtlich, ebenso die Resonanz. Dass sie bei den eidgenössischen Wahlen verlor, hat andere Gründe.»
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Das erste Quartier ist nach einer knappen Stunde abgeklappert. Die Erfolgsbilanz, wenn es um Überzeugungsarbeit ging, ist mager. Aber gut möglich, dass die beschauliche Siedlung einen guten Querschnitt durch die Stimmbevölkerung gezeigt hat. Christian und Manuela fixieren das nächste Quartier und machen sich auf den Weg. Es wird ein langer Abend für sie.
*Mark Balsiger war ursprünglich Journalist, unter anderem bei SRF, bevor er 2002 die Kommunikationsagentur Border Crossing AG gründete.

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