Nein, ich will das Wetter meiner Jugend nicht zurück!

Nein, ich will das Wetter meiner Jugend nicht zurück!

Wer hat sich nicht schon mal in seine Jugend zurückgewünscht? In einen strahlenden Wonnemonat Mai zum Beispiel? Dabei vergisst man aber, wie kalt, nass und grau diese Jahreszeit hierzulande einst war. Der Frühling 2021 erinnert uns daran.

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von Gottlieb F. Höpli am 28.5.2021, 09:00 Uhr
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Nein, das Wetter meiner Jugend wünsche ich mir definitiv nicht zurück! Der Frühling war damals, in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit genau so unfreundlich, nass und kalt wie der aktuelle: Schon der April 2021 machte mit seinen Wintereinbrüchen bis in tiefe Lagen hinab keinen frühlingshaften Eindruck. Und der Mai dürfte laut den Meteorologen sogar zwei bis zweieinhalb Grad kälter ausfallen als die Norm. Ausgerechnet in einem Jahr, in dem wir pandemiebedingt gezwungen waren, unseren Kaffee auf der kalten Terrasse vor dem angenehm beheizten Restaurant zu trinken. Die Zeitung durch ein Sonnen(!)-Segel notdürftig vor dem steten Tropfen der Mutter Natur geschützt.
Es muss in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts gewesen sein, als ein grosses Zürcher Café auf die unerhörte Idee verfiel, Sitz- und Konsumationsgelegenheiten direkt am Strassenrand des Limmatquais anzubieten. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich, auch in den Zeitungsspalten von NZZ und Tages-Anzeiger: Da würden mediterrane oder Pariser Sitten und Gebräuche nachgeäfft, die in unserem Klima nichts zu suchen hätten! Zürich mache sich nur lächerlich damit. Kein vernünftiger Mensch werde sich in unserem Klima freiwillig draussen hinsetzen. Dass der Stadtrat, der beteuerte, es handle sich nur um ein Experiment, so etwas überhaupt zulasse!
Nun, es brauchte keine Pandemie, um auch hierzulande das mediterrane Sitzen und Schauen am Strassenrand populär zu machen. Und zwar nicht erst im Sommer, sondern immer früher im Jahr, bis hin zum heute fast selbstverständlichen Ganzjahresbetrieb. Hilfreich war allerdings der Anstieg der Durchschnittstemperatur um gegen zwei Grad, der sogar im schweizerischen Mittelland den Aufenthalt ohne Wintermantel und warme Socken ausserhalb des Hochsommers möglich machte. So, dass auch in St.Gallen die Wetterregel «Sächs Mönet füüre – sächs Mönet früüre» inzwischen nur noch älteren Semestern geläufig ist.
Der frostige Frühling und der kalte Mai 2021 hat auch der jüngeren Generation gezeigt, wie unfreundlich das Wetter bis vor wenigen Jahrzehnten hierzulande war. Sodass die Sehnsucht nach der Wärme und dem strahlend blauen Himmel des Südens ihre guten Gründe hatte, über Vico Torriani und die Boccalini der Tessiner Fremdenverkehrswerbung hinaus. Sogar die Fridays-for-Future-Jugend musste an ihrem ersten Protesttag erleben, dass ein Sitzstreik auf nasser, kalter Strasse deutlich weniger attraktiv ist als an einem um zwei Grad wärmeren, trockenen Frei-Tag.
Dass ich mir das nasskalte Frühlingswetter meiner Jugend nicht zurückwünsche, ist denn auch kein Statement zur Weltklimapolitik. Ich masse mir gar nicht an, sämtliche Wetter- und Klimaphänomene der Welt in politisch oder gar moralisch gute oder schlechte einzuteilen. Dafür gibt es inzwischen anscheinend ja Millionen von Experten.
Aber auch wenn es politisch nicht korrekt sein sollte: Niemand wird mich je dazu bringen, die grauen, nassen und kalten Frühlingstage von einst als strahlende Höhepunkte meiner Jugendzeit zu verklären.

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