Somms Memo

Nachfrage nach Öl auf Rekordstand. Was machen wir falsch?

image 22. August 2023 um 10:00
Ölförderung in den USA. Stürmisches Wachstum. (Bild: Keystone)
Ölförderung in den USA. Stürmisches Wachstum. (Bild: Keystone)
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Die Fakten: Die Nachfrage nach Erdöl hat 2023 einen neuen Rekord erreicht. Warum das wichtig ist: Noch nie wurde nach so viel Öl verlangt, noch nie so viel Öl verbraucht. So viel zum Thema «Energiewende». Nach einem offensichtlich kurzzeitigen Rückgang während der Corona-Zeit ist die Nachfrage nach Erdöl inzwischen wieder auf historische Höhen gestiegen:
  • Laut dem jüngsten Oil Market Report der Internationalen Energieagentur (IEA), einer unverdächtigen Organisation, dürfte die Nachfrage 2023 auf 102,2 Millionen Barrel pro Tag (Million Barrels per Day, mb/d) anwachsen
  • Für 70 Prozent der gesamten Zunahme zeichnet China verantwortlich – obschon sich dort die Wirtschaftslage in diesen Tagen deutlich verschlechtert hat

Da Saudi-Arabien im Juli seine Produktion zurückgefahren hat, kann das Angebot diese Nachfrage kaum befriedigen – zur Zeit kommen 100,9 mb/d auf den Markt. Kein Wunder steigen die Preise.
Selten hat die Ölindustrie so viel Geld verdient wie jetzt, nie arbeiteten die Raffinerien dieser Welt mit so viel Hochdruck wie in diesem August. Mit anderen Worten, wer noch vor kurzem – mit einer Mischung von Genugtuung und ideologischer Gewissheit – auf den unmittelbar bevorstehenden Tod von King Oil gewettet hat, sieht sich widerlegt. Oder um es mit Mark Twain zu sagen: «Nachrichten von meinem Ableben sind stark übertrieben».

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Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fördern wir Menschen Öl, und so gut wie jedes Jahr haben wir mehr gefördert – ob im Frieden oder im Krieg, ob zu Zeiten des Booms oder in der Depression – nur selten bildete sich die Produktion zurück, und noch jedes Mal stellte sich dies hinterher als ein vorübergehendes Phänomen heraus:
  • 1965 holten wir noch rund 32 mb/d aus dem Boden, was damals einen beispiellosen Rekord darstellte, wenn auch kein überraschender, zumal die westliche Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg unablässig gewachsenwar
  • 2019 waren es nahezu 95 mb/d, abermals sprach man von einem «Rekord», vielleicht dem letzten – meinte oder hoffte man

The Big Picture: Ist es nicht grotesk? Wenn es einen Beruf gibt, wo die angeblich besten Vertreter ständig versagen, dann ist das der Beruf des Öl-Apokalyptikers:
  • Das sind jene Leute, die seit den 1970er Jahren regelmässig Peak Oil, das Erdölfördermaximum, mithin das Ende des Erdölzeitalters, vorausgesagt haben. Seither wurden noch regelmässiger neue Felder erschlossen und neue Reserven entdeckt
  • Eine etwas weniger finster dreinblickende Gruppe unter ihnen sind jene, die davon ausgehen, dass wir immer weniger Öl brauchen werden, weil wir ja so kräftig in erneuerbare Energien investieren und alle auf E-Autos umstellen

Dazu gehören auch die Experten der IEA, wo anerkanntermassen am meisten Sachverstand vorhanden ist, was Energieprognosen anbelangt:
  • Sie haben sich oft genauso getäuscht
  • Allerdings so gut wie immer in die gleiche Richtung: Sie unterschätzten die Zunahme und überschätzten die Möglichkeiten der Menschheit, auf Öl zu verzichten

2008 zum Beispiel machte die IEA eine vorsichtige Prognose und bot dazu zwei Varianten an, man könnte sagen: eine realistische und eine optimistische (und politisch sicher erwünschte):
  • Demnach hätten wir 2023 noch rund 75 mb/d verbraucht. Das war das «realistische» Szenario
  • Das «optimistische» ging davon aus, dass die Welt zum gleichen Zeitpunkt nur noch rund 35 mb/d konsumieren würde

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Tatsächlich sind es 2023, wie gesagt, 102 mb/d. Die IEA lag um 27 mb/d daneben. Würde ein Arzt seine Patienten mit solchen Genesungsprognosen versorgen, hätte er bald keine Patienten mehr, weil sie alle gestorben sind. Vielleicht noch eine letzte, ernüchternde Nachricht:
  • Russland produziert und verkauft sein Öl, als wäre nichts geschehen
  • Zwar wird das Land, das zur Zeit seinen Nachbarn massakriert, vom Westen sanktioniert
  • Doch sind längst die Chinesen und Inder als dankbare Kunden eingesprungen. Sie nehmen inzwischen 80 Prozent aller russischen Exporte auf

Wie es weitergeht: 2004 investierte die Welt 32 Milliarden $ in erneuerbare Energien, mit dem Ziel, sich auf mittlere Sicht vom Öl und Gas zu befreien. Seither haben diese Beträge fast jedes Jahr zugenommen. 2022 waren es 495 Milliarden. Insgesamt kamen wir so seit 2004 auf:
  • 4567 Milliarden $, das ist etwa zwei Mal das BIP der USA, der grössten Volkswirtschaft der Welt (2332 Mrd. $, 2021)
  • Gleichzeitig verbrennen wir so viel Öl wie noch nie in der Geschichte der Menschheit

Irgendetwas stimmt da nicht. Oder vielleicht hat Albert Camus, der grosse französische Schriftsteller, doch recht, wenn er sagt: «Alle grossen Taten und alle grossen Gedanken beginnen mit einem lächerlichen Anfang.» Camus hat unter anderem «Der Mythos des Sisyphos» geschrieben. Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag Markus Somm Wer es genauer wissen will:
Bericht der IEA (August)

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