Mythos Chancenungleichheit. Unser Bildungssystem ist nicht diskriminierend

Mythos Chancenungleichheit. Unser Bildungssystem ist nicht diskriminierend

Christoph Schaltegger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Luzern, wehrt sich gegen den Mythos der Chancenungleichheit im Schweizer Bildungswesen. Seine Untersuchung zeigt, dass keine Diskriminierung festgestellt werden kann.

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von Sebastian Briellmann am 9.8.2021, 04:00 Uhr
Ungleichheit an den Hochschulen ? Für den Wirtschaftsprofessor Christoph Schaltegger ein Mythos, der sich hält. Foto: Uni Luzern
Ungleichheit an den Hochschulen ? Für den Wirtschaftsprofessor Christoph Schaltegger ein Mythos, der sich hält. Foto: Uni Luzern
Es ist der Leitsatz in der Bildungspolitik, ein unumkehrbares Mantra: Die Schweiz generiert mit ihrem Bildungssystem Chancenungleichheit.
Wer in einem privilegierten – oder neudeutsch: bildungsnahen – Elternhaus aufwächst, hat in der schulischen Ausbildung mehr Erfolg. Diese These wird mit dem immergleichen Vergleich unterlegt: Rund 36 Prozent aller Kinder in der Schweiz erlangen später einen Fachhochschul- oder einen Universitätsabschluss – allerdings liegt dieser Prozentsatz bei bildungsfernen Kindern bei nur 13,5 Prozent, bei bildungsnahen dagegen bei knapp 52 Prozent.
Das klingt in der Tat besorgniserregend. Und führt zu unüberhörbaren Klagen. Ob Wissenschaftsrat, ob Schweizerische Akademie für Geistes- und Sozial­wissenschaften, ob führende Soziologen: Sie alle fordern mehr Chancengleichheit. Mit mehr Förderung. Mit mehr Geld. Damit soll nicht nur die Berufsmatur gestärkt und die Maturitätsquote erhöht, sondern auch die vorschulische Betreuung intensiviert werden. (Lesen Sie hier: Problemsprache Deutsch, Teil 1 und Teil 2)

Die Macht der Bildungslobby

Christoph Schaltegger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Luzern, stört sich an der Sichtweise der «Bildungslobby», vor allem weil der Arbeitsmarkt von dieser allfälligen Diskriminierung nichts spürt. Und er ärgert sich darüber, dass die vermeintlichen Abhängigkeiten von finanziellem und Bildungserfolg nur von einer Generation auf die nächste untersucht wird. Schaltegger sagt: «Dafür braucht es Untersuchungen über einen längeren Zeitraum.» Ein einziger generationeller Übergang reiche niemals aus für eine «weitreichende wirtschaftspolitische Schlussfolgerung».
Also alles nur ein Mythos? Schaltegger findet: ja. «Im Bildungssektor heisst es immer: Nur mit dem Staat gibt es mehr Chancengerechtigkeit. Weil sonst schaffen es nur die Reichen an die Universitäten. Begründet wird dies zum Beispiel mit dem amerikanischen Bildungssystem. Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, dass dieses mit dem schweizerischen vergleichbar ist.»
Schaltegger spricht hier nicht einfach aus einer Laune heraus; zusammen mit Melanie Häner hat er in einer Studie nachgewiesen, dass die Abhängigkeit vom Elternhaus bereits nach vier Generationen vollständig verwässert ist. Untersucht wurde die sogenannte soziale Mobilität – also wie stark der Status der Kinder durch jenen ihrer Eltern, Grosseltern und Ur-Grosseltern beeinflusst wird. Aufstieg und Niedergang. Für ihr Papier hat das Duo – in Erinnerung an Thomas Manns «Buddenbrooks» – mithilfe eines kreativen Nachnamensansatzes die langfristige soziale Mobilität über 15 Generationen von bekannten Basler Familien untersucht.
Und siehe da: Auch über diesen langen Zeitraum lassen sich bei der Bildungsmobilität keine dynastischen Vorteile erkennen. Die Studienautoren haben dazu die folgenden Parameter genommen: Seit 1550 waren an der Universität Basel 142’792 Studenten eingeschrieben, davon 31’275 Basler. Bei zusätzlich mehr als 500’000 Geburten. Mit diesen Werten lassen sich die einzelnen Familien über Generationen verfolgen. Ihr Aufstieg. Ihr Niedergang.

«Es zeigt sich: Ein akademischer Hintergrund war und ist nicht Garant für erfolgreiches Leben.»

Christoph Schaltegger

Schaltegger und Häner können zeigen, dass keine dynastischen Effekte bestehen: Bei der ersten Generation liegt die Mobilität bei 60 Prozent, bei den Grosseltern steigt sie bereits auf 80 – was nichts anderes bedeutet, als dass weniger als 20 Prozent des Bildungserfolgs auf die Bande mit den Grosseltern zurückgeführt werden können. Schaltegger sagt: «Es zeigt sich: Ein akademischer Hintergrund war und ist nicht Garant für erfolgreiches Leben. Das zeigt unsere Erkenntnis: Die Mobilität ist viel durchlässiger als man ursprünglich gedacht hat.»
Es ist ein wichtiger Befund, den Schaltegger und Häner herausgearbeitet haben. Zwei zusätzliche Aspekte dürfen in dieser Debatte nicht vergessen werden: Zum einen ist in der Schweiz dank dem dualen Bildungssystem die Einkommensmobilität deutlich höher als die akademische Bildungsmobilität. Zum anderen ist es für Schaltegger auch fraglich, ob es erstrebenswert ist, dass kein Zusammenhang zwischen dem elterlichen und kindlichen Status besteht.
Erstens sei elterliche Fürsorge für die eigenen Kinder ein tief verwurzeltes Bedürfnis mit weitreichenden positiven Wirkungen auf die Gesellschaft. Zweitens seien beispielsweise auch ererbte Fähigkeiten massgeblich für Erfolg. Auch diese führten zu einem messbare Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern. Dem meritokratischen Prinzip widersprächen diese allerdings nicht.

Die falschen Anreize

Umso wichtiger ist es gemäss Schaltegger deshalb, Mehrgenerationenbetrachtungen zu machen, bevor voreilige wirtschaftspolitische Schlüsse gezogen würden. Schaltegger ist somit kein Anhänger der geplanten bildungspolitischen Massnahmen: «Ich halte es zum Beispiel für einen Kurzschluss, wenn nun höhere Maturitätsquoten gefordert werden.
Das stellt automatisch die Frage nach der Effizienz des Mitteleinsatzes. Denn klar ist: Mehr Studenten kosten mehr Geld. Und die Hochschulen bekommen mehr davon. Schaltegger sagt: «Es stimmt schon, die Anreize zur Mengenausweitung in unserem System sind gross.» Dass die Effizienzfrage nie gestellt wird, ist auch für ihn überraschend. Schaltegger empfiehlt deshalb, auch in Zukunft auf das Erfolgsmodell des dualen Bildungssystems zu bauen und weiterhin zu vermeiden, dass dynastische Effekte entstehen.

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