Somms Memo

Musk und Twitter. Hochzeit in der Hölle? Vom Sanieren einer Firma

image 23. November 2022, 11:00
Elon Musk hat Twitter für 44 Milliarden Dollar erworben. Jeder einzelne Dollar wird ihm jetzt vorgehalten.
Elon Musk hat Twitter für 44 Milliarden Dollar erworben. Jeder einzelne Dollar wird ihm jetzt vorgehalten.
Die Fakten: Elon Musk hat Twitter gekauft, die Hälfte der Belegschaft entlassen, die andere richtet sich darauf ein. Wer nicht «hardcore» dabei sei, könne gehen, sagt Musk. Warum das wichtig ist: Führungsstil 2.0 ist Führungsstil Dschingis Khan. Beweist Musk, dass die alten Regeln der Dominanz immer noch gelten?
Sollte Twitter für Elon Musk je ein Erfolg werden – so wie Tesla (Autos) oder SpaceX (Raumfahrt) – dürften die Fallstudien, die dann an der Harvard Business School geschrieben werden, ein paar modische Erscheinungen unserer Zeit in Frage stellen:
  • Was heisst Leadership heute? Dass die Angestellten am Morgen ins Büro kommen, wo ihnen der Chef die Füsse wäscht, den Rücken massiert und sich danach erkundigt, wie es den Kindern in der Kinderkrippe geht? Sicher hat Luna wieder den Schnupfen und Noah seine Puppe zu einer Pistole umfunktioniert.
  • Kann in der Geschäftswelt nur reüssieren, wer sich dem Diktat von 25-jährigen Woke-Volontären bei der New York Times (oder beim Tages-Anzeiger) beugt, die meinen, eine Firma müsse alles machen ausser Geld verdienen?
  • Unsere Geschäftsziele sind (bitte ankreuzen): Sklaverei im 18. Jahrhundert abschaffen, das Klima retten, die Frauen retten, den Kapitalismus überwinden?

Kaum bei Twitter gelandet, hat sich Musk wie ein Klingone benommen, ein Ausserirdischer, der die Menschen das Fürchten lehrt
  • Als erstes erhielten die 7500 Angestellten am Donnerstag eine E-Mail, worin Musk sie aufforderte, sich nun «hardcore» dem Unternehmen zu verschreiben, will heissen: mit Haut und Haaren, Überstunden gibt es nicht mehr, Widerspruch erwünscht, solange er sich mit Musks Ansichten deckt, Home-Office abgeschafft. Im Übrigen sind die Büros bis Montag geschlossen
  • Wenn jemand nicht «yes» anklickte, dann betrachtete Musk das als Kündigung. E-Mail-Konten und andere Firmenzugänge wurden im Lauf des Freitagmorgens gesperrt. Innert 24 Stunden (so wird geschätzt, Twitter liess es unkommentiert) verliess rund die Hälfte der Leute die Firma
  • Dann verschickte Musk am Freitagmorgen wieder ein Mail. Alle, sofern noch vorhanden, sollten sich bis am Mittag um 2 Uhr ins Hauptquartier in Downtown San Francisco zurückmelden. Obligatorisch. Physisch. Keine Ausnahmen, es sei denn, man wäre krank (Arztzeugnis) oder es bestehe ein Notfall in der Familie

Was jetzt? Sind die Büros bis Montag zu oder wieder offen? So viele Fragen. Krise in San Francisco. Eine der woke’sten, also linksten und blasiertesten Belegschaften Amerikas, wenn nicht der Welt, am Tage 1 der neuen Herrschaft unter Elon Musk.
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In der Hölle mit Elon Musk.
Wenn man Menschen der Gegenwart ein Erlebnis bescheren will, das diese so schlimm finden wie unsere Vorfahren einen Kriegsausbruch oder die Pest, dann muss man sie zu Twitter schicken – und dann schauen, wie die Medien darüber berichten
  • Es sind Reportagen aus der Hölle
  • Aufenthaltsberichte aus der zentralasiatischen Despotie

Gewiss, Musk muss scheitern. Er hat seine Strafe verdient. Denn Musk hat eine Sünde begangen. Er hat Twitter, einen Tempel des linken Zeitgeistes nicht entweiht, sondern viel schlimmer: einfach gekauft. Kapitalismus, wir hassen Dich. Zweitens will Musk Twitter zu einem normalen, nämlich ausgewogenen sozialen Medium machen, wo alle, die sich mitteilen möchten, das auch tun dürfen, sofern sie nicht beleidigen und verleumden.
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Musk redet von Meinungsfreiheit – und meint Meinungsfreiheit, was in unserer Epoche nicht mehr selbstverständlich ist.
  • Schon letzte Woche hat er zum Beispiel The Babylon Bee wieder auf Twitter zugelassen, ein konservatives Satire-Magazin, das ab und zu auch Witze über die Linke machte (nicht so viele)
  • Dann kehrte Jordan Peterson, der kanadische Psychologe, zurück. Ein Konservativer. Ein Hassprediger, weil er linken Hass kritisierte
  • Schliesslich wurde dem Teufel die Rückkehr auf die Erde erlaubt. Donald Trump. Der ehemalige Präsident war von Twitter nach dem Sturm auf den Kongress am 6. Januar 2020 suspendiert worden. Er besitzt 88,7 Millionen Follower auf Twitter. Noch überlegt sich der Teufel, ob er Twitter wieder mit seiner Anwesenheit beehren will

Wer auf Twitter geht und Trump sucht, findet einen letzten Tweet vom 8. Januar 2020. Er wohne nicht der Amtseinführung von Joe Biden bei, teilte er uns damals mit. Musk hat viel zu viel für Twitter bezahlt, 44 Milliarden Dollar für eine WoZ im Internet. Ob er dieses Geld je wieder einspielen kann, steht in den Sternen. Was aber beeindruckt, ist die Tatsache, wie ein Unternehmer, der bewiesen hat, dass er ein guter Unternehmer ist, eine Firma übernimmt und erneuert – und sich dabei um all das modische Geschwätz nicht kümmert, das uns weismachen will, man könne führen und sanieren, ohne dass jemand entlassen oder sonst wie in seinem gesegneten Tagesablauf behelligt wird.
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Twitter hat in den vergangenen zehn Geschäftsjahren acht Mal einen Verlust geschrieben, bloss zwei Mal einen Gewinn. Das Unternehmen verliert jeden Tag 4 Millionen Dollar. Wenn Musk hier nicht eingreift und zwar entschlossen und kaltblütig, dann gibt es Twitter bald nicht mehr. Ob woke oder nicht, dann wacht niemand mehr auf. Als er Tesla zum Aufstieg führte, trieb Musk seine Leute immer an, indem er sie zuerst in die Hölle warf, dann in den Himmel hob:
  • Man stehe vor dem Bankrott, teilt er gerne mit
  • Unser Auftrag, sagte Musk: «Wir retten die Welt». Bist Du dagegen? Wer macht mit?

Wer möchte da nicht dabei sein? Oder wie Elon Musk es selbst ausgedrückt hat: «Ich bin lieber optimistisch und liege falsch, als dass ich recht habe und pessimistisch bin.» Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag Markus Somm

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