München hat ein Problem mit einer Legende

München hat ein Problem mit einer Legende

Über mehrere Jahrzehnte hat sich der bayerische Volksautor Ludwig Thoma in die Seele seiner Heimat geschrieben. In seinen letzten Lebensmonaten hat er sich Aussetzer erlaubt. 100 Jahre nach seinem Tod wird ihm deshalb der Kampf angesagt. Mit Cancel Culture im öffentlichen Raum.

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von Stefan Millius am 30.6.2021, 16:46 Uhr
Ludwig Thoma.
Ludwig Thoma.
Keiner konnte die kleinen Unzulänglichkeiten, die Absurditäten des Alltags der Gesellschaft in Bayern so punktgenau und zugleich humoristisch beschreiben wie Ludwig Thoma. 1867 in Oberammergau geboren, mauserte sich der Jurist schnell zum Volksbeobachter Nummer 1, der Heerscharen von Schriftstellern, Dramatikern und Kabarettisten nach ihm inspirierte.
Als Autor von unzähligen schmissigen und zugleich politisch messerscharfen Einaktern, aber auch als Redaktionsleiter der Satirezeitschrift «Simplicissimus» war er eine Stimme, um die man nicht herumkam, wenn man sich für lokale und regionale Politik interessierte. Und diesen Status hat er bis heute,

Antisemitische Aussetzer

Ludwig Thoma hatte aber auch eine andere Seite. Im Zug des ersten Weltkriegs entwickelte er eine bedingungslose Vaterlandsliebe, die nach der bitteren Niederlage in den letzten rund 14 Monaten seines Lebens in einen obskuren Antisemitismus mündete. Dem liess er freien Lauf in einer Reihe von Texten, zum grössten Teil unter einem Pseudonym, das später aufflog. Sie erschienen in einem kleinen Blatt namens «Miesbacher Anzeiger».
Am 26. August 1921 starb Thoma, und zunächst blieb er, was er für den grössten Teil seiner 54 Lebensjahre gewesen war: Ein überaus produktiver Volksautor, beliebt und legendär, ein bayerisches Urgestein. Doch rechtzeitig zum 100. Todestag ist in München eine Debatte darüber entbrannt, ob man ihm noch huldigen darf. Derzeit prüft ein Gremium, ob die nach ihm benannte Strasse in München-Pasing einen neuen Namen erhalten soll.

Schon 1990 «bereinigt»

Dabei sind seine unschönen Ausreisser im Herbst seines Lebens nicht erst jetzt aktenkundig geworden. Schon 1990 wurde die jährliche Verleihung der Ludwig-Thoma-Medaille eingestellt, welche die Stadt München seit 1967 besonders verdienten Bürgern überreicht hatte. Interessant dabei: Anlass war nicht nur der Antisemitismus seiner letzten Lebensphase, sondern auch seine «nationalkonservative Haltung» sowie seine «antisozialistische Polemik». Dass die bayerische Hauptstadt auch Probleme mit Nationalkonservatismus und Antisozialismus hat, war doch eher neu.
Noch ist unklar, ob Ludwig Thoma vom bewussten Strassenbild verschwindet. Allerdings müsste das konsequenterweise nur der Auftakt sein. Denn Thomas Name prangt nicht nur in München-Pasing, er ist regelrecht omnipräsent. Zum einen ist er der Namensgeber eines halben Dutzend weiterer Strassen in Oberbayern. Dazu kommt eine Reihe von Schulen. Auch eine Wiese, auf der jedes Jahr ein Volksfest stattfindet, ist ihm gewidmet. Selbst ein Ludwig-Thoma-Bier gibt es. Und schliesslich nennt der Volksmund eine Bahnstrecke zwischen Dachau und Altmünster «Ludwig-Thoma-Bahn». Thoma ist überall.

Die Tilgung wäre eine grosse Aktion

Man müsste also, wenn man einen der meistgelesenen und meistgespielten Autoren und Dramatiker des Freistaats von der Karte tilgen wollte, mit einem grossen Besen kehren. Ganz zu schweigen davon, dass man jede nach einer anderen Person benannte Schule oder Strasse unter die Lupe nehmen müsste, weil kaum jemand ein Leben lang nur das getan hat, was 2021 als opportun gilt. Jeder hat seine dunkle Seite.
In der Debatte um Ludwig Thoma kommt es auch zu heftigen Übertreibungen. Aus einem von einer Kriegsniederlage frustrierten Schreiber, der wenige Monate vor seinem Tod über die Stränge schlug, wird nun in Wortmeldungen in den sozialen Medien ein «Wegbereiter des Faschismus». Man dichtet Thoma sogar an, Einflüsterer von Hitler gewesen zu sein, als hätte der die Inspiration eines Volksschriftstellers nötig gehabt. Dokumentiert ist es nicht, dass sich die beiden näher gekannt haben, aber manchmal reicht auch ein hübsches Gerücht, um jemanden ins Abseits zu stellen.

Selbst die SPD will nicht

Die CSU in Bayern wehrt sich gegen den Kahlschlag. Denn wer an Ludwig Thoma denke, dem fallen zunächst seine legendären «Lausbubengeschichten» ein, argumentiert man dort – und kaum krude antisemitische Anwürfe in einem Lokalblatt. Sogar aus der SPD kommt Widerstand. Man solle «die Schattenseiten klar benennen», sagt einer ihrer Vertreter im Landtag, aber die antisemitische Seite von Thoma müsse man «als Teil einer Gesamtgeschichte» aushalten.
Und eben: Wo weitermachen, wenn man mal anfängt? Und wie benennt man Strassen und Schulen dann garantiert skandalfrei für alle Ewigkeit? Auf Twitter liefern einige ironisch gemeinte Vorschläge wie «Regenbogengasse» oder «George-Floyd-Strasse».
Vermutlich endet die Diskussion früher oder später dort, wo es richtig weh tun würde. Denn wer Ludwig Thoma aus der Welt schaffen will, müsste sich früher oder später auch um Richard Wagner kümmern, einen dezidierten Antisemiten. Was aber heissen würde, dass die Bayreuther Festspiele beerdigt werden müssten. Die aber sind ein sicherer Wert im Veranstaltungskalender und spülen Geld in die Kasse. Und damit sind sie ausser Gefahr.
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