Moderne Flagellanten

Moderne Flagellanten

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von Claudia Wirz am 22.3.2021, 14:23 Uhr
Diversity und Inklusion pressen die Menschen in Schubladen und ignorieren das Individuelle.
Diversity und Inklusion pressen die Menschen in Schubladen und ignorieren das Individuelle.
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Offener Brief an Silke Münster, Chief Diversity Officer von Philip Morris International

Liebe Frau Münster,
vor etwa 750 Jahren kam in Perugia, Italien, eine spirituelle Massenbewegung auf, die sich alsbald in der abendländischen Welt ausbreiten sollte. Man nannte sie Flagellanten. In blutigen Umzügen stellten diese religiösen Eiferer ihre Bussfertigkeit zur Schau und hofften, das schmerzhafte Spektakel der Selbstgeisselung möge sie von allen begangenen Sünden reinigen. Es war angeblich die Stimme eines Engels, die den Schöpfer dieser Bewegung, einen Mann namens Raniero Fasani, dazu anwies, seine Bussübungen öffentlich zu inszenieren, auf dass die Welt vor dem Zorn Gottes gerettet werde.
An dieses mittelalterliche Schauspiel musste ich unweigerlich denken, als ich vor einigen Tagen ihr ganzseitiges Inserat in einer renommierten Tageszeitung gelesen habe. In diesem textlastigen Inserat stellen Sie sich der breiten Öffentlichkeit als Chief Diversity Officer von Philip Morris International vor und führen, wenn ich das richtig gesehen habe, ein Interview mit sich selber, wobei Sie sich siezen. Allein diese Übungsanlage ist bemerkenswert. Wie ungleich viel demutsvoller aber ist der Inhalt Ihrer Ausführungen! Fast könnte man meinen, der Engel des Raniero Fasani habe auch zu Ihnen gesprochen.
Natürlich, eine echte Peitsche nehmen Sie nicht zur Hand. Das wäre nun wirklich etwas aus der Zeit gefallen. Aber Sie offenbaren eine rechtschaffene geistige Selbstgeisselung. Denn Sie bekennen sich im Namen Ihrer Arbeitgeberin öffentlich zu deren Sünden und zeigen sich reumütig. Sie bekennen, dass Tabak böse und schädlich ist, zumindest in seiner herkömmlichen Darbietungsform als rauchende Zigarette. Und ja, Sie bekennen sich zur Schuldigkeit, eine gesündere Alternative zum Rauch zu erfinden, auf dass der Bannstrahl der öffentlichen Meinung oder gar des staatlichen Regulators nicht auf Sie falle. Sobald wie möglich, sagen Sie, sollen Zigaretten durch rauchfreie Produkte ersetzt werden. Ein Schelm, der denkt, es gehe hier weniger um noble Gesinnung und das hohe Gut der öffentlichen Gesundheit als um so etwas Profanes wie Produktepromotion.
Um möglichst rasch zu dieser Innovation zu gelangen, setzen Sie auf Diversität und Inklusion in ihrer Belegschaft. Ihre Beschäftigten, sagen Sie, sollen so divers und inkludiert sein, wie Ihre Kundschaft. Sie sagen, Diversity und Inklusion seien ein Grundbedürfnis. Nun frage ich mich, woher Sie das wissen, zumal unscharf bleibt, was Sie damit überhaupt meinen. Und wie inkludieren Sie eigentlich all diejenigen, die mit diesem Glaubensbekenntnis nichts anfangen können?
Ich zum Beispiel habe weder mit Diversity noch mit Inklusion etwas am Hut. Denn ich verstehe mich als Individuum, während Diversity und Inklusion immer vom Kollektiv ausgehen. Da werden Menschen in Abteile einsortiert wie Löffel, Messer oder Gabeln in den Fächern der Besteckschublade – als Frauen, als Männer, als Nicht-Binäre, als Junge, als Alte und so weiter. Menschen werden anhand von Standards und Gruppenzugehörigkeiten beurteilt, nicht anhand ihrer individuellen oder gar eigenständigen Persönlichkeit und sind dadurch auch beliebig ersetzbar.
Die Illustration zu ihrem Selbstinterview nimmt diese Weltsicht trefflich auf. Hinter einer grossen strahlenden Person – ich nehme an, das sind Sie – verteilen sich ebenso strahlende, aber kleinere Statistinnen und Statisten verschiedener kultureller Herkunft. Die meisten sind jung und gutaussehend, wie Models eben – auch sie sind beliebig austauschbar. Und ein pikantes Detail sei hier ganz besonders erwähnt: Ein Raucher ist bei aller Diversität und Inklusion nicht dabei. Fast könnte man meinen, Sie würden sich für Ihr Produkt und Ihre eigenen Kunden schämen.
Dafür zeigen Sie sich umso frauenfreundlicher. Bis 2022 wollen Sie 40 Prozent aller Managementpositionen mit Frauen besetzen. Nun ist aber das Frausein an sich weder ein Verdienst noch ein Qualitätsmerkmal und ich frage mich, ob bei Ihnen Äusserlichkeiten grundsätzlich mehr zählen als Inhalte. Die Gewerkschaft Travail-Suisse ist jedenfalls recht zufrieden mit Ihnen und hat sie auf eine «Weisse Liste» der Gender-Musterschülerinnen gesetzt. Allerdings könnten Sie sich dort noch etwas steigern. Sie haben erst eine von drei möglichen Medaillen.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch; ich bewundere innovative Unternehmen. Wenn der Markt nach einer besseren Zigarette verlangt, müssen Sie handeln – und selbstverständlich auch für Ihre neuen Produkte werben. Aber warum dieser ganze abgeschmackte Diversity-Kitsch und diese moralinsauren Erbauungssprüche? Tabak ist Tabak, stehen Sie doch dazu! Jeder kann selber entscheiden, ob und wie er sich darauf einlassen will. Man sagt, unter den Rauchern gebe es viele lustige und geistreiche Leute. Lassen Sie sie doch auch weiterhin lustig und geistreich bleiben.
Mit freundlichen Grüssen,
Claudia Wirz (Nichtraucherin)
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