Mit Knoblauch zu mehr Substanz

Mit Knoblauch zu mehr Substanz

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von Konrad Hummler am 18.3.2021, 09:29 Uhr
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Woher kommt Rettung in dieser elenden Coronakrise? Von der öffentlichen Hand, die uns Bürger mit Verboten und Massnahmen bis in den Mikrobereich des Familienlebens in Schach hält?

Die mangelnde Vorsorge mit absurden Aussagen zu Hygienemasken vertuschte, die Schulen offenhielt, Schulen schloss, Schulen öffnete, die ein ganzes Jahr lang vom Testen sprach, ohne zum Testen überzugehen, die den Beginn der Impfkampagne verpeilte, die wirksame Grenzkontrollen bis heute versäumt hat, die ganze Wirtschaftszweige wie Kultur und Gastronomie ohne epidemiologische Evidenz in Lockdown-Starre verharren lässt? Machen wir uns nichts vor: Corona ist gleichbedeutend mit Staatsversagen, das verheerender nicht ausfallen könnte. Derweil die Exponenten und deren wenig konsistenten Aktivitäten von den mehrheitlich unkritischen Medien schöngeredet werden. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Hauptlast in der Krise trägt der Bürger.
Aber retten kann er sich gegen das bösartige Virus eben doch auch nicht selber. Bis im Sommer 2020 sah es recht ungünstig aus für das künftige Zusammenleben der Menschen auf diesem Planeten. Wann würden medizinische Präventions- oder Behandlungsmethoden bereit sein? Man sprach von mehreren Jahren, die möglicherweise dafür benötigt würden. Aber auf einmal ging es rasch. Die weltweit gut funktionierende Zusammenarbeit unter den Forschern begann zügig Früchte zu tragen. Konzepte von Firmen wie Curevac oder BioNTech fanden ihren Multiplikator in mächtigen Pharmakonzernen. Neue, auch bewährte Technologie wurde innert kürzester Frist zur Produktionsreife gebracht. Nicht für ein paar hunderttausend Dosen, sondern für Millionen und Abermillionen. Vom Schweizer Pharmakonzern Roche hören wir, dass bis Ende Jahr ein Therapeutikum für Covid-19 bereit sein könnte und dass es einfach, sprich ebenfalls millionenfach, hergestellt werden könnte. Diese unglaublichen Leistungen stellen alles, was Regierungen weltweit verordnet, verpasst und verhudelt haben, bei weitem in den Schatten. Die wirklich grosse Erfolgsgeschichte der Pandemie ist eine hauptsächlich privatwirtschaftliche.
Lehren daraus? Ja, durchaus. Die nächste Krise ist ja schon da, und wir werden nicht darum herumkommen, auch sie zu bewältigen. Es ist die Klimakatastrophe. Wer das Problem leugnet, betreibt dreiste Polemik. Besser würde er mit seinen Kindern einmal von Morteratsch zum Gletscherende hinaufwandern und zu extrapolieren versuchen, wo es sein wird, wenn die Kinder einmal fünfzig Jahre alt sind. Am Fusse des Biancograts oben vielleicht... Gerade weil das Problem nicht geleugnet werden kann und weil es auch dringlicher ist, als viele immer noch meinen, muss in erster Linie Wirksamkeit von Gegenmassnahmen gefordert werden. Das heisst, dass jeder Franken, der zum Klimaschutz eingesetzt werden soll, so viel Wirkung als irgendwie möglich erzielen soll. Was untaugliche oder nur halbwegs wirksame Massnahmen bringen, wissen wir von den Coronaerfahrungen her nun leider bestens. Mit Verboten und Einschränkungen ist meistens nicht viel mehr gewonnen als das beruhigende Gefühl, etwas getan zu haben.
Die Gefahr ist gross, dass wir beim Versuch, die Klimakatastrophe zu bewältigen, nun in den gehabten Modus der strategielosen Aneinanderreihung von Adhoc-Massnahmen verfallen, und so, wie vor kurzem die Wahlresultate im nördlichen Nachbarland ausgefallen sind, dürfte dieser Modus sogar zur kontinentaleuropäischen Usanz werden. Grün-linke Klimapolitik läuft im Wesentlichen auf die Kujonierung des Bürgers hinaus: verbieten, einschränken, besteuern, gezielt subventionieren und begünstigen, sogenannte Härtefälle abfedern. Alles effekthaschend, aber was mit den Kosten, der Effizienz? Das Regieren per Dekret war in der Coronakrise viel zu kommod, als dass man es nun zur angeblichen Bewältigung der Klimakrise aufgeben möchte. Wir drohen auf der «Road to Serfdom» (F. A. von Hayek) ein gutes Stück weiter hinunterzurutschen, ohne dass am Ende dem Klima wirklich geholfen worden wäre.
Was es dringend braucht, wenn sich nun allmählich der Corona-Nebel spaltet, ist eine echte Alternative zur grünen, linken Umweltpolitik. Am wenigsten brauchbar dazu ist das Positionspapier der FDP Schweiz, wie es kurz vor den letzten Nationalratswahlen im Jahr 2019 verabschiedet worden war. Weshalb? Weil darin keine liberale Alternative zu Grün-Links statuiert wurde, sondern bestenfalls ein wortreiches Variäntchen unter Einschluss von einigen liberal klingenden Begriffen wie Eigenverantwortung und Innovationskraft. Das Hauptproblem: Genau die Frage nach der Wirksamkeit des eingesetzten Frankens wird nicht gestellt. Zu viel ist von Lenkung die Rede, zu viel von Grenz- und Zielwerten, die erreicht werden sollen, zu viel von allen möglichen Förderungen da und dort. Um eine der wirksamsten Klimamassnahmen, die Wiederbesinnung auf die Atomenergie, deren Nutzung heute technisch viel unbedenklicher wäre, macht man insofern einen riesen Bogen, als man sie gar nicht mehr erwähnt. Das Papier ist zudem völlig binnenorientiert – als würde die Schweiz ihren ökologischen Fussabdruck nicht längstens und in zunehmendem Masse über Importe im Ausland hinterlassen. Nur scheinbar liberal ist auch die Forderung nach Rückerteilung von Geldern aus Lenkungsmassnahmen. Denn entweder tun solche Abgaben wirklich weh, sodass man auf den Flug nach Mallorca zum Halligalli verzichtet, oder sie nützen einfach nichts, weil das Geld über Verbilligung der Krankenkassenprämien wieder reinkommt. Netto würde zählen, nicht brutto, wenn schon.
Dabei hätten es grad die Liberalen so einfach, wenn sie wirklich liberal wären. CO2, als Beschleuniger des Klimaproblems nunmehr ziemlich unbestritten, ist eine Externalität aus dem überaus raschen Verbrauch von während Jahrmillionen aufgebautem Kohlenstoff in der Erdkruste. CO2 braucht einen deutlich positiven Preis, mit dem die externen Kosten dieser Verbrauchs- bzw. Verbrennungstätigkeit bezahlt werden müssen. Ist der Preis genügend hoch, dann ergibt sich der Rest; die Wirtschaftssubjekte passen sich entsprechend an. Man benötigt deutlich weniger Lenkungsvorschriften, Grenzwerte und Verbote. Im Grossen und Ganzen wird nur noch CO2 produziert werden, wo es sich als Nebeneffekt rechtfertigt. Dazu könnte Halligalli auf Mallorca nicht mehr gehören. Den – um die externen Effekte korrigierten – Markt spielen lassen, anstatt über Rationierungen, Kontingentierungen und Subventionierungen nachzudenken: Das wäre die liberale Position.
Klar, deren Umsetzung hätte es auch in sich. Denn ein schweizerischer Alleingang macht in dieser globalen Angelegenheit nun wirklich keinen Sinn. Es gibt aber wie überall «zweitbeste Lösungen», die allemal noch besser sind als grün-linke Dekretspolitik. Das Kyoto-Protokoll weist durchaus in die richtige Richtung, vor allem dann, wenn CO2-Zertifikate international handelbar sind und ihr Bestand investitionsfähig ist. Es würde für die Schweiz zum Beispiel sehr viel Sinn machen, in namhafte Aufforstungsprojekte in der Welt zu investieren. Bäume, Wälder, sind in der Lage, CO2 aus der Atmosphäre zurückzugewinnen. Nach einer Studie des Crowther Lab könnte man mit zusätzlichem Wald zwei Drittel des vom Menschen verursachten Kohlenstoffs binden. Ein in zusätzlichen Wald investierter Franken brächte mehr als jede noch so gut gemeinte Investition in Schweizer Cleantech.
Es könnte auch liberal zu und hergehen bezüglich der aus der Externalitätenberappung anfallenden Millionen und Milliarden. Klimaschutz ist bekanntlich ein intertemporales Anliegen. Es geht nicht nur um die heutige, sondern es geht um künftige Generationen. Und um das (Über-)Leben von bald einmal zehn Milliarden Menschen auf diesem Globus. Was jetzt zur Kompensation der Übernutzung des in der Erdkruste angereicherten Kohlenstoffs finanziell anfällt, sollte eigentlich für künftige Generationen angespart werden. Die einfachste Lösung bestände darin, damit die Schulden abzuzahlen, die in massloser Übernutzung des Finanzsystems unsere heutige (Politiker-)Generation hat anfallen lassen und die dereinst schwer auf unseren Nachkommen lasten werden.
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Quelle: Global Carbon Project und Statistisches Bundesamt Legende: Für die Staatsverschuldung wurde aus Gründen der Datenverfügbarkeit stellvertretend jene von Deutschland gewählt. Der weltweite CO2-Ausstoss beruht auf einer Schätzung. Darstellung: M1AG
Es gibt seltsame Koinzidenzen. Rein aus Gwunder bildeten wir kürzlich den weltweiten CO2-Ausstoss und die Zunahme der Staatsverschuldung zusammen in einer Grafik ab. Fazit: hohe Korrelation. Ich weiss, daraus darf keine Kausalität abgeleitet werden, etwa im Sinne von «mehr Staat – mehr Immissionen». Dennoch gibt das Bild zu denken. Denn in beiden Fällen geht es um unbewältigte, sich aufstauende Probleme. Weshalb nicht beide zusammen anpacken? Weshalb nicht daraus eine Parteipolitik machen, die griffig wäre? Die der Bürger verstehen könnte und die als echte Alternative zu Grün-Links wahrnehmbar wäre? Mit dem Wahlzettel im Jahr 2023?
Zum Schluss noch etwas Satire, 20 Prozent, wie vom Chefredaktor verordnet. Methangas ist etwa 25 Mal schädlicher als CO2. Davon stammt sehr viel Methangas von Rindern. Ein Rind stösst davon täglich etwa 150 bis 250 Liter aus. In der Schweiz gibt es etwa 1.5 Millionen Rinder. Das Jahresäquivalent für die Kuhfürze eines einzelnen Tiers entspricht etwa einem Mittelklassewagen, der rund 18'000 km fährt.
Dem Vernehmen nach kann der Methanausstoss erheblich gesenkt werden, wenn man den Rindern Knoblauch verfüttert. Das wäre gegebenenfalls als vorläufiger Quick-Win anstelle forcierter Elektrifizierung des Motorfahrzeugverkehrs (und dem notwendigen Import von CO2-Strom aus Deutschland) durchaus überlegenswert.
Ebenfalls zu bedenken wäre das Verfüttern von Knoblauch an Parteiversammlungen, bevor Delegierte vorschnell ein bedeutungsarmes Positionspapier verabschieden. Mehr als heisse Luft war jenes der FDP Schweiz kurzfristig vor dem letzten Wahltermin beim besten Willen nicht. Die Partei braucht mehr. Substanz nämlich.