Mike Müller – Provokateur aus Überzeugung

Mike Müller – Provokateur aus Überzeugung

Müller sagt, was er denkt. Das kommt nicht überall gleich gut an. Bekannt ist er für sein schauspielerisches Talent, seine Comedy-Auftritte und für seine Provokationen auf Twitter. Doch wer ist dieser Mann und warum scheint er so verärgert zu sein?

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von Maria-Rahel Cano am 1.1.2022, 16:00 Uhr
Mike Müller bei seiner Aufführung «Heute Gemeindeversammlung» (Bild: zvg).
Mike Müller bei seiner Aufführung «Heute Gemeindeversammlung» (Bild: zvg).
«Zuverlässig, übergewichtig und grosszügig.» Mit diesen drei Adjektiven beschreibt sich Müller selbst. Doch der Schauspieler ist definitiv mehr als das. Manche lernten ihn bereits von der Serie «Der Bestatter» oder der ehemaligen Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» kennen. Für mediale Furore sorgte der Schauspieler in letzter Zeit aber primär durch seine scharfzüngigen Tweets.
Studiert hat Müller nicht etwa Schauspielerei, sondern Philosophie. Doch wie viele Geisteswissenschaftler musste auch er sich für seine Studienwahl rechtfertigen: «Was macht man dann mit Philosophie?» Seine Lieblingsantwort darauf: «Ich werde danach im Bundesamt für Philosophie arbeiten, Lohnklasse 21, inklusive Dienstwagen.» Diese Schlagfertigkeit ist ihm bis heute geblieben.

Beginn seiner Karriere

Seine Leidenschaft für die Schauspielerei entdeckte Müller bereits im Gymnasium. Zusammen mit Freunden hat er 1984 die «Jugendtheatergruppe Olten» gegründet. Was als Hobby angefangen hat, wurde später, aufgrund des Erfolgs, halb professionell weitergeführt. Als «Theatergruppe Olten» entstanden zahlreiche Produktionen, was dazu führte, dass später sogar ein Kleintheater unter diesem Namen betrieben wurde.
Die folgenden Jahre waren für den Schauspieler von Ups und Downs geprägt. Einmal ging es ihm karrieremässig so schlecht, dass er überlegte, Berufsschullehrer zu werden, sagt Müller. Aber es sollte nicht sein, denn seine Schauspielkarriere erhielt just in diesem Moment einen neuen Aufschwung.

Zauberformel des Erfolgs

«Disziplin, Talent und Glück» seien die drei Komponenten, die man brauche, um in diesem Business erfolgreich zu sein. Konkrete Karriere-Planungen seien fehl am Platz. Der Schauspieler hält das für «verlorene Liebesmüh und dummes Geschwätz». Wie es also mit Müller weitergeht, weiss nicht einmal er selbst. «Man muss sich einfach auf das nächste Projekt stürzen und schauen, was kommt.»
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Mike Müller (links) und Viktor Giacobbo (rechts) bei den Aufnahmen von «Giacobbo/Müller» (Bild: Schweizer Fernsehen).
Bis jetzt hat diese Strategie gut funktioniert. Der Beweis ist sein Lebenslauf. Einer seiner grössten Erfolge war sicherlich die Satireshow «Giacobbo/Müller», die er zusammen mit seinem Arbeitskollegen, Viktor Giacobbo, moderierte. «Wir hatten alle Freiheiten», erzählt Müller grinsend und führt dann fort, «Ich weiss aber nicht, ob es heute noch genau so wäre.» Es sei aber der einzige Weg Satire zu machen, hebt er hervor. Das mache aus den Satirikern «Egotierchen», aber anders gehe es nicht. «Denn diejenigen, die das ‹Füdle› aus dem Fenster halten, sollten auch die Verantwortung tragen», erklärt Müller bildlich.

«Als Komiker widerspiegeln wir die Öffentlichkeit»

Trotzdem zeigt der Comedian ein grosses Bewusstsein für den heutigen Zeitgeist. Er möchte mit der Veränderung gehen und sich auf diese Diskurse einlassen können. Ein Leben lang auf dem Wissensstand seines Studienabschlusses zu bleiben, wäre für ihn ein Graus. «Als Komiker widerspiegeln wir die Öffentlichkeit», begründet er seine Haltung. Vorwürfe hat er sich deswegen auch schon von Roger Köppel, Publizist und Politiker (SVP), anhören müssen. Er habe ihm angelastet, dass er auch Nazi-Cabaret machen würde, wenn wir noch zu Zeiten des Nationalsozialismus leben würden. Das stimme natürlich nicht und sei gemäss Müller wieder ein typischer Fall von «Ideologie vor Intelligenz».

Müller ist kein Staatskomiker

Solche Anfeindungen gehören für den Comedian fast schon zum täglichen Brot. Seit der Billag-Abstimmung sei er für viele «Ultra-Rechte» so oder so nur noch «der fette Staatskomiker». Das entspreche aber nicht der Wahrheit, klärt Müller auf – also das mit dem Staatskomiker – denn er habe sein eigenes Geschäft und finanziere sich selbst.

«Also, wenn man sich in diesem Land nicht mehr ‹cha azünte›, dann müssen wir alle nach Hause gehen.»

Mike Müller
Gewisse Anfeindungen hat er seinen Provokationen zu verdanken. So ist auch Markus Somm, Chefredaktor des Nebelspalters, nicht verschont geblieben. Einen Tag vor dem Gespräch mit dem «Nebelspalter» twitterte er: «Wenn man Roger Köppel bei Wish bestellt: Markus Somm.» Übersetzt bedeutet dies in etwa: Somm sei ein billiger Abklatsch von Köppel. Ob das der Umgang ist, den wir miteinander pflegen sollten?
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Tweet von Mike Müller über Marrkus Somm (Quelle: Bildschirmfoto von Twitter).
Müller findet schon: «Also, wenn man sich in diesem Land nicht mehr ‹cha azünte›, dann müssen wir alle nach Hause gehen.» Er werde das auch weiterhin tun und sehe keinen Grund, sein Verhalten zu ändern. Trotzdem hält er klar fest: «Ich bin gegen Hatespeech.»

Ärger über Ungeimpfte

Contra Hatespeech, doch «hässig« scheint Müller trotzdem zu sein. Kein Verständnis kann er für die freiwillig Ungeimpften aufbringen. Die Situation regt ihn deshalb so auf, weil er überzeugt ist, dass wenn jetzt alle geimpft oder geboostert wären, man die Pandemie managen könnte. «Ich finde das eine verdammte Arroganz und ‹ä Egoschinä vo denä huere Schwurbler›», sagt Müller. Warum wir solche Mühe haben, unsere Bevölkerung durchzuimpfen, wisse er genau. Der Ärger macht sich erneut in seiner Formulierung bemerkbar: «Wöu das eifach wohlstandsverwahrlosti Idiote si.»

Müller über Impfzwang

Wäre infolgedessen der Impfzwang eine mögliche Lösung für Müller? Er zeigt sich zurückhaltend. Lieber wäre es ihm, wenn die Impfung auf freiwilliger Basis erfolgen würde. Ganz abgeneigt ist er der Idee aber nicht: «Wenn die Impfpflicht bedeuten würde, dass alle Ungeimpften den ÖV nicht mehr benutzen dürften, dann wäre mir das recht.»
Müller gehört zur Risikogruppe, und er ist sich dessen sehr bewusst. Bange war ihm aber nur zu Beginn der Pandemie – auch aufgrund der hochstilisierten Berichterstattung der Massenmedien –, reflektiert der Schauspieler. Jetzt sei ihm in manchen Situationen noch unwohl, aber seit seiner Impfung fühle er sich meistens sicher. Geblieben ist sein Ärger.

Seine Leidenschaft

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Mike Müller gestikuliert mit seinen Händen während eines seiner Auftritte (Bild: zvg).
Weniger provokativ und verärgert erscheint Müller, wenn er in seinem Element ist: Auf der Bühne. Mit seinem schauspielerischen Talent imitiert er in seiner Aufführung «Heute Gemeindeversammlung» allerlei Schweizer Dialekte, und es gelingt ihm, ein ganzes Theaterstück lebhaft allein zu spielen. Die Pointen sind fein und präzis, und es ist nichts mehr von seinem Unmut, dem er auf Twitter Luft macht, zu spüren.

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