Merkels Hinterlassenschaft. Oder warum Deutschland im Hochwasser versank

Merkels Hinterlassenschaft. Oder warum Deutschland im Hochwasser versank

Über 170 Tote, rund 1000 Verletzte, Schäden in Milliardenhöhe. Wie konnte es sein, dass die Flut ausgerechnet Deutschland so unvorbereitet traf? Angela Merkel ist nicht alleine schuld, aber auch nicht ganz unschuldig.

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von Markus Somm am 24.7.2021, 03:00 Uhr
Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin, zu Besuch im Katastrophengebiet.
Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin, zu Besuch im Katastrophengebiet.
An ihrer wohl letzten Sommerpressekonferenz als Bundeskanzlerin, die am Donnerstag in Berlin stattfand, hat Angela Merkel auch eine Bilanz ihres Wirkens gezogen, – wie immer, wenn sie sprach, redete sie so vorsichtig und umständlich zugleich, als hätte sie noch etwas zu verlieren:
«Was meine Amtszeit schon durchzogen hat immer, ist, dass wir halt nicht alleine mit nationaler Politik unsere Herausforderungen bewältigen können, sondern dass wir Teil einer Weltgesamtheit sind, und das ist ja auch das Thema, das wir beim Klima sehen».
Damit nahm sie natürlich genauso Bezug auf die grauenvollen Hochwasser in Westdeutschland, die in den vergangenen Tagen den Tod von mehr als 170 Menschen herbeigeführt hatten, ein trauriger Rekord für ein Land, das vielleicht wie kein anderes weiss, wie man Katastrophen bewältigt. Doch Deutschland hat auf der ganzen Linie versagt. Obwohl schon am Montag ein Supercomputer des staatlichen Wetterdienstes die Fluten mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent vorausgesagt hatte und in der Folge rund 150 Warnungen verschickt worden waren, geschah wenig in der Provinz. Ob Städte oder Dörfer, ob Bürgermeister, Beamten oder Bürger: nicht allzu viele nahmen die Meldungen ernst. 16 davon warnten gar vor tödlicher Gefahr: Doch niemand schien das zu kümmern, bis wenig später, am Mittwoch, die Flut mit einer Wucht einsetzte wie nie zuvor.
Experten sprechen davon, dass sich in Deutschland ein solch gewaltiges Hochwasser bloss alle fünfhundert Jahre ereignet. Das Wasser brach mit einem Tempo ein, das wohl niemand für möglich gehalten hätte: Stand das Wasser zu Anfang noch einen Zentimeter hoch, so erzählte eine Augenzeugin in den Medien, war es nur eine Minute später um einen halben Meter gestiegen. Es gab kein Entrinnen. So plötzlich das Wasser die Keller anfüllte oder die Strassen zu reissenden Strömen machte, so plötzlich kam der Tod: Menschen ertranken in ihren Autos, Frauen und Männer blieben in ihrem Haus stecken wie in einem untergehenden Schiff, so brutal, so unbarmherzig hatte das Wasser sie überrascht. Dabei wollten sie doch nur noch rasch ihre liebsten Dinge in Sicherheit bringen. Dann war es zu spät.
Wer ist schuld? Wie immer Angela Merkel sicher nicht, so auf jeden Fall wirkt es, wenn man sie erlebt, wie sie über das Desaster redet. Man hört eine der talentiertesten Politikerinnen aller Zeiten, talentiert, wenn es darum geht, Verantwortung zu pulverisieren. Wenn man Angela Merkel vernimmt, die Bescheidene, dann würde man nie auf den Gedanken kommen, dass hier eine der formal mächtigsten Magistraten Europas spricht. «Weltgesamtheit»? Was für ein Begriff. Steht der überhaupt im Duden? «Klima»? Was für eine galaktische Ausrede. Wenn etwas schief geht in Hintertupfingen im Hintertal an der hinteren Mosel, dann muss es die Welt und das Klima sein: Nie trägt für irgendetwas ein gewählter Politiker die Verantwortung, nie ein Bürgermeister, nie ein Bundeskanzler.

Föderalismus in der Defensive

Gewiss, Deutschland gilt als föderalistisch und ohne Frage ist es nicht die Bundesregierung, die in erster Linie für den Katastrophenschutz zu sorgen hat. Vielmehr ist es Sache der Länder und Kommunen, und dennoch mutet es schwächlich an, wie Merkel jede Schuld von sich weist. Entweder ist die Welt zuständig oder Hintertupfingen, nie Berlin. Hat sich die gleiche Merkel je um den deutschen Föderalismus geschert, als sie zur Corona-Bekämpfung auch jede noch so kleine dezentrale Regung sofort unterdrückte? Natürlich nicht. Merkel ist schon von ihrer politischen Ausbildung her eine Zentralistin, die eben nicht in der alten BRD aufgewachsen ist, sondern in der von oben gesteuerten DDR, wo ausserhalb des Politbüros in Ost-Berlin niemand etwas zu sagen hatte.
Es mag sein, dass gerade die jüngste deutsche Corona-Politik, die viel zu zentralistisch und dirigistisch ausgefallen ist, das föderalistische Selbstbewusstsein im Land nachhaltig untergraben hat. Das rächte sich nun. Als die Flut kam, machten sich Lethargie und Duckmäusertum breit statt Entschlossenheit und Bürgersinn. Manche Kommunalpolitiker dürften zu lange auf Weisungen aus Berlin oder aus ihrer Landeshauptstadt gewartet haben, bis sie handelten; und manche Bürger hatten sich derart daran gewöhnt, dass die Behörden jedes Detail regelten – wann Maske auf, wann in den Ausgang, wann ins Bett –, dass sie auch dieses Mal wie Kinder ausharrten, in der Hoffnung, dass man ihnen rechtzeitig mitteilte, ob sie nun aus dem Haus schwimmen oder erst noch die Gummistiefel putzen sollten.

Welche Sintflut? Bitte ankreuzen

Auch eine andere Reaktion wurde beobachtet – die genauso mit der Corona-Politik zusammenhängen dürfte: Man schlug die vielen Warnungen in den Wind, weil die Behörden in den vergangenen Monaten so oft Sodom und Gomorrha angekündigt hatten, ohne dass es dann wirklich zu Sodom und Gomorrha gekommen war. Als die deutschen Beamten schliesslich die Sintflut voraussagten, hörte niemand mehr zu. Selbst Noah hätte sich jetzt taub gestellt.
Letzten Endes zeigte sich, dass das Geschwätz vom digitalen Zeitalter verbreiteter ist als die realen Fortschritte der Digitalisierung: Zwar verschickten die Behörden ihre Meldungen laufend auf einer App, doch viele Bürger hatten keine solche installiert, übersahen sie oder sassen in einem Funkloch ohne jeden Empfang, – auch das erinnert an das App-Chaos im Zeichen von Corona, wo man sich viel zu viel von komplizierten Raffinessen versprochen hatte. In Krisen erweist sich das Einfache oft als das Beste.
Es hat etwas Gespenstisches: In Anbetracht des Hochwassers funktionierte in Deutschland, was im Zweiten Weltkrieg schon funktioniert hatte: Wo immer die Sirenen aus jener Zeit noch in Betrieb waren, heulten sie auf, und die Bürger taten instinktiv das Richtige: Sie sahen sich vor. Leider haben in den vergangenen Jahren viele Kommunen diese Sirenen abmontiert, im Glauben, die App werde sie in Zukunft retten, während andere, konservativere Gemeinwesen wie etwa Wuppertal dies nicht getan hatten und jetzt froh darum waren: Wuppertal, eine Stadt, die immerhin so gross ist wie Zürich, hatte kaum Opfer zu beklagen. Die Sirenen hatten alle Einwohner auf der Stelle über die bevorstehenden Gefahren ins Klare versetzt. In manchen Dörfern war die Feuerwehr durch die Strassen gefahren und hatte die Bürger per Megafon aufgefordert zu fliehen. Auch das hinterliess mehr Eindruck als die App.
Angela Merkel tritt nun ab. Das Klima dürfte sie nicht mehr retten können. Dazu fehlt ihr die Zeit. Es muss bitter sein. Vor gut zehn Jahren hatte sie ihrem Land die Energiewende verordnet, in der Meinung, damit solche Katastrophen zu verhindern. Natürlich war das Mumpitz. Und sie weiss es wohl.

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