Mehr Mordversuche von Minderjährigen. Liegt es an Corona?

Mehr Mordversuche von Minderjährigen. Liegt es an Corona?

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von Stefan Bill am 27.3.2021, 13:17 Uhr
Mehr Gewaltverbrechen bei Jugendlichen im Jahr 2020. (Foto: Shuttersdock)
Mehr Gewaltverbrechen bei Jugendlichen im Jahr 2020. (Foto: Shuttersdock)
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Die am Montag veröffentlichte Kriminalstatistik zeigt einen Anstieg der in der Schweiz begangenen Straftaten bei Minderjährigen.

Die Kriminalität bei den unter 18-Jährigen war im vergangenen Jahr so hoch, wie seit 2011 nicht mehr. Der Jahresbericht der polizeilich registrierten Straftaten für das Jahr 2020, die das Bundesamt für Statistik am Montag veröffentlichte, zeigt, dass vor allem bei den Minderjährigen ein markanter Anstieg verzeichnet wurde. Insgesamt wurden 10 553 Minderjährige verzeigt, das sind 8 Prozent mehr als im Vorjahr.
Am häufigsten wurden Minderjährige wegen geringfügiger Straftaten, wie Sachbeschädigung, Ladendiebstahl oder Tätlichkeiten registriert (eine Auflistung finden Sie am Ende des Textes). Doch ins Auge springen auch die schweren Delikte. So gab es im Zusammenhang mit Tötungsdelikten 39 Beschuldigte. So viele wie noch nie, seit die Statistik im Jahr 2009 eingeführt wurde.
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Beschuldigte Minderjährige im Zusammenhang mit Tötungsdelikten nach Alter (Quelle: BFS)
Auffallend ist dabei, dass 25 Fälle aus dem Kanton Genf und 12 aus dem Kanton Zürich stammen. Gemäss Markus Melzl, ehemaliger Kriminalkommissar und ehemaliger Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, könnte das Zufall sein. «Auf die ganze Schweiz berechnet, ist das eine kleine Zahl. Solche Ballungen könnten daher auch grundlos entstehen.» Doch es sei bekannt, dass in den Städten mehr Gewalt herrsche. Das könne man auf die Anonymität der Städte zurückführen.

Alles unvollendete Tötungen

Alle der 39 Fälle, von denen 16 von Jugendlichen mit der Schweizer Staatsbürgerschaft und 23 von Ausländern begangen worden sind, sind unvollendete Tötungen. Das bedeutet, dass das Opfer den Angriff überlebt hat. Auch das führt Melzl auf die urbanen Gebiete zurück. «Wenn in der Stadt etwas passiert, ist innerhalb kürzester Zeit ein gut ausgerüsteter Krankenwagen vor Ort, der die verletzte Person ins Spital bringt.» Die Überlebenschancen steigen dadurch. Denn wenn der gleiche Vorfall in einem Bergdorf passieren würde, würde die Person vermutlich versterben, bevor Hilfe vor Ort ist. Zudem kam bei diesen Fällen nie eine Schusswaffe zum Einsatz. 36 von den 39 Tötungsdelikte wurden mit Schneid- oder Stichwaffen begangen.
Doch nicht nur bei den Tötungsdelikten, sondern auch beim Tatbestand der schweren Körperverletzung wachsen die Zahlen seit den letzten fünf Jahren kontinuierlich. Insgesamt waren es letztes Jahr 111. Das ist seit Messbeginn die höchste Zahl.
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Beschuldigte Minderjährige im Zusammenhang mit schwerer Körperverletzung (Quelle: BFS)
Melzl kann sich einen Zusammenhang zu den Coronamassnahmen vorstellen: «Das bereits emotionsgeladene Leben junger Menschen wurde durch die Einschneidungen noch mehr durcheinander gebracht.» Dass die jungen Menschen nicht mehr in Clubs oder Bars können, um sich auszuleben, führt zu Frustration. Mehr Jugendliche treffen sich derzeit auf den Strassen oder auf öffentlichen Plätzen. Gemäss Melzl führt das zur Durchmischung von verschiedenen Szenen. Denn auch unter Jugendlichen gibt es bereits diverse Gruppierungen mit verschiedenen Meinungen und Einstellungen zum Leben. Normalerweise treffen sich diese aber auch in unterschiedlichen Lokalen. Die Durchmischung führt nun zu mehr Krach.

Mehr Vergewaltigungen

Letztes Jahr wurden auch viel mehr Menschen von Minderjährigen vergewaltigt. Vor fünf Jahren waren es noch 28, letztes Jahr waren es 78. Melzl sieht auch hier ein Zusammenhang zu Corona. Denn das Kennenlernen von Gleichaltrigen gestaltete sich im letzten Jahr gestaltete. Es fehlt nicht nur an Orten, an denen man sich treffen kann. Auch das Flirten unter der Maske stellt sich als schwierig heraus. «Der sexuelle Frust ist grösser und entlädt sich möglicherweise unter Alkohol- oder Drogeneinfluss noch schneller.» Auffallend dabei ist, dass zum ersten Mal, seit die Daten erfasst werden auch drei minderjährige Frauen Vergewaltigungen begangen haben.
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Beschuldigte Minderjährige im Zusammenhang mit Vergewaltigung nach Alter und Geschlecht (Quelle: BFS)

Begangene Straftaten von Minderjährigen im Jahr 2020:
  • Sachbeschädigung (ohne Diebstahl): 2'278 Beschuldigte
  • Ladendiebstahl:1'754 Beschuldigte
  • Tätlichkeiten:1'079 Beschuldigte
  • Einbruch oder Einschleichdiebstahl: 1069 Beschuldigte
  • nicht näher spezifiziertem Diebstahl:1'046 Beschuldigte
  • Beschimpfung:1'009 Beschuldigte
  • Pornografie: 909 Beschuldigte
  • einfacher Körperverletzung: 867 Beschuldigte
  • Drohung: 786 Beschuldigte
  • Raub: 649 Beschuldigte
  • Fahrzeugdiebstahl: 598 Beschuldigte
  • Hinderung einer Amtshandlung: 581 Beschuldigte

Link zur Polizeilichen Kriminalstatistik


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