Medienstudie der Universität Zürich macht Politpropaganda

Medienstudie der Universität Zürich macht Politpropaganda

Das Jahrbuch der Medienqualität stellt den Medien ein gutes Zeugnis aus. Aber vor allem macht es Abstimmungskampf und fordert mehr Geld für Verlagshäuser, die Millionengewinne machen.

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von Dominik Feusi am 29.10.2021, 08:00 Uhr
Mann mit politischer Agenda: Mark Eisenegger bei der Präsentation des Jahrbuches 2015 (Bild: Keystone, Lukas Lehmann)
Mann mit politischer Agenda: Mark Eisenegger bei der Präsentation des Jahrbuches 2015 (Bild: Keystone, Lukas Lehmann)
Es ist ein jährliches Ritual, wenn das «Jahrbuch Qualität der Medien» (Link) vorgestellt wird. Das Buch versucht seit Jahren zu messen, wie es um die Berichterstattung in den Schweizer Medien steht. Die Methode des Berichts wurde schon vielfach kritisiert (zum Beispiel hier), weil die Qualität gar nicht objektiv gemessen, sondern Artikel nur von einigen wenigen Personen subjektiv beurteilt werden – aufgrund von Kriterien, die hauptsächlich mit den Vorstellungen der Verfasser zu tun haben.
Dieses Jahr hat das Buch besondere Brisanz, weil im nächsten Frühling über das Mediengesetz abgestimmt wird, das den Medienunternehmen zusätzliche 178 Millionen Franken Subventionen pro Jahr bringen soll. Prompt liess sich der Studienleiter, Mark Eisenegger von der Universität Zürich, die Gelegenheit nicht nehmen, Werbung für die Vorlage zu machen, die vom Bundesamt für Kommunikation ausgearbeitet wurde, das Eiseneggers Arbeit und das vorliegende Jahrbuch gemäss Auskunft mindestens indirekt mitfinanziert.
«Es zeichnet sich immer mehr ab, dass qualitativ hochwertiger Journalismus nur durch eine direkte Medienförderung zu finanzieren ist», lässt sich Eisenegger in der Medienmitteilung zitieren. Die Subventionen, so wünscht sich der Professor, sollten insbesondere auch kleinere mediale Anbieter und Start-ups unterstützen.

Gewinne trotz Corona

Das Problem dabei: Das Jahrbuch kommt zu ganz anderen Schlüssen. Es hält fest, dass die grossen Medienunternehmen seit 2015 nicht ein einziges Mal Verluste geschrieben haben. Dies gilt auch für das wegen Corona schwierige Jahr 2020.
Zwei Unternehmen steigerten ihren Gewinn sogar, wie das Jahrbuch ausführt: «Die TX Group machte 131 Millionen Franken Gewinn, was eine Reduktion von 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Bei Ringier nahm der Gewinn im gleichen Zeitraum um 26 Prozent ab und beträgt 84 Millionen Franken.» Bei der NZZ sind es gemäss Jahresbericht 25 Millionen Franken (–5 Prozent). Die AZ Medien sowie CH Media steigerten ihren Gewinn auf 20 Millionen Franken (+34 Prozent) respektive 43 Millionen Franken (+16 Prozent).

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Will noch mehr verdienen: TX Group, Herausgeberin unter anderem des Tages-Anzeigers. (Bild: Keystione, Ennio Leanza)

«Die Krise im Medienbereich ist somit momentan vor allem eine Krise des Journalismus und nicht eine Krise der Medienunternehmen», hält das Jahrbuch fest. Wieso sollen dann Medienunternehmen Subventionen erhalten, wenn sie gar nicht in der Krise sind?
Eisenegger schreibt, die Unternehmen seien zwar profitabel, diese Profite würden sie aber meist nicht mit dem Journalismus generieren. Folge davon sei der Abbau von Ressourcen im Journalismus, der insbesondere beim Personal sichtbar sei. Dies habe man vor zwei Jahren im Jahrbuch aufgezeigt. Warum trotzdem Geld an die gewinnträchtigen Medienunternehmen gehen soll, lässt er unbeantwortet.

Hohe Akzeptanz – oder doch nicht?

Die direkte Medienförderung habe eine «vergleichseise hohe Akzeptanz» bei der Bevölkerung, wird in der Medienmitteilung weiter festgehalten. Dazu verwendet Eisenegger eine Befragung des Reuters Institute. Dabei haben sich 37 Prozent der Befragten für eine solche Subvention ausgesprochen. Das ist mehr als in anderen Ländern.
Was Eisenegger in der Medienmitteilung verschweigt: Genau gleich viele Befragte sind gegen Mediensubventionen (37 Prozent). Gut ein Viertel der Befragten ist noch unschlüssig. Die Akzeptanz ist also genau gleich gross wie die Kritik. Hinzu kommt, dass gefragt wurde, ob man für die Mediensubventionen sei, «wenn diese in finanzielle Schieflage geraten», was angesichts der Gewinne in der Schweiz genau nicht der Fall ist.

Zu viele Mediziner reden zu Corona

Der zweite Hauptbefund des Jahrbuches ist die positive Beurteilung der Corona-Berichterstattung. Die Medien verzichteten auf Panikmache, so die Beurteilung im Jahrbuch, nicht ganz überraschend in der zweiten noch mehr als in der ersten Welle der Pandemie. Der Anteil der Beiträge, die für die Regierenden sehr positiv ausfalle, sei sehr tief (0,3%). «Somit bestätigt sich der Vorwurf einer unkritischen ‹Hofberichterstattung› nicht», heisst es in der Medienmitteilung. Eisenegger kritisiert aber, dass in der Pandemie mit einem für die Gesundheit gefährlichen Virus, zu viele Mediziner, Virologen und Epidemiologen zu Wort gekommen seien, obwohl die Pandemie die ganze Gesellschaft betreffe.
Untersucht wurden allerdings bloss 2786 von insgesamt 117’900 Artikel oder Beiträgen über Corona (2,4 Prozent). Pro Medium waren es nur gut hundert Artikel. Diese wurden von nur vier Codierern analysiert, wovon einer, das lässt sich an den immerhin transparent dargestellten Übereinstimmungskoeffizienten ablesen, meistens anderer Meinung war als die anderen drei, besonders bei der Beurteilung, ob der Artikel kritisch mit den Behörden umgeht.

Intransparente Beurteilung

Eisenegger schreibt auch hier, dass die Stichprobe für eine repräsentative Untersuchung ausreiche, und zwar sowohl für jedes Medium einzeln wie für die Gesamtheit. Bei den vier Codierern handelt es sich um zwei Frauen und zwei Männer, die Kommunikationswissenschaft studierten und in der Analyse ausgebildet sind. Alle vier haben eigene Einstellungen, sowohl zu Corona wie zum Bundesrat und Parlament, die in ihre subjektive Beurteilung einfliessen.
Hinzu kommt: Wie sie die Artikel codiert haben, legt Eisenegger wie schon bei früheren Jahrbüchern nicht offen. Diese Codierungen sind nur persönlich und zusammen mit Eisenegger und seinem Team einsehbar, weil dazu die «wechselseitige Verständigung» nötig sei, wie Eisenegger schreibt.

Desinformation ist (k)ein Problem

Die dritte Hauptaussage der Studie dreht sich um die Desinformation. Die Schweizer Bevölkerung zeige sich besorgt darüber, heisst es in der Medienmitteilung besorgt. Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) schätze Desinformation als «grosses» bis «sehr grosses» Problem ein. Es besteht jedoch vor allem in den sozialen Medien und Messengerdiensten wie WhatsApp oder Telegram. Die traditionellen Medien kommen aus Sicht der 1212 Befragten gut weg. Für Eisenegger dient die Angst vor Desinformation dazu, die Wichtigkeit von Medien (und damit die Notwendigkeit von deren Subventionierung) zu unterstreichen.
Da passt nicht hinein, was die selbe Befragung ergeben hat, aber nur im Jahrbuch zu finden ist: «Andererseits beurteilt eine knappe Mehrheit (51 Prozent) das Problem als nicht besonders gefährlich.» Eisenegger macht also das, was man als schlechten Journalismus bezeichnen müsste, wenn man sein Codierer wäre: Er lässt weg, was nicht zur vorher definierten Botschaft passt, dass es nämlich die neuen Mediensubventionen braucht.

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