Mathematik-Misere in der Schweiz. Trotzdem sind die Noten viel zu gut. An den Universitäten wird das zum Problem

Mathematik-Misere in der Schweiz. Trotzdem sind die Noten viel zu gut. An den Universitäten wird das zum Problem

Was ist hier los, ergibt in der Schweiz – jenem Land, das von so ziemlich der ganzen Welt um sein Schulsystem beneidet wird – für unsere Schüler 2 plus 2 auf einmal 5? Experten sagen, was man gegen das Problem tun kann.

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von Sebastian Briellmann am 22.10.2021, 18:00 Uhr
Wer keine Mathematik beherrscht, bekommt im Studium Probleme. Foto: Keystone
Wer keine Mathematik beherrscht, bekommt im Studium Probleme. Foto: Keystone
Vor sechs Jahren, kurz nachdem eine neuerliche Pisa-Studie veröffentlicht worden war, befand das «Schweizer Fernsehen»: «Die Schweiz steckt in einer Mathe-Misere.»
Vor zwei Jahren – soeben hatte sich die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) doch noch durchgerungen, den ersten nationalen Schulvergleich zu publizieren – schrieb die «Neue Zürcher Zeitung» von «überraschend schlechten Resultaten» in der Mathematik.
Und im März dieses Jahres titelte der «Tages-Anzeiger» ziemlich resigniert, aber umso passender und prägnant: «Oh nein, Mathematik!»
Was ist hier los, ergibt in der Schweiz – jenem Land, das von so ziemlich der ganzen Welt um sein Schulsystem beneidet wird – für unsere Schüler 2 plus 2 auf einmal 5?

Ein Viertel ist ungenügend

So schlimm mag es nicht sein, aber klar ist: Gerade in den Gymnasien sind die Leistungen in Mathematik nicht zufriedenstellend. Im Gegenteil: Circa 40 Prozent fallen an der schriftlichen Maturaprüfung durch, und rund ein Viertel ist auch im finalen Zeugnis ungenügend. Dieser Zustand, lange negiert und kaum öffentlich besprochen, tritt nun auch medial öfters in der Vordergrund.

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Lesen Sie hier Teil 1: Problemzone Basel-Stadt. Viele Schüler, miese Leistung. Dagegen getan wird wenig.

Nur: Was dagegen unternommen werden soll, klingt manchmal ziemlich abenteuerlich: Die Pädagogische Hochschule Bern hat 2019 in einer Studie etwa gefordert, dass aufgrund des «Disengagements» vieler Schüler der Unterricht «anwendungsnah» und «das Nützliche der Mathematik ungekünstelt» gemacht werden soll. Kritisch hinterfragt werden müsse auch die «strenge Bewertungskultur». Wenn etwas Probleme bereitet, macht man es einfach einfacher?
In der Wirtschaft sorgt man sich mittlerweile ernsthaft über die Mathematik-Fähigkeiten jener, die man später gerne beschäftigte: Der Wirtschaftsverband Economiesuisse hat zuletzt sogar vorgeschlagen, dass nur eine Matura bestehen kann, wer in Mathematik (und in der Erstsprache) genügend ist.

Potemkinsches Dorf

Experten sind wenig angetan von dieser Idee. Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern, sagt: «Wenn man in der Mathematik nur auf die Noten schauen würde – und zum Beispiel eine genügende Note zur Pflicht machte –, käme das teilweise einem potemkinschen Dorf gleich. Die Noten würden dann einfach gesamthaft besser, eine Garantie für mehr Kompetenzen gäbe es nicht.»
Franz Eberle, emeritierter Professor für Gymnasial- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Zürich, sagt: «Was wir deutlich sagen müssen: Die aktuelle Kompensationsregelung für ungenügende Noten ist zwar grundsätzlich klug, aber sie erlaubt es auch in Fächern ganz abzuhängen, die wesentlich zur allgemeinen Studierfähigkeit beitragen. Man darf aber schon kritisch fragen, ob es richtig ist, dass man im Ökonomiestudium durchfallen kann, nur weil man im Gymi in Mathematik abhängen konnte.»
Eberle ist aber ebenfalls gegen den Vorschlag von Economiesuisse, da nur Teile dieser Fächer (Mathematik und Erstsprache) für eine wirklich breite Anzahl von Studienfächern wichtig sind. Er konnte mit seinem Team bereits vor sieben Jahren aufzeigen, dass viel Stoff für ein künftiges Studium gar nicht so elementar ist. Ein Beispiel: Die Kompetenz, Determinanten von Matrizen berechnen zu können zum Beispiel, muss man für fast kein Studium bereits mitbringen.

Unterschätzte Bedeutung

Eberle sagt: «Das Beherrschen von linearen Gleichungen hingegen ist weit über die MINT-Studiengänge (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wichtig; in der Psychologie, in der Ökonomie et cetera.» Deswegen sollte sichergestellt werden, dass wenigstens in diesen Teilen keine Kompetenzlücken mehr erlaubt seien.
Stefan Wolter sieht die Wichtigkeit der Mathematik ebenfalls vernachlässigt, dabei ist diese für eine erfolgreiche Karriere fast unabdingbar: «Generell wird die Bedeutung der Mathematik für alle Studiengänge und Berufe unterschätzt. Was gerne vergessen wird: Auch Juristen müssen logisch und analytisch denken können. Wer keine 6 in Logik hat, kann nicht Staranwalt werden – und so ist es in vielen Berufen.»
Was tun? Laut Wolter müsste man vielleicht den Mathematikunterricht ändern und vermehrt die analytischen und logischen Kompetenzen fördern: «Und vielleicht braucht es dafür auch nicht immer Mathematikunterricht, Logik lernt man auch in der Philosophie.» Eberle stimmt dem zu, wenn er sagt, dass er es sehr begrüssen würde, wenn ausgewählte «mathematische Kompetenzen» auch in anderen Fächern systematischer gefördert würden.

Grassierende Noteninflation

Elsbeth Stern, Intelligenzforscherin und Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, ist klar der Meinung, dass Mathematik ein Problem in den Gymnasien darstellt. Im «Tages-Anzeiger» sagte sie kürzlich: «Es werden mehr gute Lehrpersonen gebraucht als ausgebildet werden. Das bereitet uns an der ETH grosse Sorgen, gerade weil wir Lehrerinnen und Lehrer ausbilden und uns immer wieder etwas Neues ausdenken.»
Das macht sich auch im Unterricht bemerkbar: Die Schüler werden tendenziell besser bewertet als angemessen wäre. Zum «Nebelspalter» sagt Stern: «Um einer Noteninflation, also der Verteilung von immer besseren Noten, entgegenzuwirken, sollten auch standardisierte Tests einbezogen werden, um die Anforderungen zu überprüfen. Wer die Kompetenz nicht mitbringt, hat in der Schweiz Alternativen zum Gymnasium.»
Auch Stefan Wolter sieht die Noteninflation kritisch, hat aber eine Idee, wie das Problem gelöst werden könnte: «In Mathematik, wie in anderen Fächern, kann es auch zu einem sogenannten Locked-in-Effekt kommen. Das bedeutet, wenn alle eine schlechte Leistung erbringen, dann zwingt das die Lehrer, ihre Notenstandards nach unten anzupassen, weil ja nicht alle durchfallen können. Wären die Klassen leistungsmässig und interessenmässig besser durchmischt, kann auch die Gefahr der Nivellierung nach unten reduziert werden.»
Die Erfahrung lehrt jedoch: Überall, wo Schüler bewertet und eingeteilt werden müssen, schrecken viele Beamte vor unpopulären Entscheidungen gerne zurück. Die Mathematik-Misere: Sie wird die Schweiz noch eine Weile beschäftigen.

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