Massenflucht der Stars beim Schweizer Fernsehen. Wer kann, der geht?

Massenflucht der Stars beim Schweizer Fernsehen. Wer kann, der geht?

Zahlreiche prominente SRF-Aushängeschilder haben in letzter Zeit das Unternehmen freiwillig verlassen. Kostendruck, träge Abläufe – das wollen offensichtlich viele Promis nicht mehr mitmachen.

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von Sebastian Briellmann am 16.8.2021, 04:00 Uhr
Der nächste prominente Abgang beim SRF: Ueli Schmezer. Foto: SRF/Oscar Alessio
Der nächste prominente Abgang beim SRF: Ueli Schmezer. Foto: SRF/Oscar Alessio
Mitarbeit: Fabienne Niederer
Gegen aussen dominieren: Bedauern, Verständnis, Gelassenheit. Die vielen Abgänge beim SRF, präziser: beim Fernsehen, werden von den Verantwortlichen nicht gerne zur Kenntnis genommen, aber eben, es gilt die Devise: Ruhe bewahren.
Dabei ist die Liste von Aushängeschildern, die das Unternehmen schon verlassen haben oder in Kürze verlassen werden, ziemlich lang: Nik Hartmann, Steffi Buchli, Jonas Projer, Patrizia Laeri, Matthias Hüppi, Jann Billeter, Roman Kilchsperger und Reto Scherrer. Sie alle sind freiwillig gegangen.
In der letzten Woche kündigte nun auch noch «Kassensturz»-Moderator Ueli Schmezer seinen Abgang an. Und beim Radio überrascht der anstehende Wechsel von SRF-Bundeshausredaktorin Priscilla Imboden zur «Republik». Zudem verzichtet SRF in Zukunft freiwillig auf den beliebten Tennisexperten Heinz Günthardt.

Der gute Job der Konkurrenz

Auf Anfrage schreibt Mediensprecher Stefan Wyss: «Vor dem Hintergrund der ganzen Kritik über die Abgänge muss man auch ganz klar sehen, wie viele SRF-Aushängeschilder bleiben, obwohl sie schon sehr lange bei uns arbeiten. Viele entscheiden sich trotz guter Angebote ganz bewusst fürs Bleiben.» Und auch Direktorin Nathalie Wappler hat schon vor ein paar Wochen im «Blick» ziemlich unaufgeregt bemerkt: «Unsere Konkurrenz macht einen guten Job, dadurch sind Wechsel häufiger geworden.»
Das mag zutreffen, ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Nick Lüthi, einer der besten Kenner der Schweizer Medienszene und Chefredaktor der «Medienwoche», sagt über die Beweggründe der vielen prominenten Abgänge: «Da muss man sehr genau hinschauen.» Wenn sich Stefan Bürer nach 28 Jahren mit seiner neuen Kommunikationsstelle beim Eishockeyclub Rapperswil-Jona Lakers einen «Herzenswunsch» erfüllen könne, sei das verständlich. Genauso wie bei Ueli Schmezer. Lüthi sagt: «Da ist es absolut verständlich, wenn diese Leuten nach so vielen Jahren eine Chance ergreifen, um etwas Neues zu machen.»

Der träge Ablauf

Anders beurteilt Lüthi die Situation im Sportressort, in dem die Abgänge am zahlreichsten sind: «Es existiert durchaus fähige Konkurrenz zum SRF, gerade im Sport gibt es mittlerweile sehr attraktive und frische Angebote, die die langjährige Monopolstellung des SRF als Arbeitgeber zunichte machen.» Gerade jetzt, wo sich SRF in einem organisatorischen Umschwung befinde, böten andere Sender den Journalisten immer bessere Alternativen, die vielleicht auch weniger träge seien und bei denen man sich nicht mit Sorgen über Service Public und Serafe-Gebühren herumschlagen müsse. Der Wechsel von Jann Billeter zur direkten Konkurrenz «MySports» mache dies deutlich.
In eine ähnliche Richtung geht die Analyse von Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der ZHAW. Er sagt: «Es gibt im Hause SRF eine grosse sinnvolle organisationale Umstrukturierung und Digitalstrategie. Da scheint es mir normal zu sein, dass sich der eine oder andere Deutschschweizer Star überlegt, ob er es woanders noch mal etwas selbstbestimmter anpacken könne.»

Der grosse Wandel

Das bestreitet auch das SRF nicht. Mediensprecher Stefan Wyss sagt: «Die Medienbranche befindet sich im Wandel. Kostendruck, Digitalisierung sowie neue Anbieter und Plattformen sind Themen, die auch das SRF beschäftigen.» Allen Veränderungen zum Trotz sei das Unternehmen jedoch ein «attraktiver Arbeitgeber», der seinen Mitarbeitern ein breites Betätigungsfeld und Möglichkeiten zur individuellen Weiterentwicklung biete.
Das sehen längst nicht mehr alle Mitarbeiter so. Immer wieder wird hinter vorgehaltener Hand berichtet, wie schlecht das Arbeitsklima am Leutschenbach sei. Das betrifft die Stars weniger als die normalen Mitarbeiter. Lüthi sagt: «Sie sind es, die unter der Situation leiden und gehäuft kündigen, ohne dass öffentlich darüber berichtet wird. Vor allem im Bereich der digitalen Strategie gibt es extrem viele Abgänge.»
Das Problem für die Mitarbeiter ist die unsichere Lage, die aktuell innerhalb des Unternehmens herrscht. Keiner wisse, wo man eigentlich hinwolle in den nächsten Jahren, sagt Lüthi: «Das führt zu einer sehr bedrückenden Stimmung. Zudem wird von einer gleichgültigen Einstellung der Geschäftsleitung berichtet, ganz nach dem Motto: Wer gehen will, der soll gehen. Den Angestellten wird also alles andere als nachgetrauert.»

Das verloren gegangene Lebensziel

Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, man könnte auch sagen: Abwertung. Früher war es das Lebensziel vieler Journalisten, eine Karriere beim SRF zu machen. Lüthi sagt: «Man fing lokal an und hoffte, irgendwann zum grossen Sender wechseln zu dürfen.» Diese Fälle gebe es zwar immer noch, aber es sei eben nicht mehr eine Stelle, bei der man unbedingt bis ins Pensionsalter bleibe.
Es geht dabei nicht nur um die gewachsene Konkurrenz der Medienbetriebe, auch in der Bundesverwaltung oder in der PR-Branche gibt es immer verlockendere Stellen für Journalisten, wie Lüthi erklärt: «Viele sind schon direkt vom SRF zum Bund gewechselt. Und PR-Stellen bieten oft nicht nur bessere Löhne und Arbeitszeiten, sondern versprechen auch weniger Stress.»
Die Basis unzufrieden, die Stars abwanderungswillig: Das klingt nicht nach allzu guten Aussichten für den gebührenfinanzierten Sender. Das SRF betont, dass man sich sehr wohl um seine Aushängeschilder kümmere, diese «sehr wichtig» sind – man biete ein «hoch professionelles Arbeitsumfeld», «hohe Qualitätsstandards» und ein grosses Publikum, vor dem man sich präsentieren könne.
Aber man ist sich auch am Leutschenbach bewusst, dass neue Gesichter und Stimmen gewöhnungsbedürftig fürs Publikum seien. Sprecher Stefan Wyss sagt aber auch: «In den vergangenen Jahren sind auch zahlreiche talentierte und profilierte Journalistinnen, Kommentatoren und Moderatorinnen von den Privaten zu SRF gewechselt. Das ist beispielsweise mit den neuen Gesichtern bei ‹SRF bi de Lüt› sehr gut gelungen.»
Trotz allem haben viele Beobachter das Gefühl, dass die abgewanderten Aushängeschilder nicht gleichwertig ersetzt werden konnten. Nick Lüthi ist jedoch der Meinung, dass sich das nicht wesentlich auf die Quote auswirken wird: «Dass man beim SRF aber gar mit Zuschauerrückgängen rechnen muss, weil die altbekannten Gesichter nun weg sind, denke ich nicht. Schliesslich war auch Ueli Schmezer vom Kassensturz nicht dessen erster Moderator. Auch er musste sich zuerst eingewöhnen.»

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