Männer verdienen mehr als Frauen. Das muss Diskriminierung sein. Ist es so einfach? Zweifel sind angebracht

Männer verdienen mehr als Frauen. Das muss Diskriminierung sein. Ist es so einfach? Zweifel sind angebracht

Die Analysen, mit der potenzielle Diskriminierung beim Lohn festgestellt werden, überzeugen viele Experten nicht. Auch KMU-Besitzer ärgern sich über die Methoden, mit denen Lohnungleichheit gemessen werden soll.

image
von Sebastian Briellmann am 1.7.2021, 05:50 Uhr
Frauen verdienen oft weniger als Männer, weil sie in Tieflohn-Berufen arbeiten. Foto: Shutterstock
Frauen verdienen oft weniger als Männer, weil sie in Tieflohn-Berufen arbeiten. Foto: Shutterstock
Überall herrscht Ungleichheit, wird gerne lamentiert, und eigentlich überall, wo diese Ungleichheit herrscht, seien es die Frauen, die benachteiligt sind. Ein Dauerbrenner ist die Lohndiskriminierung. Mantraartig fordern Politiker (vor allem von links): «So gehts nicht: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.» Da wird wohl niemand etwas dagegen haben, Lohngleichheit ist zudem im Gesetz verankert.
Es stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt noch Lohndiskriminierung?
Klar ist: Es gibt eine Ungleichheit. 11,5 Prozent verdienen Männer mehr als Frauen. Davon lassen sich laut Bundesamt für Statistik (BfS) aber mehr als die Hälfte (55 Prozent) erklären, gehen also in Ordnung. Die restlichen 45 Prozent sind demzufolge «potenziell diskriminierend». Das BfS orientiert sich dabei an «objektiven Faktoren wie Anzahl Dienstjahre, Bildungsniveau, Anforderungsprofil oder Branche».

Äpfel und Birnen

An dieser Berechnung gibt es jedoch schon lange Kritik. Das ist dem Bund aber egal: Seit letztem Juli gilt das revidierte Gleichstellungsgesetz, das Firmen mit mindestens hundert Angestellten dazu verpflichtet, solche Lohngleichheitsanalysen in ihrem Betrieb durchzuführen. Stichtag war gestern.
Das brachte viele Unternehmen, vor allem KMU, an den Anschlag. Sie machten darauf aufmerksam, dass sie gar nicht «gerecht» zahlen können, weil etwa ungelernte Produktionsmitarbeiter oder Hilfsköchinnen in derselben Kategorie eingeteilt werden wie ungelernte Bauarbeiter, die auch ungelernt deutlich mehr verdienen. Kurz: Es werden Äpfel mit Birnen verglichen.
Auch Arbeitsmarkt-Professor George Sheldon ist ein Kritiker der Lohngleichheitsanalyse: Der NZZ sagte er: «Die ‘objektiven Faktoren’, die für den Lohnvergleich herangezogen werden, sind nicht abschliessend definiert und geklärt. Die heutigen Berechnungsmethoden sind wissenschaftlich gesehen bestenfalls ein Versuch, eine allfällige Lohndiskriminierung zu messen.»

«Es ist naiv, ja dilettantisch zu glauben, dass man eine Diskriminierung mit Gesetzen und Gerichtsurteilen einfach abschaffen kann»

George Sheldon, Universität Basel

Und Sheldon sagt auch: «Man glaubt, dass es eine Diskriminierung der Frauen beim Lohn gibt, und man will sie bekämpfen. Dafür schafft man ein Gesetz, und die Gerichte brauchen Begrifflichkeiten, die sie juristisch handhaben können.» Aber es sei naiv, ja dilettantisch zu glauben, dass man eine Diskriminierung mit Gesetzen und Gerichtsurteilen einfach abschaffen könne. «Ich glaube viel mehr an die Kraft schwindender Vorurteile.»
Es ist weiter durchaus fragwürdig, wieso zum Beispiel die Berufserfahrung nicht mitgezählt wird. Dass diese eine äusserst wichtige Referenz für die Produktivität ist, zeigt sich etwa bei den Piloten, bei denen die Flugstunden zählen, oder bei den Chirurgen, bei denen die Anzahl der Operationen zählt. Wer würde sich schon gerne von einem Anfänger am offenen Herzen operieren lassen?
Wenn solche wichtigen Faktoren ignoriert werden, wirken diese Gleichstellungsanalysen wie teurer Unfug. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) widerspricht auf Anfrage, konkret im Beispiel des Piloten: «Ohne die spezifisch erforderliche Erfahrung ist man nicht für die Funktion eines Piloten qualifiziert; das heisst, die Erfahrung ist Zugangsvoraussetzung für solche anspruchsvollen Funktionen. Entsprechend sind diese in Funktionsbewertung und Funktionslohn abgebildet.»

Wird die Diskrimierung überschätzt?

Dasselbe gelte auch für andere Berufe – etwa bei Chirurgen, bei denen sich eine geforderte Erfahrung in unterschiedlichen Funktionen niederschlage. Die Erfahrung lasse sich zudem über das Dienstalter oder über die potentielle Arbeitserfahrung in einer Analyse abbilden.
Zur Kritik der KMU-Unternehmer heisst es dagegen lapidar: KMU sei oftmals nicht bewusst, dass «auch unterschiedliche Funktionen gleichwertig im Sinne des Gesetzes beziehungsweise der Verfassung sein können und ihnen somit ein gleicher Funktionslohn zusteht.» Das heisst wohl, dass alles in Ordnung wäre, wenn diese Unternehmer einfach mit den Tools des Bundes arbeiteten. Ob es so einfach ist?

Frauen sind auch eher bereit als Männer, eine nahe gelegene Stelle mit tieferem Lohn einer weiter entfernten mit höherem Lohn vorzuziehen.

Reiner Eichenberger, Universität Fribourg

Bereits 2014 kam ein Studie – im Aufrag der damaligen Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP) – zum Schluss, dass die effektive Berufserfahrung während der gesamten Berufskarriere, die Arbeitszeitmodelle, die Anzahl und der Zeitpunkt von Jobwechseln sowie die physische und psychische Belastung bei der aktuellen Stelle ein hohes oder sehr hohes Erklärungspotenzial für den restlichen Lohnunterschied hätten.
Lasse man diese Merkmale aus, werde die Lohndiskriminierung überschätzt. «Den unerklärten Anteil der Lohndifferenzen rein als Lohndiskriminierung zu interpretieren, ist auf Basis einer statistischen Analyse nicht möglich.» Der Bund schützt sich hier mit der Erklärung, man spreche ja nur von einer «potenziellen» und nicht einer «tatsächlichen» Diskriminierung. Dass Beamte diese aber oft als indiskutablen Fakt darstellen, lässt sich schwer bestreiten. Den Klageliedern der Politiker hat der Bund jedenfalls noch nie widersprochen.
Auf die erwähnte Studie beruft sich das EBG aber gern, wenn es um andere interessante Argumente bei der Erklärung von Lohnunterschieden geht – beispielsweise um den Ansatz von Reiner Eichenberger, Professor an der Universität Fribourg.
Er gibt in einem NZZ-Gastbeitrag zu bedenken, dass der Arbeitsweg eine völlig unterschätzte und unbeachtete Komponente bei Lohnunterschieden sei: «Viele Frauen mit Familie dürften im Durchschnitt eine stärkere Präferenz für kurze Pendelwege haben als Männer, weil es für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und auch aus Steuergründen – Mehreinkommen wird besteuert, Zeitersparnis nicht – vorteilhaft ist. Entsprechend ist nicht nur ihr Suchrayon für Stellen eingeschränkt, sondern sie sind auch eher bereit als Männer, eine nahe gelegene Stelle mit tieferem Lohn einer weiter entfernten mit höherem Lohn vorzuziehen.»

Gerichtshof der Moral

Das EBG sagt: «Der Arbeitsweg ist unwesentlich bei der Bestimmung des Arbeitswerts, der wiederum massgebend ist bei der Klärung der Frage, ob zwei Personen gleichwertige Arbeit leisten.» Das habe die Studie aus St. Gallen klar aufgezeigt – es handle sich nicht um einen «sinnvollen wissenschaftlichen Erklärungsfaktor». Auf die durchaus nachvollziehbaren Argumente Eichenbergers geht man nicht weiter ein.
Dieses Beispiel zeigt schön auf, dass Einspruch, Bedenken oder Vorschläge nicht gerne gehört werden beim Bund. Dabei wäre die Debatte wichtig, wie facettenreich Lohnunterschiede zustandekommen.
Wie es eher ausgehen dürfte, legt die Plattform respect8-3.ch der Gewerkschafts-Dachorganisation Travail Suisse nahe. Vorbildliche Unternehmen kommen auf eine «weisse Liste», die Sündigen werden auf einer «schwarzen Liste» gebrandmarkt. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, wer an den Pranger gestellt wird. Davor sollten die selbsternannten Jeanne d’ Arcs der Gleichstellung vielleicht nochmals überdenken, ob sich ihr Gerichtshof der Moral auch an eine faire Prozessordnung hält.
  • Schweiz
  • Diskriminierung
  • lohn
  • Gesellschaft
Mehr von diesem Autor
image

Nachwahlbefragung zum CO2-Gesetz: Die FDP hat ein Problem, der grüne Anstrich verblasst – die eigene Basis hat das Nein mitbesiegelt

image
Sebastian Briellmann, Heute, 16:00