Macht hoch die Tür für neue Industrie in Westeuropa!

Macht hoch die Tür für neue Industrie in Westeuropa!

Elon Musk baut in Berlin-Brandenburg eine neue Gigafactory. Grossartig – denkt man, denn in Westeuropa und insbesondere in Ostdeutschland sind Investitionen und Arbeitsplätze mehr als willkommen. Das ZDF brachte es allerdings fertig, das Projekt von Tesla ins schlechteste Licht zu rücken.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 6.4.2021, 08:00 Uhr
Elon Musk: Shutterstock
Elon Musk: Shutterstock
Industrie im «alten Europa». Was wurde in den letzten 30 Jahren nicht alles geschrieben über dieses Thema. Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Osteuropa. Auslagerung von Produktionsstätten nach China. Kaum noch neue, produzierende Industrie. Zu viele Vorschriften, Auflagen, Regulierungen. Zu hohe Steuern, zu wenig staatliche Flexibilität, viel zu viel Bürokratie – und oft genug auch öffentlicher Protest gegen neue Projekte, weil diese selbstverständlich immer Ressourcen benötigen und Mehrverkehr verursachen.
Westeuropa hat, weil es mit der Globalisierung nicht immer Schritt halten konnte (und leider auch nicht immer mithalten wollte), viel von seiner einstigen Attraktion eingebüsst. Das hat auch mit dem Wohlstandsniveau zu tun – und mit falscher Selbstsicherheit.
Gerade Ostdeutschland ist eine arg gebeutelte Zone. Auch 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind die wirtschaftlichen Differenzen zwischen Ost und West gross. Das ostdeutsche Bruttoinlandprodukt pro Einwohner liegt durchschnittlich bei nur knapp 70 Prozent des westdeutschen Werts. Das Institut der deutschen Wirtschaft berechnet einen Einheitsindex, der nicht allein auf die Wirtschaftsleistung pro Kopf abstellt, sondern weitere Indikatoren berücksichtigt. Das Institut bilanzierte unlängst: «Realistisch betrachtet werden die ostdeutschen Bundesländer in absehbarer Zeit nur zu den schwächeren Westländern aufschliessen können.»

Tesla schafft Arbeitsplätze

Und nun das. Tesla baut vor den Toren Berlins in Brandenburg eine neue Gigafactory, um dort Fahrzeuge, Batterien und Antriebe zu fertigen. Dass sich Elon Musk vor ein paar Jahren für diesen Standort entschieden hat, erstaunte. Viele Länder haben damals Tesla umgarnt, auch die Schweiz. Namentlich der Kanton Jura war zumindest für kurze Zeit im Gespräch. Der Bau der Fabrik in Grünheide wird bald fertig sein, und ab Sommer 2021 soll mit der Produktion des Model Y begonnen werden.
Welch tolle Geschichte für Brandenburg, Ostdeutschland, ja den Industriestandort Europa. Es entstehen bis zu 12’000 ganz unterschiedliche Arbeitsplätze: vom höchst qualifizierten Ingenieur bis zum Ungelernten braucht die Fabrik Arbeitskräfte. Tesla investiert Milliarden, Tesla wird Steuern bezahlen. Das Unternehmen aus Kalifornien ist möglicherweise Vorbild für weitere Akteure, die sich überlegen, wo sie investieren wollen.

ZDF äusserst einseitig

Das öffentlich-rechtliche ZDF hat unlängst eine Dokumentation ausgestrahlt über den Tesla-Bau in Grünheide. Der Film könnte als Musterbeispiel für einseitige Berichterstattung und Meinungsmache in die Geschichte des Fernsehens eingehen. Wer ihn sich angesehen hat, der gewinnt den Eindruck, dass hier ein Unternehmen am Werk sei, das sich um Bewilligungsprozesse foutieren würde. Wahr ist allerdings das Gegenteil: Tesla hat für den Bau der Gigafactory Berlin-Brandenburg die staatlichen Verfahren durchlaufen, die verlangt worden sind.
Daneben werden im Film im Wesentlichen drei Themen aufgegriffen: Wald, Wasser und Verkehr. Menschen, die im Umkreis zu wohnen oder den dortigen Wald zumindest für ihre Freizeitaktivitäten zu nutzen scheinen, sprechen erbost, niedergeschlagen und sogar mit Tränen in den Augen in die Kamera. Der Bau der Tesla-Fabrik scheint ihnen das Letzte abzuringen. Ganze Existenzen scheinen hier von Musk zerstört zu werden. Gezeigt werden hübsche kleine Bächlein im grünen Wald. Und verzweifelte Menschen. Die Fabrik, so wird suggeriert, macht einfach alles kaputt: den schönen Wald, die Ruhe, die Gesellschaft, die Wasserversorgung.
Ich habe mich gefragt: Kann das sein?

Glaubwürdigkeit an den Nagel gehängt

Dunkel erinnerte ich mich daran, dass die Tesla-Fabrik in Nevada mitten in der Wüste steht. Wie löst Tesla dort die Wasserfrage? Ich recherchierte ein klein bisschen und fand in relativ kurzer Zeit heraus, dass Tesla offenbar innovative Konzepte entwickelt hat, um die Wasserproblematik zu lösen. Lesenswert für jeden, der an Innovation glaubt und Fortschritt begrüsst. Tesla, so las ich andernorts, wolle dieselbe Menge an Bäumen, die für die Fabrik in Grünheide gerodet wurden, andernorts wieder aufforsten. Aber nicht mit «minderwertigen» Bäumen wie jenen in Grünheide aus der DDR-Zeit, sondern mit Bäumen, die besser zum brandenburgischen Ökosystem passen sollen.
Mit wenigen Klicks auf Google Earth versicherte ich mich der Tatsache (das wusste ich eigentlich, aber das ZDF hat mich komplett verunsichert), dass unmittelbar neben der Tesla-Fabrik die Autobahn A10 («Berliner Ring») verläuft. Sie verfügt dort meines Wissens über 6 Spuren. Und ich entdeckte gleichzeitig, dass unmittelbar südlich des Tesla-Grundstücks eine grosse Rodung besteht, die bereits mit vielen Hallen bebaut ist. Ich zoomte näher und sah, was es ist: Es sind grosse Verteilzentren von grossen deutschen Unternehmen und Logistikern, mit vielen Lastwagen davor… «Berliner Ring», Logistikzentren, Lastwagen? Gänzlich verkehrsfrei dürfte die Zone bei der Tesla-Fabrik bereits heute nicht sein.
Glaubwürdig scheint mir die ZDF-Dokumentation nicht zu sein. Ärgern tut mich das nicht. Es ist einfach gut zu wissen, wenn ich das nächste Mal das Zweite Deutsche Fernsehen einschalte. Wobei: Das werde ich dann wohl lassen.

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