Lockerungen des Bundesrats. Ein schönes Zeichen – aber für überschwängliche Freude reichen sie nicht aus

Lockerungen des Bundesrats. Ein schönes Zeichen – aber für überschwängliche Freude reichen sie nicht aus

Der Bundesrat lockert mehr als erwartet. Das ist gut. Damit sollten wir uns aber nicht zufriedengeben. Es ist noch ein weiter Schritt, bis wir die «Rückkehr zur Normalität» erreicht haben.

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von Sebastian Briellmann am 26.5.2021, 13:56 Uhr
Bald wieder möglich: Im Restaurant drinnen dinieren. Foto: Shutterstock
Bald wieder möglich: Im Restaurant drinnen dinieren. Foto: Shutterstock
Nun also ist die Zeit des Optimismus angebrochen, wenn man den Worten von Bundesrat Alain Berset Glauben schenkt. Nicht nur positive Botschaften, sondern einen schönen Strauss an Öffnungsschritten hat der SP-Magistrat an diesem Mittwoch mitgebracht: Restaurants dürfen auch drinnen endlich wieder ihre Gäste bedienen, maximal vier pro Tisch, dafür draussen neu sechs. Home-Office ist keine Pflicht mehr, sondern eine Empfehlung, wenn das Unternehmen mindestens einmal pro Woche testet. Und für Veranstaltungen gelten höhere Kapazitätsbeschränkungen: Private Treffen sind drinnen für 30 Personen erlaubt (bisher: 10), draussen sind es neu 50 (bisher: 15).
Amateursportler dürfen wieder Wettkämpfe bestreiten, Chöre draussen Konzerte veranstalten und Wellnesser dürfen, nun ja, wieder wellnessen. Grossanlässe mit 10’000 Personen sollen schneller wieder möglich sein (ab 20. August) – und Geimpfte müssen nach der Rückkehr von einer Reise nicht mehr in die Quarantäne (ausgeschlossen sind Länder mit «besorgniserregenden Virusvarianten»).
Man darf konstatieren: Der Bundesrat hat geschickt agiert. Er hat ein paar Lockerungen angekündigt, danach weitere Öffnungen durchsickern lassen. Und dann tritt Alain Berset auf – und verkündet noch viel weitgehendere Massnahmen.

Noch immer im Ausnahmezustand...

Das ist tatsächlich ein optimistischer Weg, den die Regierung geht; einer, der nicht so recht passen will zu den warnenden Experten, von denen viele der Taskforce angehören, die tagein, tagaus mit apokalyptischem Sound vor der Katastrophe warnen. Gut so.
Einen Grund für überschwängliche Freude gibt es aber nicht. Noch immer schränken uns viele Regeln ein, sind gewisse Anlässe nicht durchführbar, muss immer eine Maske griffbereit sein, ist ein Besuch in der Disco nichts mehr als ein Wunschtraum.
Ein Beispiel: Der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) weist mit Recht darauf hin, dass für KMU eine Testpflicht einem bürokratischen Kraftakt gleichkommt. Mit Normalität hat das wenig zu tun, bei aller spontanen Freude. Der SGV skizziert auch verständliche Forderungen, die uns dem alten Leben näherbringen würden: Die besondere Lage auflösen und der wissenschaftlichen Taskforce den Auftrag entziehen. Das wäre in der momentanen Situation durchaus vertretbar.
Aktuell bleibt es aber beim Ausnahmezustand. Die Normalität, wie wir sie kennen, mit der wir leben wollen, ist noch weit entfernt. Nur weil wir langsam vergessen, wie ebendiese einst ausgesehen hat, sollten wir uns dennoch mit nichts weniger zufriedengeben.

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