Lockdown-Rechnung: Harte Kritik an der Taskforce

Lockdown-Rechnung: Harte Kritik an der Taskforce

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von Sebastian Briellmann am 31.3.2021, 09:13 Uhr
Die Wirtschaft ist heruntergefahren – hier ein geschlossenes Restaurant in Bern. Foto: Shutterstock
Die Wirtschaft ist heruntergefahren – hier ein geschlossenes Restaurant in Bern. Foto: Shutterstock
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Die Kosten-Nutzen-Rechnung der Taskforce stützt die Massnahmen des Bundesrats. Zwei renommierte Gesundheitsökonomen widersprechen heftig.

Die Ökonomen in der Corona-Taskforce haben im Januar ihre Kosten-Nutzen-Rechnung vorgestellt. Ihre Bilanz: Die Massnahmen des Bundesrats wurden für sinnvoll befunden. Sie werden es heute noch. Alles gut also?
Zwei renommierte Gesundheitsökonomen sehen das anders. Die Liste der Verfehlungen und Versäumnisse der Behörden ist lang. Stefan Felder von der Universität Basel bemängelt zunächst die Trödelei: «Wer, wenn nicht die Ökonomen, könnten Gegensteuer zu den Forderungen der Epidemiologen geben, die nur auf die Gesundheitseffekte schauen. Stattdessen haben sie das ganze Jahr über geschwiegen und kamen vor zwei Monaten mit dem Papier raus, mit dem sie den Lockdown abnickten.»
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Ein wichtiger Grund für die Bilanz der Taskforce: Sie orientiert sich an der Restlebensdauer – und geht davon aus, dass die Verstorbenen durchschnittlich noch sechs Jahre gelebt hätten. Felder hält das für unrealistisch, 15 Monate seien es schon eher. Das ist die durchschnittliche Zeit, die Personen in einem Pflegeheim noch vor sich haben. Und: «Die Taskforce ignoriert, dass auch Personen gestorben sind, die ohnehin gestorben wären – und dass die grosse Mehrheit mindestens zwei, drei schwere Vorerkrankungen hatte.»

«Kosten höher als Nutzen»

Auch Konstantin Beck, Gesundheitsökonom der Universität Luzern, ist seit Beginn ein Kritiker der bundesrätlichen Strategie. Seine Berechnungen haben eine noch tiefere Lebenserwartung festgestellt: Bei den in der ersten Welle Verstorbenen 65- bis 80-Jährigen habe sie noch ein Vierteljahr betragen. Zur Einordnung: In die Bilanz sind zum Beispiel auch Menschen gekommen, die an Krebs im Endstadium gelitten haben. Obschon die Restlebensdauer bedauerlicherweise nicht mehr hoch war, habe man gemäss Beck auch bei ihnen noch gegen Corona gekämpft.
Becks durchaus resignierte Bilanz: «Es gilt die Umkehrung eines berühmten Churchill-Zitats: Nie zuvor haben so wenige so vielen so wenig zu verdanken gehabt.»
Auch die Wirkung eines Lockdowns werde von der Taskforce beschönigt, sagt Beck: «Bereits in der sechsten Woche waren die zusätzlichen Kosten höher als der zusätzliche Nutzen. Und als Kosten wurde nur der Rückgang im Bruttoinlandsprodukt berücksichtigt.» Nicht eingerechnet seien andere Kosten, etwa die gestiegene Staatsverschuldung.

«Die Qualität der Daten ist unterirdisch»

Ein grosses Problem auch der Umgang mit den zur Verfügung stehenden Daten, sagen die beiden Gesundheitsökonomen. Felder und Beck sind sich einig, dass niemand böswillig agiere. Wenn aber immer wieder eine andere Kennzahl im Vordergrund stehe oder beim R-Wert laufend nachkorrigiert werden müsse, verliere die Bevölkerung den Überblick. Letzte Woche habe ein Kollege Becks in den Spitälern nachgefragt: «Wieviel Prozent der Corona-Patienten sind hier gestorben?» Die Antwort, sagt Beck, sei ernüchternd: «Viele haben keinen Dunst. Es gibt so viele Daten, aber die Qualität ist unterirdisch. Wieso? Fehlt der Wille zur Aufklärung?» (sb)

Kommt dazu: Auch Lerndefizite werden laut Studien nie mehr vollständig aufgeholt. Weiter hat die Universität Basel in einer gross angelegten Umfrage herausgefunden, dass der Anteil von Befragten mit schweren depressiven Symptomen vor der Pandemie drei Prozent betrug, während des Lockdowns im April bereits neun Prozent – und im November auf 18 Prozent angestiegfen ist.
Konstantin Beck sagt: «Das ist, obschon es nicht lustig ist, ein Witz.»

«Höchste Zeit für Öffnung»

Auch Felder sagt, dass die Taskforce keine realistischen Szenarien skizziert. Die Taskforce unterstelle, dass die volkswirtschaftlichen Kosten proportional zur Dauer des Lockdowns verlaufe. Realistischer aber ist für den Gesundheitsökonomen eine progressive Steigung – da viele Unternehmen eine gewisse Zeit ohne grösseren Schäden überbrücken könnten, bei längerem Lockdown jedoch in arge Schwierigkeiten gerieten. Dass die Menschen von sich aus auf die steigenden Infektionszahlen reagiert haben, verschlechtert das Nutzen-Kosten Verhältnis des staatlichen Eingriffs zusätzlich.
Hände waschen, Abstand halten, Kontakte bewusst minimieren: Das sind alles Vorgänge, die sich positiv auf die Rechnung ausgewirkt haben – ganz ohne Massnahmen des Bundes.
Felder schlussfolgert: «Wir verlieren weiterhin über eine Milliarde Franken pro Monat an Wertschöpfung. Das geht so nicht weiter. Es ist höchste Zeit für die Öffnung.»
Aber ist es nicht so, dass das alles gar nicht zählen darf, da die Frage, wie viel Wert ein Menschenleben hat, viel Widerstand auslöst? Beck sieht das anders: «So ist die Frage falsch gestellt. Der Wert eines Lebens ist nach christlicher Auffassung transzendent. Ein Ökonom kann dazu nichts sagen.»

«Verhältnisblödsinn»

Er erklärt, was Ökonomen tun. Wenn sie sagen, dass ein Lebensjahr 200’000 Franken wert sei, dann sagen sie nur, dass die Gesellschaft bereit und in der Lage ist, zur Verlängerung eines Lebens um ein Jahr den genannten Betrag aufzuwenden. Das heisst also: Wäre die Schweiz unglaublich viel reicher, könnte dieser Wert auch bei einer Milliarde pro Lebensjahr liegen. Beck sagt: «So reich sind wir aber nicht.»
Warum aber tun wir uns so schwer mit einer kritischen Betrachtung? Manchmal entsteht der Eindruck, wir strebten nach Unsterblichkeit.
Beck hat dies in der Debatte ebenfalls festgestellt: «Wir haben den Tod völlig verdrängt, es finden keine Jenseits-Überlegungen in unserer säkularisierten Gesellschaft mehr statt.» Eine Gesellschaft müsse gewisse Risiken in Kauf nehmen können, sonst könne sie nicht mehr existieren. Wäre die Gefahr, die vom Virus ausgeht, für alle gleich, würden auch alle mitmachen, sagt Beck: «Aber wenn weit über 90 Prozent der Bevölkerung kaum gefährdet ist, sind die rigorosen Massnahmen Verhältnisblödsinn.»
Wenn man nur noch auf das nackte Überleben im Hier und Jetzt setze, raube man gerade den Senioren in den Heimen das, was Farbe in ihre letzten Tage bringe: «Im Strafvollzug nannte man das früher ‹Isolationsfolter›. Heute heisst das ‹Schutz der Vulnerablen›.»
Was bleibt von dieser Krise? Was werden die Menschen in 30 Jahren über unsere Pandemie-Bewältigung sagen? Konstantin Beck, der manchmal fast verzweifelt ob der Unverhältnismässigkeit der Massnahmen, sagt: «Ich glaube, sie werden uns auslachen.»
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