Linksfeministischer Tunnelblick

Linksfeministischer Tunnelblick

image
von Claudia Wirz am 18.3.2021
Den Frauen in der Schweiz geht es schon fast unverschämt gut. Und trotzdem gibt es für manche ständig Grund zur Klage.
Den Frauen in der Schweiz geht es schon fast unverschämt gut. Und trotzdem gibt es für manche ständig Grund zur Klage.
  • Politik
  • Schweiz

Die späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz hat mehr mit der direkten Demokratie zu tun als mit einer angeblichen Rückständigkeit der Männer. Eine Ausstellung im Landesmuseum geht darauf kaum ein.

Was mussten sich die Schweizer Männer in den vergangenen Monaten von den Medien alles anhören! Ewiggestrig seien sie beziehungsweise ihre Väter und Vorväter bis in die Siebziger Jahre gewesen. Mit spiessbürgerlichem Kleinmut hätten sie – abgesehen von ein paar meist sozialdemokratischen Lichtgestalten – den Schweizerinnen bis 1971 das Stimm- und Wahlrecht verwehrt und die Frauen ins Haus verbannt. «Kein Ruhmesblatt für unser Land», meint Moderator Franz Fischlin in der «Tagesschau» von SRF.

Schwarz-weisse Perlen

Wer kennt sie nicht – die immer gleichen Archivperlen des Schweizer Fernsehens SRF, die die vermeintliche Rückständigkeit der Schweizer Männer dokumentieren und dem postmodernen Publikum regelmässig wie eine Humoreske vorführen; hier der dickliche rauchende Mann mit Mütze, der – sekundiert von seiner dümmlichen Ehefrau – meint, er sei aus Prinzip gegen das Frauenstimmrecht; dort der urige Autofahrer aus Schwyz, der findet, die Frau habe schon im Haus genug zu tun.
Es versteht sich von selbst, dass diese Archivperlen auch in der Ausstellung «Frauen.Rechte – von der Aufklärung bis in die Gegenwart», die bis zum 18. Juli im Landesmuseum gezeigt wird, nicht fehlen dürfen. Denn sie passen trefflich ins linksfeministische Narrativ, das diese Ausstellung wie ein roter Faden durchzieht.
Wer sich schon anderweitig mit dem Thema beschäftigt hat, wird in dieser Ausstellung nicht viel Neues lernen, aber dafür umso mehr alte Halbwahrheiten wiederfinden. So kann die Besucherin etwa erfahren, dass Russland im Unterschied zur Schweiz das Frauenstimmrecht schon 1918 eingeführte. Dass die Sowjetunion aber gar keine Demokratie war, muss man selber wissen. Das ist bedauerlich, zumal die Ausstellung für viele Schulklassen Pflichtübung sein dürfte.
Auch die deutsche Kommunistin Clara Zetkin darf nicht fehlen, schliesslich hat sie den «Tag der Frau» erfunden. Dass sie darüber hinaus eine treue Parteisoldatin Stalins war, im Moskauer Schauprozess von 1922 als Anklägerin die Todesstrafe für Regimekritiker forderte und die Taten des Felix Dserschinski, des Leiters des «Roten Terrors» durch die Geheimpolizei, als «beispielhaft» lobpreiste, erfährt man nicht. Man möchte sich ja nicht die gute Laune verderben.

Rot und Lila

Der Rundgang beginnt akustisch, namentlich mit dem Singsang einer jungen Frau. Es ist der Soundtrack zu Pipilotti Rists Videoinstallation «Ever is over all». Im Video sieht man eine über beide Ohren strahlende junge Frau, die mit einer überdimensionierten Kunstblume die Scheibe eines parkierten Autos einschlägt. Die vorbeikommende Polizistin strahlt zurück und salutiert in Zustimmung, statt einzugreifen. Ob das Auto wohl einer Frau gehört?
Sodann führt der Rundgang von der Französischen Revolution bis hin zu Frauenstreik und Pussy-Hat. Es brauchte in der Tat lang, bis die Erkenntnis reifte, dass Menschenrechte auch Frauenrechte sind. Die frühe Frauenrechtlerin Olympe de Gouges starb in Paris auf der Guillotine. In der Schweiz, lernen wir, waren es vor allem die organisierten Arbeiterinnen, die sich anfangs gegen die Ungleichbehandlung der Frauen in Bildung, Erbrecht, Eherecht und Stimmrecht wehrten. Allerdings waren auch viele Frauen des Bürgertums, Unternehmerinnen und bürgerliche Frauenorganisationen daran beteiligt, wie man bei der Installation mit den «Pionierinnen» feststellen kann.
Je näher man der Moderne kommt, desto mehr dominieren das Rot der Gewerkschaft Unia und das Lila des Frauenstreiks das Bild und man verlässt die Ausstellung mit dem Eindruck, dass die Schweiz nach wie vor ein frauenpolitischer Unrechtstaat sei.
Doch das ist ein Trugbild. Die Schweiz ist eines der demokratischsten Länder der Welt. Sie hat als erstes Land das Frauenstimm- und Wahlrecht per Volksabstimmung eingeführt. Dafür, dass 1971 eine Mehrheit der Männer für die Einführung des Frauenstimmrechts votierte, gebührt den Männern Anerkennung, nicht Häme. Überdies war die Schweiz in vielerlei Hinsicht weit fortschrittlicher als seine Nachbarn. Die Universität Zürich galt im 19. Jahrhundert als liberalste Bildungsstätte Europas und liess schon 1864 Frauen zum Studium zu. Die erste promovierte russische Ärztin hiess Nadeschda Suslowa. Studiert hatte sie in Zürich.
Ähnliche Themen