Liberale Helden: James Madison und George Mason

Liberale Helden: James Madison und George Mason

Die USA waren nie liberal. Wie die Gründerväter im Clinch mit sich selbst waren.

image
von Henrique Schneider am 5.1.2022, 19:00 Uhr
Zwei liberale Kolosse: James Madison, vierter Präsident der USA – und Goerge Mason, Erfinder der individuellen Freiheitsrechte. Fotos: Keystone/Wikipedia
Zwei liberale Kolosse: James Madison, vierter Präsident der USA – und Goerge Mason, Erfinder der individuellen Freiheitsrechte. Fotos: Keystone/Wikipedia
Hartnäckig hält sich das Bild: Aufgeklärte Herren kommen zusammen. Von steuerlicher und politischer Unterdrückung angewidert, erklären sie sich für unabhängig. Selbstbestimmtes Leben und Freiheit dienen ihnen als Richtschnur. Alles schön – aber doch zu romatntisch. Seit ihrem Entstehen sind die USA dem grossen Staatsapparat und der interventionistischen Staatspolitik verpflichtet. Eine Entdeckungsreise mit zwei Gründervätern verdeutlicht dies.
Zwei liberale Kolosse in der Geschichte der USA – so gross, dass sie nur wenige kennen: James Madison (lebte von 1751 bis 1836) war Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Er gilt gemeinhin als Vater der Staatsverfassung und war Berater von George Washington, Aussenminister unter Thomas Jefferson sowie selbst vierter Präsident der USA.
George Mason (lebte von 1725 bis 1792) war nicht-uniformierter Unabhängigkeitskämpfer, «Erfinder» der individuellen Freiheitsrechte, Nicht-Unterzeichner der US-Verfassung und Nicht-US Präsident. Und obschon Mason dem Liberalismus viel treuer blieb, als Madison es je war: Geirrt haben sie sich beide.

Im Verfassungsclinch

Beide Herren hatten gleiche Ziele und gleiche Sorgen. Nach der Unabhängigkeit erkannten sie schnell: Die Erklärung war nicht das Papier wert, auf dem sie stand. Einzelne Unionsstaaten wollten keinen Freihandel; andere enteigneten im grossen Stile; noch andere waren Beute in den Händen mafiöser Strukturen. Deshalb drängten beide Farmer aus Virginia auf einen gemeinsamen Föderalstaat mit einer gemeinsamen Verfassung.
Beide wussten aber: Staaten sind immer eine Form der Unterdrückung. Warum lange für Freiheit kämpfen, um sich dann wieder unterjochen zu lassen? Ihre Antwort darauf, warum es einen Staat braucht, ist symptomatisch für viele Liberale: Den demokratischen Rechtsstaat braucht es, um die Freiheiten zu garantieren.

Liberale Helden

Bisher erschienen:
1) Was ist liberal? 2) Sir John James Cowperthwaite

Das Problem: Wie kann ein Staat Freiheiten garantieren, ohne selbst machtgierig zu werden? Masons Antwort: Mit einem Katalog von Grundrechten. Doch Madison setzte sich mit dem Gegenkonzept durch. Er wollte keinen Grundrechtskatalog, sondern die Gewaltenteilung. Mason weigerte sich daraufhin, eine Verfassung ohne Grundrechtezusicherung zu unterschreiben und warb fortan gegen ihre Annahme. Auch hier setzte sich Madison durch.

Madisons Inkonsistenz

Madison zeigte schon früh seinen Hang zu Inkonsistenz. Immer wieder liess er seine liberalen Überzeugungen zu Gunsten des starken Staates, oder eben der Realpolitik, fallen. Kaum war die Verfassung entworfen, hielt er sie für einen schwachen Kompromiss. Trotzdem warb er für sie und scheute sich nicht, mit Leuten zusammenzuspannen, die den neu gegründeten Staat als Mittel für ihre persönliche Bereicherung sahen.
Schon wenige Monate nach Inkraftsetzung der Verfassung bemerkte Madison seinen Fehler. Einige Gliedstaaten wollten nichts von individuellen Rechten wissen. So machte er sich daran, den Grundrechtskatalog (die heutigen Amendements) zu formulieren. Er ließ sich dabei von Mason inspirieren, machte aber den Fehler, Freiheitsrechte nicht eindeutig als Abwehrrechte der Individuen gegenüber dem Staat zu formulieren. Damit wurden indirekt Staatsaufgaben kreiert.
Die Inkonsistenzen Madisons setzten sich fort. Im Prinzip war er gegen staatliche Schuldenwirtschaft; als Aussenminister und Präsident entdeckte er seine Liebe für rote Zahlen. Im Prinzip war er gegen eine staatliche Zentralbank; er gründete selbst eine Vorläuferinstitution. Im Prinzip war er gegen ein stehendes Heer; die Armee wurde von ihm aufgestockt. Im Prinzip befürwortete Madison den Freihandel; Schutzzölle, Subventionen und Planwirtschaft verfügte er mit seiner Unterschrift.

Masons Widersprüche

Aber auch Mason war nicht frei von Problemen. Es ehrt ihn: Er weigerte sich, irgendeiner Korporation anzugehören. So kämpfte er für die Unabhängigkeit, weigerte sich aber, Uniformen zu tragen. Er war Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung, wollte aber das – wie nur er es erkannte – freiheitsfeindliche Dokument nicht unterzeichnen. Er wollte sogar der Sklaverei ein Ende setzen, doch er weigerte sich, einer abolitionistischen Bewegung beizutreten.
Wegen seiner Prinzipientreue war Mason auch stur. Ihm wurde die Präsidentschaft der USA angeboten. Ihm war es auch bewusst: Seine Kandidatur würde vor allem die Bande um George Washington, die den Staat als Vehikel persönlicher Bereicherung ansah, stoppen. Doch er wollte mit den USA nichts zu tun haben. Washington wurde Präsident, John Adams folgte. Die USA wurden zum Selbstbedienungsladen der Interventionisten. Selbst der Realpolitiker Madison beschrieb diese Zeit als «Herrschaft der Hexen».
Auch in seiner Konzeption von Grundrechten war Mason widersprüchlich. Statt sie als reine Abwehrrechte zu gestalten, liess er es offen, ob der Staat nicht doch aktiv werden müsste, um Grundrechte zu garantieren. Was bedeutet es beispielsweise, wenn alle ein Recht auf Gleichheit haben? Muss der Staat von sich aus diese Gleichheit herstellen? Mason dachte, es sei Sache der Demokratie, darüber zu befinden. Er sah aber nicht, dass die Demokratie sich auch gegen das Individuum entscheiden kann.

Herren mit Prinzipien

Madison und Mason waren zwei der «liberalsten» Gründerväter der USA. Aber auch sie waren in vielem weit vom Liberalismus entfernt. Der Clinch, in dem sie lebten, war dauerhaft. Die Zugeständnisse musste Madison machen, um sich gegen partikularistische und interventionistische Interessen zu wehren. Er musste den Liberalismus extrem zurechtbiegen, damit die USA noch ein bisschen liberal blieben. Mason wollte nicht so weit gehen und überliess das Feld den anderen – «punks and crooks» nannte er sie.
Doch der Clinch war vor allem einer mit sich selbst. Beide Herren hatten Prinzipien. Und ihnen war es bewusst, dass sie im Dauerkonflikt mit ihren eigenen Überzeugungen lebten. Aber das andere gefiel ihnen auch. Mason war gerne der Rebell. Er profitierte zeitlebens davon, weil ihm eine Wählerschaft und Kundschaft deswegen treu ergeben war. Madison war gerne Realpolitiker, weil er gerne im Zentrum der Macht stand. Die USA ohne seine aktive Rolle waren für ihn nicht vorstellbar.
Und diese USA der Herrn Madison und Mason waren nie ganz liberal. Manche mögen nun einwenden: Liberaler als die europäischen Nationen waren die Staaten allemal. Nun, das stimmt. Es ist aber auch nicht so schwer.

Literatur
Cheney, Lynne. James Madison: A life reconsidered. New York (2014).
Hamilton, Alexander, et al. The federalist papers. Oxford (2008).
Madison, James. The Writings of James Madison. New York (1906).
Mason, George. The papers of George Mason: 1725-1792. Raleigh (1970).

Mehr als Helden: Menschen

Wer ist liberal? Gibt es nicht-westliche Erscheinungsformen des Liberalismus? Diese Sammlung von Portraits von Henrique Schneider zeigt die Diversität des breit verstandenen Liberalismus. Und er ist nicht nur abhängig vom kulturell-geschichtlichen Kontext. Zuerst erschienen die Portraits in: Henrique Schneider: Mehr als Helden: Menschen, Lichtschlag, 2017 (Link). Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Urhebers.

Mehr von diesem Autor

image

Ein Wort mit vielen Einsatzmöglichkeiten

Renate Gerlach21.1.2022comments
image

Offener Brief an Simonetta Sommaruga: Bitte kehren Sie zu den Fakten zurück, Frau Bundesrätin

Peter Weigelt und Philipp Gut20.1.2022comments

Ähnliche Themen