Lemminge mit Suizidabsicht? Geht gar nicht auf Facebook

Lemminge mit Suizidabsicht? Geht gar nicht auf Facebook

Die Anstrengungen von Facebook, eine saubere Plattform zu bleiben, wirken oft grotesk. Es bleiben Dinge stehen, die das wohl nicht sollten. Dafür werden sogar harmlose Inhalte entfernt. Ein deutscher Cartoonist hat sich nun einen Sport aus der Zensurpolitik von Facebook gemacht.

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von Stefan Millius am 2.5.2021, 07:48 Uhr
Der Cartoonist Joscha Sauer, Schöper von «Nichtlustig». (Bild: Kevin Damske / Wikimedia)
Der Cartoonist Joscha Sauer, Schöper von «Nichtlustig». (Bild: Kevin Damske / Wikimedia)
Joscha Sauer erreicht mit seiner Cartoonserie «Nichtlustig» ein riesiges Publikum im deutschsprachigen Raum. Er lässt sich dabei nicht auf ein Genre festlegen. Mal ist er albern, mal absurd, mal tiefschwarz. Aber immer ziemlich unpolitisch. Sauers Markenzeichen: Es gibt wiederkehrende Protagonisten in seinem Werk. Sehr beliebt beim Publikum sind Lemminge, die dauernd versuchen, kreativ zu sterben. Denn es gibt die – wissenschaftlich nicht erhärtete – These, dass Lemminge zum Gruppenselbstmord tendieren.

Bonuspanel als Geschäftsidee

Facebook ist für den Deutschen inzwischen ein wichtiger Vertriebskanal. Dort veröffentlicht Sauer seit einiger Zeit ältere Cartoons kostenlos und bietet dazu ein kostenpflichtiges «Bonuspanel», das eine Art Fortsetzung des ersten Bilds ist. Den Reaktionen zufolge stösst das auf Anklang.
Am 28. April 2021 artete diese Idee für den Zeichner aber in Arbeit aus. Denn Facebook löschte seinen neuesten Cartoon. Weil das wie meistens ohne genaue Begründung passiert – die Rede war von einer Verletzung der Gemeinschaftsstandards – kann man den Grund nur vermuten.
Es dürfte wohl damit zu tun haben, dass Joscha Sauer wieder einmal einen Lemming den Freitod suchen liess. Und Facebook mag nichts, was im Entferntesten suizidale Gedanken triggern könnte. Das ist grundsätzlich vorbildlich, im konkreten Fall aber eher albern aus.
So sah der Originalcartoon aus:
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Cartoon: Joscha Sauer
Es war keineswegs der erste «Nichtlustig»-Lemming auf Facebook – aber der erste, der gelöscht wurde. Offenbar ist der Algorithmus des sozialen Mediums eben doch nicht so schlau. Einen Lemming, der sich als Banane verkleidet und in ein Gorilla-Gehege schleicht, erkannte das System beispielsweise nicht als Suiziddarstellung – ein Seil um den Hals wie in dieser Zeichnung aber schon.

Immer wieder neue Variationen

Joscha Sauer war gemäss der Facebook-Chronologie zuerst baff, beschloss dann aber, es mit dem «Gegner» aufzunehmen. Er passte den Cartoon an – ohne genau zu wissen, wo das Problem lag – und lud ihn wieder hoch. Und wieder. Und wieder. Aber stets wurde der Beitrag in seiner neuen Variante wieder von den unsichtbaren Zensoren gelöscht.
Irgendwann hatte der Zeichner genug, und er begann, Facebook in der Gestalt von dessen Gründer Mark Zuckerberg persönlich einzubauen:
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Cartoon: Joscha Sauer
Auch das kam nicht gut an bei Facebook, auch diese Zeichnung verschwand kurz danach. Dasselbe Resultat, als Sauer noch einen draufsetzte:
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Cartoon: Joscha Sauer
Erst Versuch Nummer 10 war erfolgreich, dieser Beitrag schaffte es bisher, der Zensur zu entgehen – obwohl nach wie vor ein sterbewilliger Lemming und ein Seil im Spiel sind. Aber immerhin ist das Seil erst bereit und nicht um den Hals gelegt:
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Cartoon: Joscha Sauer
Die ganze Übung beschäftigte den erfolgreichen Künstler einen ganzen Tag lang. Was sich vielleicht sogar gelohnt hat, denn vermutlich haben ihm die Zensurbemühungen von Facebook sogar zu vielen neuen Fans verholfen. Schnell verbreitete sich nämlich die Kunde, dass hier ein Zeichner den Kampf gegen das soziale Medium aufgenommen hatte – und im hohen Rhythmus immer neue Variationen eines Cartoons publizierte. Sehr zur allgemeinen Belustigung. In diesem Tempo waren die «Nichtlustig»-Fans noch nie zu neuem Material gekommen.

Willkürliche Zensur

Die Kommentare seiner Fangemeinde gegenüber Facebook fallen entsprechend wenig freundlich aus. Nicht nur, weil der Bannstrahl ihren Liebling getroffen hatte, sondern weil die entsprechende Zensurpolitik ganz allgemein ziemlich willkürlich erscheint. Nackte Nippel gehen nicht, gezeichnete Selbstmord-Lemminge gehen nicht, gleichzeitig findet sich nach wie vor weit Schlimmeres auf Facebook, ohne dass man lange suchen muss.
Vielleicht war aber auch alles ganz anders. Die scherzhaft gemeinte These eines Lesers klingt heutzutage schon fast plausibel: «Das Problem ist, dass da nicht steht: Lemming-Gärtner*in. Facebook legt viel Wert auf genderneutral.»
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