Laptop und Handy überall: Wer schreibt noch von Hand?

Laptop und Handy überall: Wer schreibt noch von Hand?

Immer weniger Menschen greifen zu Papier und Bleistift. Schüler können kaum noch mit Füllfelder und Kugelschreiber umgehen. Deswegen verlieren sie wichtige motorische und kognitive Fähigkeiten, warnen Psychologen. Doch es gibt Lichtblicke, was die Zukunft der Handschrift angeht.

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von Alex Reichmuth am 19.10.2021, 18:00 Uhr
Karikatur: Clemens Ottawa
Karikatur: Clemens Ottawa
Donald Trump war erst wenige Tage im Amt, da liess der «Blick» im Februar 2017 ein graphologisches Gutachten des ungeliebten US-Präsidenten erstellen. «Blick wollte wissen: Was verrät die Handschrift des mächtigsten Mannes?», schrieb die Boulevardzeitung – und spannte Iris Meier ein. Anhand einer handschriftlichen Notiz samt Unterschrift fällte die Graphologin aus dem zugerischen Hünenberg ihr Urteil. Dieses fiel – man hatte es fast erwartet – ziemlich schlecht aus.

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Handschrift des früheren US-Präsidenten Donald Trump

Trumps Unterschrift sei «wie ein dichter Zaun, ja, wie eine Mauer», sagte Meier. «Da gibt es kein Durchkommen.» Trump wolle sich «durchstampfen». Seine Unterschrift können einem «Angst einflössen». Das übrige Schriftbild, beschied Iris Meier, zeige «Durchssetzungswillen, Lebensdrang, Geltungs- und Vorwärtsstreben». Es gehöre einem Menschen, der gerne vereinfache – sicher keinem Intellektuellen.

Handschriften sind einzigartig

Egal, ob sie von Intellektuellen stammen oder nicht: Handschriften faszinieren. Sie sind so individuell wie die Persönlichkeiten, die hinter ihnen stehen. Die Grösse, die Form, der Druck, die Spannung – alles ist einzigartig an der Handschrift. Kein Mensch kann die Schrift eines anderen Menschen nachahmen. «Die Handschrift ist wie ein Spiegel», sagt Marie Anne Nauer, Graphologin in Zürich. «Man sieht sich selber.» Nauer leitet das Institut für Handschriftwissenschaften und die zugehörige Akademie für Handschriftanalyse in Zürich.

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Handschrift des früheren US-Präsidenten Barack Obama

Manche Schriften sind charaktervoll und wunderschön. Andere sind kindlich und krakelig. Von «Sauklaue» spricht man bei einer speziell unleserlichen Schrift. Forscher der National Academy of Sciences in den USA haben errechnet, dass jährlich 7000 Menschen sterben, weil ihre Ärzte Rezepte ausgestellt haben, die man nicht entziffern kann.
Jede Schrift – und sei sie noch so hässlich – zeugt jedoch von einer Meisterleistung des Gehirns. «Schreiben von Hand ist ein motorischer, aber auch ein emotionaler und visueller Vorgang», sagt Nauer. «Es müssen viele Gehirnareale gleichzeitig aktiviert sein, damit er gelingt.»

Handschriftenanalysen sind aus der Mode gekommen

Graphologen sehen sich in der Lage, aus dem Schriftbild Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen zu ziehen. Früher gehörte zu jeder Bewerbung ein handschriftliches Schreiben, aus dem herausgelesen wurde, ob sich jemand für eine Stelle eignet. Doch je länger je mehr geht den Graphologen die Arbeit aus. Denn Handschriftanalysen bei Stellenbesetzungen sind aus der Mode gekommen. «Heute kommen sie fast nur noch bei Kaderpositionen zum Einsatz», sagt Sabine Grawehr, Graphologin aus Aarau.
Das schwindende Interesse hat mit dem Niedergang der Handschrift zu tun. Heute benutzt man Computer, Tablets und Handys, wo früher Papier und Kugelschreiber zum Einsatz kamen. Es wird getippt und gewischt statt geschrieben.

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Handschrift des Psychoanalytikers Sigmund Freud

Besonders augenfällig ist das Verschwinden des Handschriftlichen in der Schule. Unsere Eltern und Grosseltern lernten als Kinder noch stundenlang die Schnürlischrift. Heute sind Schönschreibübungen mit der Füllfeder passé. Sind Notizen nötig, zücken Schülerinnen und Schüler ihren Laptop. «Es ist Fakt, dass Jüngere weniger von Hand schreiben», betont Grawehr.

Viele Schüler haben Schwierigkeiten mit der Handschrift

Das hat Auswirkungen: Glaubt man den Aussagen von Erziehern, haben immer mehr Kinder Schwierigkeiten mit der Handschrift. «Schülerinnen und Schüler können heute tatsächlich nicht mehr so lange am Stück schreiben wie noch vor zehn Jahren», sagte Beat Zemp, damaliger Präsident des Schweizer Lehrerverbandes, 2019 gegenüber den CH-Media-Zeitungen.

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Handschrift von Bundesrat Alain Berset

Eine Umfrage in Deutschland des gleichen Jahres gab Zemp recht. Von 2000 befragten Lehrerinnen und Lehrer gaben 86 Prozent an, die Handschrift ihrer Schüler habe sich im Lauf der Zeit verschlechtert. Ein Drittel der Grundschulkinder und 43 Prozent der Schüler an weiterführenden Schulen hätten Schwierigkeiten mit der Handschrift.
Zu einem ähnlichen Resultat war bereits 2016 eine deutsche Studie gekommen, die im Fachblatt «Neuroscience and Education» publiziert worden war. Gemäss der Beobachtung von 1900 Lehrkräften hatten 30 Prozent aller Mädchen und 50 Prozent aller Knaben Probleme, flüssig zu schreiben. In den höheren Schulen seien 40 Prozent der Schüler nicht in der Lage, eine halbe Stunde lang ohne Schwierigkeiten durchzuschreiben. 53 Prozent der befragten Lehrer nannten die «fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation» als Ursache der Probleme (siehe hier).

«Uns fehlen die Vergleichswerte»

Viele Fragen bleiben jedoch offen. Ob tatsächlich mehr Schüler als früher Schwierigkeiten mit der Handschrift haben, ist nicht sicher. «Uns fehlen die Vergleichswerte», musste Christian Marquardt, Psychologe und Co-Autor der erwähnten Studie von 2016, gegenüber der «Zeit» eingestehen. Es fehlen zudem wissenschaftliche Beweise, dass die Digitalisierung wirklich die Ursache der Schreibprobleme ist.

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Handschrift der deutschen Kanzlerin Angela Merkel

Belegt scheint aber, dass der Niedergang der Handschrift mehr als nur ein emotionaler Verlust bedeutet. «Um sich den Inhalt eines Textes merken zu können, ist es besser, wenn man ihn von Hand aufschreibt», sagt Graphologin Sabine Grawehr.
Wissenschaftliche Ergebnisse bestätigen das. Im Rahmen einer amerikanischen Studie wurden 67 Studenten der Princeton-Universität angewiesen, den Inhalt einer Vorlesung entweder handschriftlich oder mit dem Laptop festzuhalten. Danach wurde der vermittelte Stoff geprüft. Die Studenten mit den handschriftlichen schnitten signifikant besser ab als diejenigen mit den Computer-Notizen. Die Studie erschien 2014 im Fachmagazin «Psychological Science» (siehe hier).

Handschrift fördert persönliche Entwicklung

Der allmähliche Abschied von der Handschrift hat möglicherweise noch weitreichendere Folgen. «Beim Tippen geht das Persönliche verloren», meint Grawehr. Der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer warnte 2012 in seinem Buch «Digitale Demenz» vor der Abkehr von der Handschrift. Denn durch das Handschriftliche erlernten Kinder motorische und kognitive Fähigkeiten für ihr ganzes Leben. Ohne diese Übung, so Spitzer, würden Menschen dauerhaft hinter ihren intellektuellen Möglichkeiten zurückbleiben.

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Handschrift von Bundesrat Ueli Maurer

Das Schreiben von Hand formt die Persönlichkeit und fördert die Entwicklung – dieser Meinung ist auch Graphologin Marie Anne Nauer. «In manchen amerikanischen Bundesstaaten ist die Handschrift an den Schulen ganz verschwunden», sagt sie. «Die Kinder haben dort gegenüber denen in anderen Bundesstaaten schon nach kurzer Zeit einen allgemeinen Entwicklungsrückstand von mehreren Jahren.»

Kalligraphie hat Hochkonjunktur

Sind die Handschrift und ihre positiven Wirkungen bald auch bei uns verloren? Nicht unbedingt – denn es gibt Hoffnung: Die Kalligraphie, also die Kunst des schönen Schreibens, hat Hochkonjunktur. Papeterien verdienen gutes Geld mit dem Verkauf von wertvollen Griffeln und schönem Briefpapier. Es scheint eine Gegenbewegung zum Niedergang der Handschrift zu geben.
Auch Marie Anne Nauer ist optimistisch: Ganz werde die Handschrift kaum verschwinden. «Ich höre von vielen Menschen, auch aus der akademischen Welt, dass sie stets ein Büchlein mit sich tragen, in das sie jederzeit handschriftliche Notizen machen können.» Solche Rückmeldungen machten ihr Mut.

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