Lachnummer Armee?

Lachnummer Armee?

Oberfeldarzt Andreas Stettbacher schlug wegen 2019-nCov frühzeitig Alarm. Im Bundesamt für Gesundheit (BAG) kamen die Warnungen nicht an. Dies berichtet der «Tages-Anzeiger». Wieder ein deutlicher Hinweis darauf, dass im BAG nicht alles zum Besten steht.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 29.6.2021, 18:59 Uhr
Bild: Webseite Schweizer Armee
Bild: Webseite Schweizer Armee
Die Schweizer Armee hat ein Imageproblem. Das öffentliche Narrativ ist relativ rasch zusammengefasst: Eine Miliztruppe, die kaum kampffähig wäre; eine allgemeine Wehrpflicht, der kein gesellschaftlicher Konsens mehr zugrunde liege; ein System, das in hohem Masse von der Gewährleistung von Sicherheit auf europäischer Ebene abhänge; eine Institution, die aufgrund fehlender realer Bedrohung zu teuer sei; und schliesslich eine Luftwaffe, die nur zu Bürozeiten einsatzfähig sei.
Dieses Narrativ wird fleissig am Leben erhalten, von pazifistischen Kreisen oder solchen, die grundsätzlich eine andere (meist: kleinere) Armee haben wollen. Zufälligerweise sind es genau jene Kreise, die sich regelmässig über die Luftwaffe lustig machen, die sich aktuell vehement gegen den Kauf neuer Kampfflugzeuge stellen. Merke: Politik ist häufig nicht mehr und nicht weniger als Bewirtschaftung eines Missstandes zu eigenen Zwecken.
Während sie schliefen
Dass die Schweizer Armee nicht so schlecht und so überflüssig sein kann, wie ihre Gegner es in ihren Erzählungen pflegen, zeigt nicht nur ein Blick auf die Einsätze der Luftwaffe. Die meisten wissen es nicht, aber es ist so: Fast täglich steigen Kampfjets über dem Schweizer Luftraum auf, um potentiell sicherheitsrelevante Aufklärungen zu tätigen. Auch die Lektüre des «Tages-Anzeiger» legt nahe, dass man in der Armee ziemlich fit ist. Jedenfalls zeigten sich Armeeverantwortliche am Anfang der Pandemie wesentlich realitätsbezogener als das BAG.
So belegt Journalist Fabian Fellmann in einer protokollarischen Recherche, dass Oberfeldarzt Andreas Stettbacher rechtzeitig Alarm schlug, das BAG aber nicht hinhörte. Mit anderen Worten: Die Armee funktionierte schon längst, während die Beamten noch schliefen. Der Bericht belegt erstmals, dass seitens der Armee bereits Anfang Februar 2020 absolut zutreffende Analysen und Einschätzungen gemacht wurden, die aber leider im BAG kein Gehör fanden. Warum nicht?
«Unter Kontrolle»
Oberfeldarzt Stettbacher schrieb in der Lagebeurteilung vom 24. Februar 2020 von einer erheblichen Zunahme des Risikos, dass Sars-Cov-2 in die Schweiz importiert wird. Unverständlich: Am gleichen Tag sagte der später fast zum Nationalheiligen emporstilisierte Daniel Koch vom BAG zur Taskforce, Italien sei «zurzeit noch als lokaler Ausbruch zu behandeln». Der «Tages-Anzeiger» zitiert aus dem Taskforce-Protokoll, gemäss diesem Koch am gleichen Tag Folgendes gesagt hat: «Virus wird nicht so leicht übertragen wie Grippevirus, darum gute Aussichten, die Situation unter Kontrolle zu bringen.»
Kurz zusammengefasst darf man festhalten: Eine krasse Fehleinschätzung. Und dies von jenen Experten beim Bund, die dazu da wären, eine Pandemie richtig zu bewältigen.
Nun gut: Kurze Zeit danach starben im Kanton Tessin viele Menschen, die Grenzen wurden dicht gemacht, die Schulen geschlossen, ganze Wirtschaftszweige lahmgelegt und so weiter und so weiter. Das Virus breitete sich in der ganzen Schweiz aus. Diese Geschichte kennen wir leider unterdessen zur Genüge.
Das muss Konsequenzen haben
Aber die Geschichte der Aufarbeitung dieser Krise, die kennen wir noch nicht. Für mich ist klar: Beim nächsten Mal verlasse ich mich eher auf Einschätzungen der Sicherheitsorgane als auf solche aus Beamtenkreisen.
Übrigens: Bereits Anfang Februar 2020 schrieb der oberste Armeearzt klipp und klar, dass die bestehenden Reserven an Masken auf Bundesstufe (13,3 Millionen) rasch aufgebraucht wären. So versuche die Armeeapotheke, Material zu bestellen. Es war in dieser Zeit, als das BAG sagte, Private sollten sich keine Masken kaufen… aber gleichzeitig (am 7. Februar 2020) hatten, gemäss «Tages-Anzeiger», schon 3 der 7 Departemente Masken bestellt.
Das ist nun wirklich die Höhe: Nach der generellen Fehleinschätzung auch noch die Fehlinformation an die Bevölkerung, keine Masken zu kaufen, während man sich gleichzeitig selber mit Masken eindeckt. Inkompetenz gepaart mit Desinformation. Wann, so fragt sich der besorgte Schweizer Bürger, hat dies für die politisch Verantwortlichen Folgen?
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