Kusters Wochenschau 5/2022

image 3. Februar 2022, 17:30
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Eurozone mit (fast) rekordhoher Verschuldung – Tragfähigkeit noch kaum ein Thema

Nach langer Abwesenheit ist sie wieder zurück: die Inflation. Man spürt sie beim Shoppen – ob als Konsument im Alltag oder als Chefeinkäuferin eines Unternehmens –, man findet sie wieder in den Preisdaten der statistischen Ämtern, in den Medien (der «Nebelspalter» macht keine Ausnahme: siehe beispielsweise hier oder Wochenschau 2/2022) und in den Analysen der Ökonomen und Anlagestrategen. Sie steht auch wieder bei der Geldpolitik im Mittelpunkt des Interesses – wie letzte Woche beim Treffen der US-Notenbank Fed und diesen Donnerstag bei der Europäischen Zentralbank (EZB).
Nachdem die Zentralbanken ihre aussergewöhnlich expansive Geldpolitik lange Jahre unter anderem mit Deflationsgefahren (also einer zu tiefen Inflationsrate) rechtfertigten, sind sie von der Wucht des aktuellen Preisauftriebs überrascht worden. Die entscheidende Frage (nicht nur) für die Zentralbanken lautet: Ist der Schub vorübergehend, also eine einmalige Erhöhung des Preisniveaus, oder besteht die Gefahr, dass die Inflation anhält? Im ersten Fall könnte eine Zentralbank relativ gelassen abwarten, im zweiten müsste sie die Zügel der Geldpolitik rasch anziehen.
Dass es die EZB weniger eilig hat, die Geldpolitik zu normalisieren, als die US-Notenbank wird oft auch mit der Verschuldung der Staaten der Eurozone begründet. Die EZB zögere damit, ihre Anleihenkaufprogramme zu stoppen oder gar die Zinsen anzuheben, weil dies einige aufgrund der Coronakrise noch schwerer mit Schulden beladene Mitgliedländer in die Bredouille bringen könnte, lautet die These. Trifft dies zu, wäre die Geldpolitik nicht mehr nur von der Einschätzung der Preisentwicklung und anderer fundamentaler Daten geprägt, sondern vom Finanzgebaren der Staaten, es wäre nicht mehr weit zur «fiskalischen Dominanz». Die Ökonomen der UBS äussern sich in einer am letzten Tag des Januars veröffentlichten Studie nicht explizit zu dieser These, tragen darin aber viele Daten zur Verschuldung in der Eurozone zusammen. Sie betrachten dabei auf Länderebene nicht nur den Staatssektor, sondern auch die privaten Haushalte, die Unternehmen und die Finanzindustrie.
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Mit 48,4 Billionen Euro hat die Gesamtverschuldung in der Eurozone Ende des dritten Quartals 2021 absolut betrachtet ein Allzeithoch erreicht, in Relation zum Bruttoinlandprodukt (der Wertschöpfung der ganzen Volkswirtschaft) hat sie dieses bereits im ersten Quartal mit 420 Prozent markiert, liegt aber mit 404 Prozent immer noch deutlich über dem Vor-Corona-Wert vom vierten Quartal 2019 (380 Prozent). Für den Schuldenaufbau ist primär der öffentliche Sektor verantwortlich – ein Spiegelbild der umfangreichen staatlichen Beschäftigungsprogramme (Kurzarbeit) sowie anderer Subventionen und Förderungen. Auch in der Schweiz hat der Bund die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt grosszügig mit öffentlichen Geldern unterstützt und die Verschuldung erhöht, allerdings von einem deutlich tieferen Stand aus.
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Der längerfristige Trend für die Staatsverschuldung sieht in der Eurozone nicht gut aus. 2008, vor der Finanz- und Euroschuldenkrise, lag die Quote (heute 116 Prozent) noch 48 Prozentpunkte tiefer. Zum Vergleich: Die Unternehmen haben ihre Schulden im selben Zeitraum «nur» um 16 Prozentpunkte auf 111 Prozent gesteigert. Die Staatsschulden sind deutlich rascher gewachsen als die volkswirtschaftliche Wertschöpfung. Die Sorgen um die Schuldentragfähigkeit seien dank der günstigen Finanzierungskonditionen (rekordtiefe, teilweise sogar negative Zinsen) und der relativ langen durchschnittliche Laufzeit der Staatsschulden (von 6,7 Jahre 2010 auf heute 7,9 Jahre) bislang begrenzt geblieben, schreiben die UBS-Ökonomen. Das könne sich aber mit der Erwartung, dass die Zentralbanken ihre Geldpolitik doch schneller normalisieren, ändern.
Die Entwicklungen in der Geld- und Fiskalpolitik in Euroland sind auch für die Schweizerische Nationalbank (SNB) zentral. Seit Jahren steht der Wechselkurs im Zentrum der Geldpolitik der SNB – und der Euro hat Gewicht, weil er die Währung des für die Schweizer Wirtschaft wichtigsten Handelspartners ist. Der nächste Entscheid der SNB ist indes erst an ihrer Lagebeurteilung am 24. März zu erwarten.
Wer sich für die Inflationsentwicklung interessiert, sollte aber ganz grundsätzlich die Staatsschulden nie aus den Augen verlieren. Die Geschichte kennt viele Beispiele, in denen eine hohe Verschuldung zur Geldentwertung führte. Allerdings gibt es keinen mechanischen, einfachen Zusammenhang zwischen den beiden Grössen – in den vergangenen 15 Jahren, in denen in der Eurozone und in den USA tüchtig Schulden aufgetürmt wurden, verharrte die Teuerungsrate (bis Mitte 2021) auf tiefen Niveaus.

Economiesuisse und die Atomtechnologie

An seiner Jahresmedienkonferenz vom Donnerstag nahm der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse gleich zu mehreren «heissen» Dossiers Stellung. In der Europapolitik rief er den Bundesrat dazu auf, das Abwarten nach dem Abbruch der Verhandlungen über das Rahmenabkommen zu beenden und den bilateralen Weg aktiv zu sichern, wozu es eine gemeinsame Agenda mit der EU brauche. Bei der neuen OECD-Mindeststeuer für Unternehmen begrüsst der Wirtschaftsverband dagegen die vom Bundesrat Anfang des Jahres bekanntgegebenen Eckwerte für die Umsetzung. Dieses Vorgehen bringe Planungssicherheit und schütze vor einer Zusatzbesteuerung im Ausland. Bund und Kantone müssten nun ihren Spielraum für Massnahmen zur Standortförderung ausschöpfen (mit denen der Nachteil der höheren Besteuerung kompensiert werden soll).
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Christian Mäder, Präsident, und Monika Rühl, Direktorin von Economiesuisse, dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Bild: Keystone
Ein grosses Thema war auch die Energieversorgung und der Klimaschutz, wo sich die Schweizer Wirtschaft respektive jedes Unternehmen wissenschaftsbasierte Klimaziele setzen will. Nachdem die EU-Kommission am Mittwoch der Atomkraft und dem Erdgas unter bestimmten Bedingungen definitiv das begehrte Etikett der Nachhaltigkeit erteilt hatte, interessierte natürlich die Haltung von Economiesuisse zum «Revival» der Kernenergie. Auf Anfrage hielt der Verband (der seinerzeit nicht gegen die Energiewende samt Ausstieg angetreten war) fest, dass die Schweiz sich alle Technologien offenhalten sollte, weil niemand wisse, wohin die Entwicklung führe. «Wir sind generell gegen Technologieverbote, die sind nie zielführend.» Auch die Kernenergie sollte deshalb als Option nicht ausgeschlossen werden.

Bringen mehr Frauen in der Führung eine bessere Performance?

Am Samstag hat die «Finanz und Wirtschaft» sich mit dem Einfluss des Frauenanteils im Verwaltungsrat und in der Geschäftsleitung von Unternehmen auf das Geschäftsergebnis und den Aktienkurs beschäftigt. Zahlreiche Studien belegten eine positive Korrelation, allerdings sei es schwierig, eine Kausalität zu zeigen. Mit anderen Worten: Unternehmen mit einem überdurchschnittlichen Frauenanteil weisen in der Regel eine am Ergebnis und Aktienkurs gemessene bessere Performance auf als andere, aber dies liegt nicht unbedingt am höheren Frauenanteil.
Insofern ist die Schlagzeile «Ein hoher Frauenanteil führt zu besserer Performance» etwas sehr zugespitzt – welches Unternehmen würde dann noch Männer in die Leitung berufen wollen? Die Erfahrung legt zwar nahe, dass die Auswahl der Führungskräfte durchaus über Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens entscheiden kann. Es wäre aber wohl eine unzulässige Vereinfachung der menschlichen Natur und eine Geringschätzung der komplexen betrieblichen und wirtschaftlichen Realitäten, den Faktor Unternehmenserfolg an einem einfachen biologischen Merkmal wie dem Geschlecht festmachen zu wollen.

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