Kusters Wochenschau 2/2022

image 13. Januar 2022, 17:30
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Engpässe, Unterbrüche, Personalknappheit, schwierige Rekrutierung und Reiserestriktionen

Im Herbst 2021 waren die Klagen der Unternehmer über Lieferengpässe oder gar Lieferkettenunterbrüche bei Vorprodukten wie Chips und Halbleitern, knappe Logistikkapazitäten und hohe Energiepreise nicht mehr zu überhören (Artikel). Offenbar ist heute immer noch Sand im Getriebe der Weltwirtschaft. Darauf deutet das Quartalsheft hin, das die Schweizerische Nationalbank (SNB) Ende Dezember publiziert hat. Sie wertet darin im Kapital «Konjunktursignale» 241 Gespräche mit Unternehmen aus, die ihre Delegierten für regionale Wirtschaftskontakte vom 11. Oktober bis zum 30. November durchgeführt haben. Wie im Vorquartal bezeichnen rund zwei Drittel der Unternehmen die Beschaffungssituation leicht oder deutlich schwieriger als zu Vor-Corona-Zeiten.
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Zwar fänden die Unternehmen meistens Möglichkeiten, die Produktion aufrechtzuerhalten, doch sei dies häufig mit zusätzlichem Aufwand und Kosten verbunden. Es komme auch zu Produktionsverminderungen und punktuell sogar zu Produktionsstopps. Die Unternehmen rapportieren substanzielle Lieferverzögerungen bei Rohstoffen wie Metallen, Kunststoffen und Chemikalien. Lieferfristen bei IT- und Elektronikprodukten sowie Verpackungsmaterial, die normalerweise wenige Tage betragen, haben sich auf Wochen oder gar Monate ausgedehnt.
Eine Folge davon ist: Die Preise für die begehrte Ware steigen. Angesichts der allgemeinen Preisdynamik gelingt es offenbar auch einigen Unternehmen, ihrerseits höhere Verkaufspreise durchzusetzen und so ihre Margen sogar zu erhöhen. Das ist ein Indiz dafür, dass der hierzulande bisher mässige Preisdruck doch allmählich zunehmen könnte (Wochenschau 50/21).
Bemerkenswert ist zudem, dass die Unternehmen auch über zunehmende Personalknappheit und Probleme bei der Rekrutierung berichten. Der Markt für Berufe mit mittlerem bis hohem Spezialisierungsgrad trockne aus, hält die SNB fest. In der Logistikbranche akzentuieren sich die Rekrutierungsprobleme, in der Hotellerie und Gastronomie dauern sie an. Wer hätte prima vista erwartet, dass ein Schock wie die Pandemie die Arbeitsnachfrage beflügelt, und dies sogar just in den hart getroffenen Branchen? Des Rätsels Lösung: Fachkräfte hätten während der Pandemie die Branche gewechselt, und die Rekrutierung im Ausland sei erschwert – auch das Arbeitsangebot hat sich also gewandelt. Immerhin rechnen die Unternehmen nur mit einer leicht stärkeren Lohndynamik, die Zunahme von 1,5 Prozent für 2022 sollte nicht allzu inflationstreibend wirken.
Im Quartalsheft wird zudem auf die enge Verbindung zwischen pandemiebedingten Reiserestriktionen und dem Aussenhandel hingewiesen. Reiseeinschränkungen hinderten Exporteure daran, Produkte und Ersatzteile wie gewohnt mit Präsenz vor Ort auszuliefern und erschwerten die Akquise neuer Kunden. Anzufügen ist, dass die Praxis zeigt, dass der fehlende Austausch nicht nur Exporteure und deren Kunden betrifft, sondern ebenso Einkaufsmanager, Logistiker, Lieferanten und Kooperationspartner. Ähnlich wie beim Home-Office-Betrieb in den Unternehmen dürfte auch hier gelten: Für eine bestimmte Zeitspanne funktioniert die virtuelle Kommunikation reibungslos, doch diese ist ein «Kapitalverzehrer». Sie zehrt nämlich am sozialen Kapital, am Vertrauen, das seit jeher am besten durch direkte, persönliche Begegnungen gebildet und aufgebaut werden konnte.

Brennendes Altpapier und lahmgelegte IT – Knappheit in einem schrumpfenden Markt

Ein Rohstoff, der in letzter Zeit im Zusammenhang mit Lieferengpässen zu reden gibt, ist das Zeitungspapier. In der Schweiz ist nur noch ein Hersteller domiziliert, die Papierfabrik Perlen. Sie ist Teil der CPH Chemie + Papier Holding AG, deren Aktien an der Börse kotiert sind und die auch eine Anleihe ausstehend hat. Im luzernischen Perlen wird ausser Zeitungspapier auch Magazinpapier produziert; 2020 sorgte die Geschäftssparte für fast die Hälfte des Gesamtumsatzes der Industriegruppe von 445 Millionen Franken.
Im Oktober 2021 führte ein Brand im Altpapierlager in Perlen dazu, dass viele Verlage den Umfang ihrer Zeitungen «vorübergehend» reduzierten – sie sind indes bis heute zumindest gefühlt dünn geblieben. Letzte Woche legte ein Hackerangriff die IT-Systeme der CPH lahm – und setzte dadurch auch die Papiermaschinen in Perlen ausser Gefecht. Nun hat CPH bekanntgegeben, dass die IT wieder läuft und die Produktion spätestens heute Donnerstag wieder aufgenommen wird (Mitteilung). Der grösste Teil des in Perlen erzeugten Papiers wird exportiert – und trägt dazu bei, dass das in ganz Europa begrenzte Angebot nicht noch knapper ist.
Gegen Versorgungsengpässe gäbe es eigentlich mindestens drei Rezepte.
Erstens die Vorratshaltung, die präventiv wirken könnte. Allerdings haben bei einem in der Regel tiefmargigen Massenprodukt wie Zeitungspapier die Hersteller wenige Anreize, ein grosses Lager zu halten, weil dies mit entsprechenden Kosten verbunden ist. Und offenbar sind auch die Druckereien nicht gewillt, Papier im grossen Stil vorrätig zu halten. Vielleicht ist der traditionelle Medienträger den grossen Verlagen, die allesamt Digitalisierungsstrategien vorantreiben, einfach nicht mehr wichtig genug.
Zweitens wäre es naheliegend, dass bei einem anhaltenden Nachfrageüberhang die Produktionskapazitäten ausgebaut würden. In einem strukturell eher schrumpfenden Markt ist das aber nicht unbedingt der Fall – der Mediensprecher von CPH weist darauf hin, dass die letzte neue industrielle Papiermaschine in Kontinentaleuropa im Jahr 2010 in Betrieb ging – in Perlen.
Bleibt drittens als letztes Ventil der Preis, der steigen wird.
Früher gab es in der Schweiz übrigens nicht nur einen Anbieter, sondern eine richtige Papierindustrie. Wie im Fall Perlen waren die Fabriken so wichtig, dass für sie gleich die Ortsbezeichnung verwendet wurde. Biberist und Utzensdorf sind prominente Beispiele dafür. Beide Standorte gehörten zum Marktführer Biber Holding, der 1997 aufgrund des Preiszerfalls und steigender Zinsen Konkurs anmelden musste – wobei die Fabriken mit einem neuen (ausländischen) Eigentümer noch bis 2011 weiterproduzierten (Geschichte). Liquidator der Biber Holding war ein gewisser Karl Wüthrich, der sich bis heute mit dem Abschluss der Verwertung der Swissair-Hinterlassenschaft beschäftigt (Artikel).

«Ergänzungsbriefmarken»: Wer den Rappen nicht ehrt... eine kleine Hommage

Knappes Papier, allerdings nicht in Zeitungsqualität, führte zu Beginn dieses Jahres zu einem Versorgungsengpass spezieller Natur. Der Post gingen die neuen 5- und 10-Rappen-Briefmarken aus (die 20-Rappen-Marke war offenbar weniger begehrt). Es handelt sich dabei um sogenannte Ergänzungsmarken, die aufgrund der Preiserhöhung für A- und B-Post lanciert wurden.
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen – doch für die Gestaltung der Wertpapiere hat die Post Lob verdient. Sie zeigen nämlich ganz schlicht die Vorder- und Rückseite der entsprechenden Münze. Die 10-Rappen-Münze dürfte zumindest in Europa Rekordhalter sein. Es sind nämlich immer noch Exemplare aus dem Prägejahr 1879 in Umlauf, die weiterhin als gesetzliches Zahlungsmittel gelten (Quelle). Ein schönes und handfestes Zeichen für die Wertbeständigkeit und Solidität der Schweizer Währung.

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US-Inflation bei 7 Prozent, Dompteur Jerome Powell – Entlastung für die SNB?

Die Inflation ist in den USA im Dezember auf 7 Prozent geklettert, den höchsten Stand seit den frühen 1980er-Jahren. Jetzt ist Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank, am Zug. Nachdem er die Teuerungsgefahr lange unterschätzt hat, muss er nun seinen Willen, die Teuerung zu bändigen, bevor sie ausser Rand und Band gerät, unter Beweis stellen. Die Notenbank muss den Leitsatz – von einem sehr tiefen Niveau aus – anheben und damit allmählich die Zinsen normalisieren (Wochenschau 48/2021). Und dabei darauf achten, dass das Straffen der geldpolitischen Zügel die Konjunktur und die Finanzmärkte möglichst wenig beeinträchtigt.
Wird die Zinswende in den USA in Europa ebenfalls zu spüren sein? Zwar liegt auch in Euroland die Inflation bei 5 Prozent, doch die Europäische Zentralbank lässt keine Eile erkennen, sondern setzt darauf, dass der Preisauftrieb nur «vorübergehend» ist. Allerdings hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass sich die Zinsentwicklung in Europa nur begrenzt von den US-Zinsen abkoppeln kann. Vielleicht wird man den Begriff «transatlantischer Zinszusammenhang» bald wieder vermehrt verwenden.
Höhere Zinsen im Ausland sind eine gute Nachricht – nicht nur für Anleger, die ihre Mittel beispielsweise in US-Dollar-Anleihen investieren möchten, sondern auch für die SNB. Seit 2009 ist sie am Devisenmarkt aktiv und hat seither für rund 760 Milliarden Franken Fremdwährungen erworben, wie die Ökonomen von Raiffeisen im «Konjunkturcheck» (Link) vorrechnen. Damit hat die SNB den Franken auf einem für die Wirtschaft erträglichen Niveau gehalten. Die Zinswende eröffnet immerhin die Perspektive, dass die SNB nicht nochmal 13 Jahre in ihrer Fixierung auf den Wechselkurs gefangen bleiben muss.
  • 2201_Konjunkturcheck_DE.pdf

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