Sexuelle Gewalt unter Jugendlichen

Kriminologe zu Jugendgewalt: «Das liegt am bildungsfernen, migrantisch geprägten Milieu»

image 16. November 2022, 05:00
Eltern in Zwingen (BL) schafften sich im November vor einem Jahr Gehör, nachdem Kinder im Kindergartenalter angaben, sie seien von Schulkameraden aus der Sekundarschule missbraucht worden. Bild: D. Wahl
Eltern in Zwingen (BL) schafften sich im November vor einem Jahr Gehör, nachdem Kinder im Kindergartenalter angaben, sie seien von Schulkameraden aus der Sekundarschule missbraucht worden. Bild: D. Wahl
Denis Ribeaud, das Thema Jugendgewalt haben Sie und Ihr Institut «Jacobs Center for Productive Youth Development» schon anfangs September in die Medien gebracht. Die Erkenntnis, dass sich sexuelle Gewalt unter Jugendlichen verdreifacht hat, hat sich aber erst am Wochenende, nach der Publikation einer Mädchenbefragung in einer Zürcher Sekundarschule durch die «Sonntagszeitung» breitgeschlagen. Was ist passiert?
Denis Ribeaud: Letztlich etwas ganz Banales: Jemand hat unseren Bericht genauer gelesen und dabei die Befunde nach Schultyp genauer angeschaut. Die Zunahme der sexuellen Gewalt insgesamt war schon im September eine meiner Kernbotschaften. Wir messen diese schon seit 1999 und die sexuelle Nötigung als ihre schwerste Form. Die Zahlen unterlagen minimalen Schwankungen. In der letzten Messperiode von sieben Jahren sind sie nun aber markant gestiegen.

Was wichtig ist:

  • Die sexuelle Gewalt unter den Jugendlichen hat sich in den letzten Jahren verdreifacht. Hauptleittragende sind die Mädchen.
  • Es gibt markante Unterschiede zwischen Klassen mit hohem Migrationsanteil (Sekundarschulen B und C in Zürich) und den Gymnasien.
  • Über der Einfluss der Migration wurde beim Thema Jugendgewalt bislang kaum gesprochen. Nach der Reportage der «Sonntagszeitung» liegt es landesweit auf dem Tisch.


Lassen sich die Zahlen der Zürcher Jugendbefragung auf die ganze Schweiz hochrechnen?
Ich bin vorsichtig. Zürich hat eine Zentrumsfunktion; es gibt viele Auswärtige, die vor allem während ihres Ausgangs am Samstagabend zu Täter und Opfer werden, was die Statistik für die Schweiz verfälscht. Für eine Generalisierung möchte ich die Ergebnisse aus dem Waadtland abwarten, die nächsten Frühling vorhanden sein werden. Allerdings beschreibt die im vergangenen Monat erschienene Studie der ZHAW eine Gewaltzunahme unter Jugendlichen nicht nur in Zürich, sondern auch in der Schweiz insgesamt. Ein Trend zu mehr Gewalt ist also vorhanden.

Kriminologe Denis Ribeaud

Ribeaud ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am «Jacobs Center for Productive Youth Development» der Universität Zürich. Er studierte in Zürich Soziologie und Sozialpsychologie. Danach arbeitete er mehrere Jahre am kriminologischen Institut der Universität Lausanne und promovierte dort in Kriminologie. Seit 2003 ist er wissenschaftlicher Koordinator des Zürcher Projekts zur sozialen Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Er hat auch die beiden letzten Befragungen zu Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kanton Zürich realisiert.

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Kriminologe Denis Ribeaud an der Universität Zürich


Die Opferrate bei sexueller Nötigung von Mädchen hat sich vor allem auf der Stufe der Sekundarschulen B und C im Kanton Zürich vervielfacht. Das sind Schülerinnen, die eine Lehre als Coiffeuse, Verkäuferin oder Handwerksberufe ansteuern. Sie zeigen sich überrascht, wie in der «SonntagsZeitung» zu lesen war. Warum?
Weil der Zuwachs bei sexueller Gewalt generell sehr hoch ist und die Unterschiede zwischen Sekundarschule B und C zur gymnasialen Stufe markant grösser geworden sind. Schon vier Mal seit 1999 haben wir die Zahlen erhoben, die Unterschiede waren schon immer vorhanden. Doch neu über das Mass betroffen sind nun die Jugendlichen, die aus bildungsfernen Familien kommen, wo die Eltern beispielsweise eine abgebrochene oder nur eine minimale Schulbildung im Lebenslauf vorweisen und überdurchschnittlich häufig einen Migrationshintergrund aufweisen. (Siehe Bericht Seite 25)
Den Migrationshintergrund nennen Sie am Schluss. Warum stellen Sie das Offensichtliche hinten an?
Es betrifft in erster Linie «Bildungsferne». Das Etikett Migrationshintergrund finde ich wenig hilfreich, weil die Immigration aus der EU auch viele gebildete und gut situierte Jugendliche in die Schweiz bringt. In zunehmendem Masse sogar.
Wenn man die sinkende Anzeigerate anschaut, dann scheinen es Mädchen mit Wurzeln beispielswiese in Afrika, Sri Lanka und dem Balkan, wie aus der Reportage der «Sonntagszeitung» hervorgeht, hinzunehmen. Was ist Ihre Erklärung dafür?
Bei der Verwendung der Anzeigerate muss man vorsichtig sein. Sie hat sich zwar bei sexueller Gewalt fast halbiert, allerdings ist dieser Rückgang statistisch knapp nicht signifikant. Bei relativ geringen Fallzahlen - wir sprechen von 100 bis 200 Opfern von sexueller Nötigung pro Befragung - kann eine Schlussfolgerung wackelig werden. Ich habe allerdings auch aus der Reportage herausgelesen, dass es bei diesen Mädchen ein Klima der Selbstverständlichkeit gibt, sexuelle Gewalt hinzunehmen. Das ist beunruhigend.
Eine Jugendbefragung aus Basel-Stadt zeigt, dass sich die Jungen eher ihren besten Freunden, den Geschwistern und allenfalls der Mutter anvertrauen. Und nicht dem Staat.
Das ist interessant! Wir haben ebenso gefragt, wem sich die Jugendlichen zuwenden. Diese Antworten wurden aber bisher nicht ausgewertet. Nun, der Grund für den Anzeigerückgang dürfte auch im fehlenden Vertrauen gegenüber der Staatsmacht liegen. Das lässt sich teils sicher mit dem «Image» der Staatsmacht in den Herkunftsländern erklären. Auch Familienehre und Schande dürften in diesem Milieu eine Rolle spielen.

Am Gymi herrscht bei den Mädchen eine vollständige Akzeptanz der Lesben- und Schwulenbezieungen von 92 Prozent, an der Sek B bei den Jungen nur von 25 Prozent.


Die Kulturunterschiede zwischen Gymnasium und Sek B werden ganz besonders in der Frage der Akzeptanz anderer Lebensformen deutlich. Beim Resultat von nur 25 Prozent Zustimmung für Homosexuelle muss man zum Schluss kommen, dass in der Sek B ein regelrechter Schwulenhass herrscht.
Als Schwulenhass würde ich das nicht formulieren. Wir haben gefragt, ob man Lesben- und Schwulenbeziehungen als gleichwertig mit heterosexuellen Beziehungen betrachtet, und jene, die bei beiden Fragen «völlig einverstanden» waren, mit den anderen verglichen. Wer hier mit «eher einverstanden» antwortet kann also nicht automatisch als Schwulenhasser eingestuft werden. Aber richtig, die Unterschiede sind enorm: Am Gymi herrscht bei den Mädchen eine vollständige Akzeptanz von 92 Prozent, an der Sek B bei den Jungen nur von 25 Prozent.
Woran liegt das?
Sicher auch am bildungsfernen, migrantisch geprägten Millieu, wo andere Männlichkeitsvorstellungen und Ehrvorstellungen vorhanden sind. Das Bild, das sich die Jugendlichen dort machen, wird im Wesentlichen aus zwei Quellen genährt: der oft patriarchal geprägten Herkunftskultur sowie gewaltverherrlichenden und frauenverachtenden Formen der aktuellen Populärkultur wie dem «Deutschrap» und gewaltverherrlichenden pornografischen digitalen Inhalten. Es liegt nahe anzunehmen, dass dies gerade bei Jüngeren die Vorstellungen von Beziehungen untereinander beeinflussen kann.
In der «Sonntagszeitung» sagten Sie aber, dass der Pornokonsum kaum eine Rolle spielen dürfte.
Da muss ich nochmals präzisieren: Ich habe diese Vermutung angestellt, weil der Pornokonsum in allen Schultypen stark zugenommen hat. Aber es ist liegt nahe anzunehmen, dass in unterschiedlichen Schultypen unterschiedliche Videos heruntergeladen werden. Dazu haben wir allerdings keine Daten. Und wie ich im Interview gesagt habe, kann je nach Person und Milieu der Pornokonsum in unterschiedlichem Masse als «Vorbild» fungieren, also zu einem «Lernen am Modell» führen. Die Jugendlichen beginnen, sich nach den Bildern zu verhalten. Aber eben: harte Fakten hierzu fehlen uns.
Am Gymi der Blümchensex und in der Sek B der Gangbang?
Das ist wohl überzeichnet. Aber was der Artikel in der «Sonntagszeitung» ans Tageslicht brachte, tönt tatsächlich unappetitlich.
Als die Zürcher Polizei ihre Kriminalitätsstatistik vergangenen Frühling vorstellte, beschwichtigte sie, Grund für die vermehrte sexuelle Gewalt sei eine «eine höhere Bereitschaft zur Anzeige», die Gesellschaft sei wohl sensibilisiert. Das stimmt nicht mit Ihren Ergebnissen überein.
Wir haben die Daten der Kriminalstatistik auch ausgewertet und berücksichtigt. Man sieht dort tatsächliche eine deutliche Zunahme der sexuellen Gewalt. Diese lässt sich aber gemäss unseren Daten definitiv nicht auf rückläufige Anzeigeraten zurückführen. Sexuelle Gewalt hat bei allen von uns untersuchten Formen zwischen 2014 und 2021 sehr deutlich zugenommen.
Das Thema der Zunahme der sexuelle Gewalt bei Jugendlichen wurde von der Polizei also marginalisiert. Woran liegt es, dass die Behörden den Elefanten im Raum nicht benennen wollen?
Das müssen Sie die Polizei fragen.
Ich finde, in Ihrer Medienmitteilung ist das auch nicht sehr deutlich geworden. Dort heisst es: «Von besonderer Bedeutung ist der Befund, dass die Gewaltzunahme vor allem auf eine Zunahme von Gewalttätigkeiten von Jugendlichen zurückzuführen ist, die stark risikobelastet sind.» Wie ist diese Flucht in die abstrakte Wortwahl zu erklären?
Moment, das ist aus dem Zusammenhang gerissen. Bei dieser Aussage ging es um die Summe von 16 Risikofaktoren, die wir analysiert haben – von Gewaltkonflikten Zuhause, über Machoeinstellungen und Gangmitgliedschaften bis zum Konsum verschiedener Substanzen. Mit Blick auf das Gewaltverhalten insgesamt konnten wir nun feststellen, dass die Gewaltzunahme zwischen 2014 und 2021 allein auf die erhöhte Gewaltrate in den zehn Prozent mit der höchsten Risikobelastung zurückgeführt werden kann. Es gibt nicht mehr Täter und Täterinnen als früher, aber stark risikobelastete Täter und Täterinnen sind heute fast doppelt so häufig gewalttätig wie 2014.
Was ist genauer: Ihre Jugend- und Opferbefragung oder die Kriminalitätsstatistik?
Unsere Opferbefragung, auf jeden Fall. Darum führen wir sie auch durch und zwar sehr sorgfältig. Nur ein kleiner Teil der Delikte kommt wirklich zur Anzeige. Dabei kann die Anzeigerate von Jahr zu Jahr deutlich schwanken und so die Kriminalitätsstatistik stark beeinflussen, unabhängig von der eigentlichen Kriminalitätsentwicklung.
Gibt es Schwierigkeiten bei Ihrer Untersuchung der sexuellen Gewalt?
Ja, wir können sie fast nur aus der Opferperspektive betrachten, weil die Täter sich nicht zu erkennen geben oder kein Bewusstsein dafür haben, wenn sie übergriffig werden. Wenn wir symmetrisch die Opfer- und Täterperspektive ermitteln, dann stellen wir generell fest, dass es immer mehr Opfer als Täter zu geben scheint. Das kann am Täterkreis liegen – dass es beispielsweise ältere Täter gibt, die wir bei der Jugendbefragung nicht erfassen. Aber alle Unterschiede lassen sich damit nicht erklären. Obwohl wir sehr konkret nach bestimmten Verhalten fragen, also etwa «eine/n Schüler/in sexuell belästigt (angemacht, begrapscht)», scheint bei manchen Tätern wenig Unrechtsbewusstsein vorhanden zu sein, so dass sie ihr Verhalten auch nicht berichten. Wir finden grundsätzlich immer einen Unterschied zwischen Opfer- und Täterzahlen. Aber bei Sexualdelikten dieser Unterschied riesig und die Täterzahlen sehr klein.
Gibt es Lichtblicke?
Ja, und ein Paradoxon, das ich nicht auflösen kann: Obwohl sexuelle Gewalt offenbar zugenommen hat, zeigen unsere Befragungen in den letzten Jahren sowohl eine zunehmende Befürwortung von Gleichberechtigung und eine Abnahme von «gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen» bzw. «Machoeinstellungen», und zwar in allen Schultypen, also auch in der Sek B/C. Solche Werteinstellungen können zwar Unterschiede in der Gewaltbereitschaft zwischen den Schultypen teilweise erklären, aber sie können offensichtlich nicht die jüngste Zunahme der sexuellen Gewalt erklären.
Was sind Ihre Lösungsansätze?
Die Schulen machen sehr viel, um die die gesamte Schülerschaft auf den hiesigen Wertekanon zu sensibilisieren. Das ist eine riesige, alltägliche Knochenarbeit, die den Schulen überwälzt wird und nicht einfach mit einem Präventionsnachmittag oder in einer Lektion erledigt ist. Die Schulen müssen laufend gleichberechtigte Beziehungen, Voraussetzung für einen gewaltlosen Umgang miteinander fördern. Es gibt unterdessen auch das Präventionsprogramm «Herzsprung» aus der Romandie zur Förderung positiver Paarbeziehungen unter Jugendlichen. Das kann sicher ebenfalls hilfreich sein und die Schulen in ihrer Arbeit unterstützen. Und schliesslich denke ich auch, dass eine grössere Durchmischung in den Schulklassen wichtig ist, damit die Lebenswelten nicht auseinanderdriften und die Jugendlichen in ihrem Milieu in einer Bubble bleiben.
Da werden sich die Eltern bedanken. Ist es wirklich die Aufgabe der sozialisierten Kinder, die Integrationsleistung zu übernehmen und das importierte Gewaltpotenzial zu dämpfen helfen?
Ja, das Argument kenne und verstehe ich. Das erklärt auch die gesamte Polarisierung in der Frage der Durchmischung. Und dennoch ist Durchmischung stets ein wichtiger Integrationsfaktor.

  • Studie.pdf

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