Kompass/Europa: Gaskraftwerke sollen die Stromlücke schliessen

Kompass/Europa: Gaskraftwerke sollen die Stromlücke schliessen

Das Rahmenabkommen ist gebodigt. Jetzt kümmert sich Kompass/Europa um die Stromzukunft der Schweiz: Es brauche ein Interimsabkommen über Strom mit der EU, sagt die Gruppierung – und Gaskraftwerke, um die Versorgung im Winter sicherzustellen.

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von Alex Reichmuth am 10.9.2021, 18:00 Uhr
Bald auch in der Schweiz? Gaskraftwerk im deutschen Werne. Bild: Keystone
Bald auch in der Schweiz? Gaskraftwerk im deutschen Werne. Bild: Keystone
Im Frühling ist klar geworden, dass es auf absehbare Zeit kein Strommarktabkommen mit der EU gibt. Die Union will der Schweiz nach dem «Nein» des Bundesrats zum Rahmenabkommen keine weiteren Sektorabkommen zugestehen – auch keines in Sachen Strom. Seither ist in unserem Land Feuer im Dach. Es wird heiss darüber diskutiert, wie die Schweiz ihre künftige Stromversorgung auch ohne Einbindung in die EU sichern kann.
Sowieso plagen das Land seit längerem Stromsorgen (mehr dazu hier). Schon mehrfach hat die Elektrizitätskommission (Elcom) vor Versorgungslücken gewarnt, die vor allem im Winter drohen. Denn der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt nicht vom Fleck. Gleichzeitig dürfte der Stromverbrauch in den nächsten Jahren wegen der angestrebten Elektrifizierung in den Bereichen Verkehr und Gebäude kräftig steigen. Eine Expertenkommission der Schweizer Hochschulen hat letzte Woche einen Mehrverbrauch von 30 bis 50 Prozent bis ins Jahr 2050 in Aussicht gestellt (siehe hier).

«Missliche Situation»

Nun schaltet sich Kompass/Europa ein. Die Gruppierung mit über 1500 Mitgliedern hat sich im letzten Januar gebildet – mit dem Ziel, das Rahmenabkommen mit der EU zu bekämpfen. Kompass/Europa hat dabei immer versprochen, sich nach einem «Nein» zum Rahmenabkommen konstruktiv um Lösungen zu bemühen. «Dieses Versprechen lösen wir ein», sagte Philip Erzinger, Geschäftsführer der Gruppierung, am Freitag an einer Medienkonferenz.

Es gelte jetzt, entsprechende «Irrtümer und Falschannahmen» zu beseitigen und «Tacheles» zu reden.


Konkret hat Kompass/Europa eine Taskforce «Elektrizität» unter Leitung des früheren Alpiq-Chefs Hans Schweickardt eingesetzt. Und diese ist nun zum Schluss gekommen, dass die Zeit drängt. Die künftige Stromversorgung sei nicht gesichert, und das Risiko von Blackouts steige, sagte Schweickardt am Freitag.
Bis jetzt sei der Bevölkerung weisgemacht worden, die Stromlücke könne mit einem Zubau an Ökostrom gefüllt werden, betonte Philip Erzinger. Aber das stimme nicht. Es gelte jetzt, entsprechende «Irrtümer und Falschannahmen» zu beseitigen und «Tacheles» zu reden. Alle Akteure müssten entschlossen handeln, um die «missliche Situation» zu bewältigen.

Einsatz an mindestens 35 Tagen im Jahr

Konkret schlägt Kompass/Europa den Bau mehrerer Gaskombikraftwerke vor, um die Stromversorgung sicherzustellen. Die Gruppierung stützt sich dabei auf eine Studie der Investmentgesellschaft Partners Group unter der Ägide von Esther Peiner ab. Gemäss den Szenarien der Studie sollen die Gaskraftwerke während mindestens 35 Tage im Jahr eine Leistung von 3000 Megawatt beitragen, was knapp der dreifachen Leistung des Atomkraftwerks Gösgen entspricht.
Gaskraftwerke stehen mit ihrem Austoss an Treibhausgasen den Schweizer Klimazielen eigentlich entgegen. Doch Peiner wies an der Medienkonferenz darauf hin, dass der Strom, den die Schweiz ohne Gaskraftwerke aus dem Ausland importieren müsste, ebenso CO2-intensiv wäre – weil dieser häufig aus Kohlekraftwerken kommt. Die Stärkung der Selbstversorgung durch Gaskraft verschlechtere den CO2-Fussabdruck von daher nicht.

Biodiesel und Wasserstoff

Zudem gäbe es in Zukunft Möglichkeiten, Gaskraftwerke nachhaltig zu betreiben, so Esther Peiner. Eine Option sei, in den Kraftwerken statt Erdgas grüne Brennstoffe wie Biodiesel, Bioethanol oder Wasserstoff zu verwenden – eine andere, CO2 abzuscheiden und unterirdisch zu lagern. Allerdings: Heute ist das Angebot an bezahlbaren grünen Brennstoffen noch sehr begrenzt. Und die CO2-Abscheidung ist eine Technologie, die sich erst in der Entwicklung befindet.

Der Bau von Gaskraftwerken führt gemäss Kompass/Europa für die Stromkonsumenten zu einer verkraftbaren Preiserhöhung von 0,65 Rappen pro Kilowattstunde.


Die Finanzierung neuer Gaskraftwerke könne mit «Kapazitätszahlungen» von rund 6 Milliarden Franken, verteilt über 15 Jahre, sichergestellt werden. Das führe für die Stromkonsumenten zu einer verkraftbaren Preiserhöhung von 0,65 Rappen pro Kilowattstunde, rechnete Peiner vor – was weniger als vier Prozent ausmache.
Eine Absage erteilte Kompass/Europa dem Neubau von Atomkraftwerken. «Die Kernkraft ist ein Auslaufmodell», sagte Hans Schweickardt. Die bestehenden AKW sollten aber so lange weiterlaufen, wie sie sicher betrieben werden könnten.

Runder Tisch mit allen relevanten Akteuren

Darüber hinaus gelte es, im Stromdossier auf eine Lösung für die Beziehungen zur EU hinzuarbeiten, betonten die Vertreter von Kompass/Europa. In erster Linie sei ein Interimsabkommen über Strom anzustreben, das die Zusammenarbeit mit der Union auf eine stabile – wenn auch provisorische – Basis stelle. Auf allfällige Widerstände der EU angesprochen, sagte Philip Erzinger, Europa habe ein Interesse an stabilen Stromnetzen und deshalb an einer Einbindung der Schweiz. Darauf müsse man hinweisen.
Kompass/Europa empfiehlt weiter, alle relevanten Akteure der Stromwirtschaft an einen Runden Tisch zu bringen, um eine Lösung für die Beziehungen zur EU im Stromdossier zu erarbeiten. Der Bundesrat solle sofort «auf höchster diplomatischer Ebene» Kontakt zur EU und zu mitbetroffenen Nachbarländern aufnehmen, «um dort den Verantwortlichen aufzuzeigen, dass eine baldige, nachhaltige und gute Lösung im Stromdossier für beide Seiten von grösstem Interesse ist». Weiter solle die Regierung wenn möglich einen Staatssekretär für Strom ernennen.

«Umfassende Informationskampagne»

Aus Sicht von Kompass/Europa muss es jetzt schnell vorwärts gehen. Die neuen Gaskraftwerke sollen bereits in fünf bis sieben Jahren ans Netz gehen. Um die Akzeptanz solcher Kraftwerke sicherzustellen, verlangt die Gruppierung eine «umfassende Informationskampagne», um der Bevölkerung die «Dringlichkeit und Gefährlichkeit der Lage» klarzumachen.
(Hier ein Gespräch mit Kompass/Europa-Gründer Fredy Gantner)

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