Kohleausstieg in Deutschland: Abgestellte Kraftwerke wieder am Netz

Kohleausstieg in Deutschland: Abgestellte Kraftwerke wieder am Netz

Es kann im nördlichen Nachbarland nicht schnell genug gehen mit dem Kohleausstieg. Doch jetzt mussten mehrere eigentlich stillgelegte Werke wieder in Betrieb genommen werden, um das Netz zu stabilisieren. Eine Anlage bleibt sogar bis September 2022 in Reserve.

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von Alex Reichmuth am 3.6.2021, 07:00 Uhr
Kohlenkraftwerke brauchte es weiterhin zur Sicherstellung der Netzstabilität. Bild: Shutterstock
Kohlenkraftwerke brauchte es weiterhin zur Sicherstellung der Netzstabilität. Bild: Shutterstock
Schon bis 2045 will Deutschland die sogenannte Klimaneutralität erreichen. Bis dann soll der Ausstoss an Treibhausgasen unter dem Strich null betragen. Bisher war dieses Ziel erst für 2050 vorgesehen. Und bis 2030 soll der Ausstoss an CO2 um 65 statt wie geplant um 55 Prozent reduziert werden. Grund dafür ist ein Urteil des Bundesverfassungsgericht, das auf mehr Geschwindigkeit beim Klimaschutz drängt.
Ohne Zweifel: Deutschland ist in einer eigentlichen Klimakampf-Euphorie und steckt sich immer noch wahnwitzigere Ziele. «So unglaublich sei das Tempo, sie müssten sich manchmal in den Arm kneifen, räumen selbst hohe Regierungsbeamte in diesen Tagen ein», schrieb die «Süddeutsche Zeitung».

Deutschland ist in einer eigentlichen Klimakampf-Euphorie und steckt sich immer noch wahnwitzigere Ziele.


In den Arm kneifen musste sich wohl auch Markus Krebber, neuer Chef von Deutschlands grösstem Stromproduzenten RWE, als er kürzlich am firmeneigenen Steinkohlekraftwerk Westfalen vorbeigefahren ist. Das Kraftwerk wurde eigentlich am 1. Januar dieses Jahres nach einer Stilllegungs-Auktion ausser Betrieb genommen. «Das lief da aber wieder», sagt Krebber zur «Welt am Sonntag». Das Kraftwerk sei vom zuständigen Übertragungsnetzbetreiber zum Betrieb aufgefordert worden, und das nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. «Es geht offenbar nicht ohne», meinte Krebber weiter. Man könne ja nicht anfangen, den Strom zu rationieren.
Deutschland hat nebst dem Ausstieg aus der Atomkraft inzwischen auch den Ausstieg aus der Kohlekraft in Angriff genommen und per Anfang dieses Jahres elf Steinkohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 4,7 Gigawatt abgeschaltet. Die Betreiber wurden für das vorzeitige Aus entschädigt. Unter den abgeschalteten Anlagen befinden sich neben dem erwähnten Kraftwerk Westfalen auch die Kraftwerke Heyden und Wilhelmshaven des Energieversorgers Uniper. Doch der Start in den Kohleausstieg erweist sich als Fehlstart.

Heyden musste mehrmals hochgefahren werden

Schon im März berichtete die «Welt», dass das Kraftwerk Heyden vorerst unverzichtbar für die sichere Stromversorgung sein könnte. «Die Anlage, die noch in ständiger Betriebsbereitschaft gehalten wird, musste auf Ersuchen des Netzbetreibers Tennet bereits sechsmal hochgefahren werden», so die Zeitung. Das sei insbesondere während sogenannter Dunkelflauten der Fall gewesen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht geht, und darum weder Wind- noch Solarstrom bereitsteht.
Tennet hat wegen den Problemen beantragt, Heyden in die sogenannte Netzreserve überzuführen. Diese Woche hat die Bundesnetzagentur nun bekannt gegeben, dass das Grosskraftwerk als «systemrelevant» eingestuft und bis September 2022 als Reservekraftwerk weiter betrieben wird. Die konkreten Einsätze werden auf Anforderung von Tennet erfolgen – immer dann, wenn dies für die Sicherheit des Stromnetzes nötig ist. Nebst Heyden musste auch das Kohlekraftwerk Wilhelmshaven wegen Netzproblemen mehrmals hochgefahren werden.

Diese Woche hat die Bundesnetzagentur bekannt gegeben, dass das Grosskraftwerk Heyden als «systemrelevant» eingestuft und bis September 2022 als Reservekraftwerk weiter betrieben wird.


Bei der Netzbetreiberin Tennet sieht man die Sache nicht so dramatisch. Mathias Fischer, Sprecher von Tennet, betont auf Anfrage, dass die Wiederinbetriebnahme der Kraftwerke nur zur Spannungserhaltung, nicht aber zur Stromproduktion erfolgt sei. «Hierbei geht es um die sichere Spannungshaltung im Netz, damit der Strom insgesamt sicher transportiert werden kann. Es geht nicht um Energieerzeugung (...), also nicht um Kohleverstromung.» Man spreche hier von einem spannungsbedingten Redispatch-Bedarf, um sogenannte Blindleistung bereitzustellen, so Fischer weiter.

Alternativstrom lässt das Netz instabil werden

Auch Michael Reifenberg, Sprecher der Bundesnetzagentur, spricht von «spannungsbedingten Redispatchmassnahmen». Aus den verschiedenen Wiederinbetriebnahmen von Kohlekraftwerken könne nicht geschlossen werden, dass die erneuerbaren Stromquellen keine ausreichende Versorgungssicherheit brächten. «Es besteht ebenfalls kein Zusammenhang zwischen dem Auftreten eines regionalen Blindleistungsdefizits und der Stromerzeugung aus Erneuerbare-Energien-Anlagen.» Reifenberg schreibt aber weiter: Die Notwendigkeit zu Redispatch-Massnahmen «hat seine Ursache darin, dass der Ausbau des Übertragungsnetzes bislang nicht mit der Zubaugeschwindigkeit von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien Schritt gehalten hat».
Im Klartext führt die Einspeisung grosser Mengen an fluktuierendem Alternativstrom regelmässig zu Netzinstabilitäten. Je mehr unregelmässig anfallender Sonnen- und Windstrom ins Netz gehen, desto öfter müssen Notmassnahmen ergriffen werden, um das Netz zu stabilisieren. Das lässt sich offenbar nur bewerkstelligen, wenn die eigentlich stillgelegten Kohlekraftwerke wieder anspringen und Blindleistung liefern. Nur so lässt sich ein Zusammenbruch des Stromübertragungsnetzes verhindern.

«Die neuen Klimaziele stehen fest, aber der Weg dahin bleibt im Nebel.»

Wolfgang Grosse Entrup, Verband der chemischen Industrie

In der Wirtschaft scheint man jedenfalls zunehmend beunruhigt darüber, wie die Koalitionsregierung beim Klimaschutz vorgeht. «Es fehlt der Plan, mit welchen konkreten Massnahmen Treibhausgasneutralität verlässlich umgesetzt und gleichzeitig die Industrie vor Wettbewerbsnachteilen geschützt werden kann», kritisierte Wolfgang Grosse Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der chemischen Industrie, ebenfalls in der «Welt». «Die neuen Klimaziele stehen fest, aber der Weg dahin bleibt im Nebel.»
Auch in der Politik kommen kritische Stimmen auf. «Es ist Wahnsinn, wie leichtfertig Union und SPD weitreichende Entscheidungen treffen und sich weder über die Konsequenzen für Wirtschaft und Verbraucher, noch über den tatsächlichen Nutzen für den Klimaschutz ernsthafte Gedanken machen», sagte Lukas Köhler, klimapolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Wie es scheint, macht sich in Deutschland allmählich Ernüchterung über den Kohleausstieg und andere überhastete Massnahmen breit.

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